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14.07.08

Medizin

Hoffnung für die Nerven von MS-Patienten

Multiple Sklerose ist nach wie vor nicht heilbar – vor allem wegen unterschiedlicher Symptome und dem schubweisen Auftreten. Das macht Therapien sehr schwierig. Weltweit wird aktiv nach Therapieformen für MS geforscht. Tabletten sollen künftig die Angriffe auf die Nerven vermindern oder ganz verhindern.

© dpa
Schwerstbehindertenbetreuung durch "Zivis"
Ein Zivildienstleistender hilft einer MS-Patientin, die unter einer starken Gehbehinderung leidet, in den Rollstuhl

Nur wenige Krankheiten werden in der Öffentlichkeit so unheimlich wahrgenommen wie die disseminierte Enzephalomyelitis oder Multiple Sklerose, kurz MS. Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Zum einen ist MS nach wie vor nicht heilbar, zum anderen verläuft sie zumeist schubweise und darüber hinaus mit den unterschiedlichsten Symptomen. Die MS wird deshalb "Krankheit der tausend Gesichter" genannt. Für die weltweit rund 2,5 Millionen MS-Betroffenen bedeutet die Diagnose ein nicht kalkulierbares Leid. Gleichwohl haben sich die Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren verbessert. Die Medizinforschung investiert große Summen in die Entwicklung neuer Medikamente und setzt dabei auch auf ungewöhnliche Kooperationsformen.

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des Zentralen Nervensystems. Im Gehirn und Rückenmark werden Nervenbahnen von körpereigenen Abwehrzellen angegriffen. Der Aufbau einer Nervenbahn ähnelt dem eines beliebigen Elektrokabels, das aus einem leitenden Kupferdraht und einem den Draht schützenden weißen Plastikmantel besteht. Auch der Impulse leitende innere Teil der Nerven, das Axon, wird von einem Schutzmantel umgeben, der Myelinscheide. Bei der MS wird zunächst die Myelinscheide an vielfachen (multiplen) Stellen (Entzündungsherden) angegriffen (entmarkt), aber auch das Axon selbst kann beschädigt werden.

Weil die einzelnen Regionen von Hirn und Rückenmark unterschiedliche Aufgaben haben, hat die MS so viele Erscheinungsformen. Je nachdem welche Regionen betroffen sind, kann es zum Beispiel zu Seh- oder Gehstörungen kommen. Auch das macht Therapien schwierig. Zwischen den Schüben werden die Patienten oft mit Medikamenten behandelt, die auf das Immunsystem wirken, wie Beta-Interferone oder Copaxone.

Seit einigen Jahren konzentriert sich die Forschung darauf, gezielt T- und B-Zellen des Immunsystems lahmzulegen, von denen vermutet wird, dass sie die Krankheit auslösen. Angriffe auf die Nerven sollen so im Vorfeld verhindert oder zumindest vermindert werden. Zudem werden Arzneien gesucht, die als Tablette eingenommen werden können. Bisher müssen fast alle MS-Mittel gespritzt werden.

Auf dem Weg zu einer oralen Therapie weit fortgeschritten ist FTY720, ein Mittel, das bereits die dritte Studienphase durchläuft: Als Tablette eingenommen, soll es bewirken, dass autoimmune T-Zellen in den Lymphknoten gefangen bleiben, sodass sie keinen Schaden im Gehirn anrichten können.

"Weltweit wird sehr aktiv nach neuen Therapieformen für MS geforscht", sagt Professor Reinhard Hohlfeld, Direktor des Instituts für klinische Neuroimmunologie am Uniklinikum München-Großhadern. "Neue Ansätze schießen wie Pilze aus dem Boden. Manche sind bekömmlich, andere könnten sich auch als schädlich erweisen."

Die Pharmabranche ist im Umbruch. Viele kleinere Unternehmen konzentrieren sich auf die Entwicklung von Ideen. Um ein Produkt zur Marktreife zu bringen und zu vertreiben, vereinbaren sie Kooperationen mit großen Konzernen. Für die Patienten ist das durchaus vielversprechend, weil dadurch mehr und effizienter geforscht wird.

Einen Kooperationsvertrag über die Entwicklung einer neuen oralen MS-Therapie hat zum Beispiel der deutsch-schweizerische Pharmagigant Merck gerade mit der australischen Firma Bionomics abgeschlossen. Von Bionomics entdeckte Wirkstoffe zielen dabei auf den Kaliumionenkanal Kv1.3 ab. Ionenkanäle befinden sich in den Zellmembranen. Sie ermöglichen und gewährleisten einen Transfer zwischen dem Inneren der Zellen und ihrer Umgebung. Der Kaliumkanal Kv1.3 ist in denjenigen Zellen des Immunsystems, die Nervenbahnen angreifen könnten, angeblich stark vertreten. Eine Immunreaktion könnte unterdrückt werden, indem man den Kv1.3-Kaliumionenkanal blockiert, hofft man bei Bionomics.

Denn Kv1.3-Kaliumionenkanäle sind funktionskritische Bestandteile von Immunzellen. "Funktioniert der Kaliumkanal einer Immunzelle nicht, funktioniert auch die Zelle nicht. Damit greift sie auch nicht mehr Bestandteile der Nervenzelle an", sagt Bionomics-Chefin Deborah Rathjen.

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