E-Books

Amazon will Buchpreisbindung zu Fall bringen

Amazon mischt das Geschäft deutscher Verleger derzeit mächtig auf. Der Versandriese hat es offenbar auf die Buchpreisbindung im Internet abgesehen – die Nerven in der Branche liegen blank.

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Schon als Jugendliche hatte Emily Bold Liebesromane verschlungen und tief in sich den Wunsch verspürt, selbst zur Feder zu greifen und Bücher zu schreiben. Als die gelernte Chemielaborantin ihr 368 Seiten starkes Erstlingswerk fertiggestellt hatte, schrieb sie motiviert Verleger und Agenten an, erinnert sich die heute 32-Jährige. Doch die Antwort war mehr oder weniger immer dieselbe: "Ich könne zwar schreiben, sagte man mir, aber der Stoff sei einfach nicht passend für den deutschen Markt", sagt Bold.

Dank des Internetkonzerns Amazon sollte die Schriftstellerkarriere der Frau schließlich doch noch an Fahrt gewinnen: Sie stellte ihr Buch als "Direct Publisher" eigenhändig auf den Seiten von Amazon ein – und fand rasend schnell ihre Leser. Ihr historischer Schmöker "Gefährliche Intrigen" zum Preis von 3,49 Euro schoss hoch auf den ersten Platz in der Rangliste der elektronischen Bücher. 10.000 E-Books hat Bold inzwischen verkauft.

Ernsthafte Konkurrenz

Es sind Geschichten wie diese, die den Buchverlegern hierzulande Sorgenfalten auf die Stirn malen: Sie hatten jahrelang in guter Freundschaft mit Amazon gelebt – war die Online-Plattform doch das willkommene Vehikel, um die eigenen Bücher zu Lesern in die entlegensten Winkel zu bringen. Doch die Zeiten sind ungemütlich geworden: Mit eigenen verlegerischen Angeboten grätscht der Megaversandhändler aus Seattle zunehmend in das angestammte Geschäft der Buchverlage hinein. "Amazon schwingt sich auf zu einem sehr ernsthaften Konkurrenten für die Verlage", bringt der Medienberater Rüdiger Wischenbart die Gefechtslage auf den Punkt. Amazon drohe die ganze Wertschöpfungskette der Buchbranche "unglaublich durcheinanderzuwirbeln".

Tatsächlich sind die verlegerischen Aktivitäten Amazons hierzulande derzeit noch überschaubar. Zwar haben bislang durchaus etliche Autoren die Direktverlegerangebote des Internetriesen genutzt, um ihre Bücher auf eigene Faust und an den Agenten und Verlagen vorbei an den Mann zu bringen. Doch selbst Erfolgskarrieren wie die des Berliner Autoren Jonas Winner, der es mit seinem Buch "Berlin Gothic" auf diesem Weg zum Bestsellerautor bei Amazon brachte, wird auf der Verlagsseite als noch verkraftbarer "Kollateralschaden" betrachtet. Doch in den USA ist der Konzern wesentlich aktiver als Verleger. Und das, so die Befürchtung, wird bald auch in Deutschland so sein.

Während man etwa beim deutschen Rowohlt-Verlag den Vorstoß des US-Internetriesen in das Verlagsgeschäft noch reichlich vornehm als "zwar ernst zu nehmenden, aber zu tolerierenden Fall von Coopetition" bezeichnet, wird an anderer Stelle deutlicher, wie blank die Nerven tatsächlich liegen. "Die Kombination aus verlegerischer Betreuung und weltweiter Reichweite, die Amazon bietet, ist zweifellos reizvoll", sagt Imre Török, der als Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller die Speerspitze der von Amazon umworbenen Zunft darstellt. Doch gerade kleine Verlage könnten von den Aktivitäten eines solchen Riesen, der die Taschen voller Geld hat, an den Rand gedrückt werden, fürchtet der Ungar. Denn nur wer ertragsreiche Bücher im Portfolio hat, hat die finanzielle Lockerheit, an anderer Stelle auch Risiken einzugehen – und etwa unbekannten Autoren eine Stimme zu verleihen.

Noch beteuert Amazon zwar explizit, "Amazon Publishing" – also die komplettverlegerische Betreuung von Autoren – sei ausschließlich auf den amerikanischen Markt beschränkt. Doch schon heute machen Gerüchte die Runde, dass das Unternehmen hierzulande ein eigenes Lektorat aufbauen will. Ohnehin sei ein Export der Verlegerangebote auch in andere Regionen des 140 Länder umspannenden Amazon-Imperiums nur eine Frage der Zeit, sind sich Branchenexperten sicher.

Trotzdem fühlt sich die deutsche Verlagsbranche nicht ganz schutzlos. So verweist der Geschäftsführer von Rowohlt, Peter Kraus vom Cleff, auf die Komplexität des Verlagsgeschäfts mitsamt Auswahl und Bearbeitung Tausender Manuskripte pro Jahr, Lizenzenvertrieb und aufwendiger Marketingaktivitäten: "95 Prozent der eingesandten Manuskripte schaffen es am Ende nicht in den Druck; da muss man sich schon die Frage stellen, wie gut Amazon solch eine Quote vor seinen Aktionären verantworten könnte."

Dennoch: Wenn sich in der kommenden Woche die Branche zur Leipziger Buchmesse trifft, wird die Stimmung der Buchhändler angeknackst sein. Wie schon 2010 mussten sie auch im vergangenen Jahr erneut schmerzhafte Umsatzverluste hinnehmen, etwa drei Prozent. Zwar haben es digitale Bücher vor allem wegen des vergleichsweise hohen Verkaufspreises in Deutschland noch schwer und kommen bislang nur auf einen Marktanteil von mageren ein bis zwei Prozent. Dennoch steigt die Zahl der verkauften E-Reader rasant. Und so sind es am Ende doch die E-Books, die die Wachstumsfantasien in der Branche nähren – ausgerechnet das Feld, auf dem sich Amazon breitmachen will.

Kartellverfahren gegen Verlage

Und als sei all das nicht schon beunruhigend genug, hat es Amazon obendrein noch auf die Buchpreisbindung im Internet, die bislang hierzulande auch auf E-Books angewandt wird und die dafür sorgt, dass die elektronischen Bücher mehr oder weniger dasselbe kosten wie ihre Pendants auf Papier, abgesehen. Auf eine Beschwerde von Amazon hin hatte die EU-Kommission Ende 2011 ein Kartellverfahren gegen mehrere internationale Verlagsgruppen eingeleitet – darunter der deutsche Holtzbrinck-Verlag. Im Visier der Kartellwächter steht die Frage, ob die Verlage und der Amazon-Wettbewerber Apple durch vertragliche Regelungen wettbewerbsbeschränkende Preisabsprachen für den E-Book-Verkauf getroffen haben. Noch laufen die Ermittlungen. Aber sollte die Kommission den Verdacht als bestätigt ansehen, fürchten Juristen, könnte die von den Verlagen hochgeschätzte Buchpreisbindung für digitale Bücher gefährlich ins Wanken geraten.

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