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25.11.08

Pharmazie

Warum Studien über Medikamente verschwinden

Ergebnisse von medizinischen Studien klingen oft toll. Dabei verschwinden wichtige Daten oft in den Tresoren der Entwicklerfirmen, wenn sie kein gutes Licht auf deren Medikamente werfen. Das traurige Ergebnis: Selbst Ärzte, die sich in ihren Fachzeitschriften informieren, bekommen so kein objektives BIld.

© chromorange
Ein Arzt hat in seinen Händen Tabletten und Ampullen
Tabletten, Ampullen... der Arzneimittelmarkt ist bunt und vielfältig. Die Studien dazu sind es auch

Wenn Ärzte über die medikamentöse Behandlung ihrer Patienten entscheiden, sind sie auf unabhängige und umfassende Informationen angewiesen: Wirkt eine Arznei auch gut? Sind gravierende Nebenwirkungen zu erwarten? Lohnt es sich, das Arzneimittelbudget mit einem teuren neuen Präparat zu belasten, oder gibt es günstige Alternativen?

Bei der Beantwortung setzen sie auf Fachmagazine. Doch dort fehlen oft relevante Daten – sie sind in den Tresoren der Entwicklerfirmen verschwunden, wenn sie kein gutes Licht auf deren Präparate werfen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher um Kristin Rising von der Universität Kalifornien in San Francisco jetzt im Fachmagazin "PLoS Medicine".

Fazit: Aus den für Mediziner relevanten Fachmedien ergibt sich oft ein verfälschtes Bild. Studien, die positiv ausfallen, werden überbewertet, andere werden ausgeblendet, wenn sie nicht aussagekräftig sind oder in denen sich der Wirkstoff als nebenwirkungsreich oder wenig wirksam erwiesen hat. Zwar hatten die kalifornischen Forscher Medikamente betrachtet, die von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wurden, doch deutsche Experten gehen davon aus, dass das Phänomen weltweit verbreitet ist.

Die Forscher um Rising hatten "New Drug Applications" (NDA) untersucht – Dossiers der Pharmafirmen, die diese im Zulassungsverfahren bei der FDA eingereicht hatten. Die Medikamente waren in den Jahren 2001 und 2002 zugelassen worden. Innerhalb dieser NDAs hatten die Forscher die eingereichten Wirksamkeitsstudien betrachtet und verglichen, welche in den darauf folgenden fünf Jahren auch in Fachmagazinen veröffentlicht worden waren.

Kein Nutzen für Patienten

Die Analyse zeigte, dass nur drei Viertel der Wirksamkeitsstudien in den NDAs in den Journalen auftauchten. Dabei war die Publikation eines positiv ausfallenden Ergebnisses fünf Mal wahrscheinlicher als die eines negativ ausfallenden. 155 Versuchsergebnisse tauchten sowohl in den NDAs auf als auch in Fachjournalen; 41 nur in den NDAs, nicht aber in den Journalen. 17 Studien wurden nur in Journalen veröffentlicht, nicht aber der Zulassungsbehörde vorgelegt. Von 43 Studien in den Dossiers, die für die Patienten keinen Nutzen belegen konnten, wurde nur die Hälfte auch öffentlich gemacht. Schließlich gab es auch Fälle, in denen die Fachpublikation das neue Medikament positiver darstellte als die Zulassungsunterlagen. Die leicht zugängliche Fachliteratur – und nur die kann von Ärzten realistischerweise gesichtet werden – tendiere also dazu, ein positiv verzerrtes Bild zu malen, schreiben die Forscher.

Die neue Untersuchung ist eine Bestätigung früherer Analysen, sagt Wolfgang Becker-Brüser vom Berliner Fachinformationsdienst "Arznei-Telegramm" (a-t). Bekannt sei beispielsweise die Arbeit des schwedischen Biostatistikers Hans Melander. Der hatte für Antidepressiva belegt, dass die Entwickler ungünstige Testergebnisse in zusammenfassenden Publikationen "versteckt" oder gar nicht veröffentlicht hatten. "Auf diese Weise werden die Studienergebnisse positiv überhöht", sagt Becker-Brüser.

Internationales Register nötig

Eine Möglichkeit, solche Verzerrungen zu verhindern, um ein objektiveres Bild bieten zu können, wären internationale Studienregister. Sie listen einmal genehmigte Arbeiten zu Wirkstoffen auf und ermöglichen es so, nachzuverfolgen, was aus ihnen geworden ist. "Das macht aber nur Sinn, wenn nur ein großes, übergreifendes Register existiert und nicht viele kleine auf nationaler Ebene oder auf den Servern einzelner Firmen", sagt Becker-Brüser. Bislang seien aber alle Bestrebungen für solch ein Register, das "maximal transparent" ist, wegen der Widerstände der Pharmafirmen ins Leere gelaufen.

Gegenüber beispielsweise den 1970er-Jahren verfügen Mediziner heute über eine große Vielfalt an Informationen, sagt der a-t-Geschäftsführer. "Doch noch immer bestehen große Transparenzmängel." Dadurch, dass es den Arzneiherstellern noch immer nicht zwingend vorgeschrieben sei, alle der Zulassung zugrunde liegenden Studien im Original zu veröffentlichen, sind Forscher und Ärzte auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen, etwa Fachinformationen, die in Absprache zwischen Zulassungsbehörden und Hersteller verfasst werden. Ob aber die Studien medizinisch korrekt durchgeführt und statistisch sauber interpretiert wurden und ob neue Präparate einen Zusatznutzen für den Patienten bringen oder nur Geld in die Kassen der Hersteller spülen sollen, das lasse sich aus solchen Sekundärquellen nicht erschließen.

Als Beispiel nennt Wolfgang Becker-Brüser den Impfstoff Gardasil gegen das Krebs verursachende Papilloma-Virus. "Die Zulassung wurde auf der Basis von Zwischenergebnissen erteilt. Vollständige Daten fehlen noch immer, weshalb auch bei vielen Medizinern Ernüchterung eingetreten ist."

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