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09.02.12

Ernährung

"Gesunde" Margarine verursacht Probleme in Gefäßen

Mit Pflanzenfett kann der Körper nicht viel anfangen: Er muss es entsorgen. Klappt das nicht gut, können sich Sterine in den Gefäßen ablagern. Das ist auch das Problem bei Becel pro-activ.

Hersteller/PR

Foodwatch fordert die Hersteller von cholesterinsenkenden Produkten auf, diese als Medikament zu behandeln. Dazu gehören "becel pro-activ" von Uniliever,...

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Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat beim Landgericht Hamburg eine Unterlassungsklage gegen Unilever eingereicht. Demnach soll der Lebensmittelkonzern nicht mehr mit der Aussage auftreten dürfen, dass es für seine cholesterinsenkende Margarine Becel pro-activ "aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis" auf Nebenwirkungen gebe.

Die dem Streichfett zugesetzten Sterine, so Foodwatch, seien höchst umstritten: "Sie stehen im Verdacht, genau das zu verursachen, was sie eigentlich verhindern sollen: nämlich Ablagerungen in Gefäßen und ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten."

Der Konsument ist verunsichert. Auch wenn Unilever auf seiner Homepage zu Becel pro-activ mitteilt: "Die cholesterinsenkende Wirkung ist in über 40 Studien bewiesen, Risiken oder Nebenwirkungen sind nicht bekannt." Außerdem gehöre die Margarine zu den wenigen Lebensmitteln, "deren Wirkversprechen nach intensiver Prüfung der Europäischen Kommission freigegeben wurde".

Doch kein Lebensmittelkonzern würde freiwillig eines seiner umsatzstärksten Produkte zum Gesundheitsrisiko deklarieren.

Außerdem will das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) demnächst der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) nahelegen, eine Neubewertung der Risiken durch sterinangereicherte Lebensmittel vorzunehmen. Dem Verbraucher bleibt bisher also nur die Gewissheit, dass es zu Becel pro-activ und ähnlichen Margarinen offenbar keine Gewissheiten gibt.

Dabei klingt das Wirkprinzip der Sterine durchaus logisch. Denn als Mosaikstein in den Zellmembranen übernehmen sie in Pflanzen die gleiche Aufgabe wie das Cholesterin beim Menschen. Die beiden Fette besitzen daher ähnliche Strukturen, und deswegen konkurrieren sie im Darm um die gleichen Wege, um in den Organismus zu gelangen. Was konkret heißt: Je mehr Sterine im Nahrungsbrei, umso schwerer fällt es dem darin enthaltenen Cholesterin, sich in den Organismus einzuschmuggeln.

In klinischen Studien konnten daher sterinreiche Nahrungsmittel beachtliche Erfolge bei der Cholesterinsenkung erzielen, vor allem dann, wenn sie mit medizinischen Cholesterinsenkern aus der Gruppe der Statine kombiniert wurden.

Doch das ist nur die eine Seite der Margarine. Denn hohe Dosierungen an pflanzlichen Sterinen können, wie Kardiologe Oliver Weingärtner von der Universität des Saarlandes warnt, durchaus auch "nachteilige Wirkungen erzielen". Denn im Unterschied zum Cholesterin kann der menschliche Organismus mit dem Pflanzenfett eigentlich nicht viel anfangen. Das heißt, er muss es entsorgen – und wenn das nicht gelingt, kann es zu Problemen kommen.

Die Sterine beteiligen sich beispielsweise gerne an Verkalkungen der Aortenklappe. Der Herzmuskel muss dadurch härter arbeiten, um das Blut in den Körper zu pumpen. Am Ende stehen oft Herzschwäche und Atemnot.

Weingärtner und sein Forscherteam konnten im Laborversuch zudem nachweisen, dass sich pflanzliche Sterine, sofern der Fettabtransport im Körper nicht einwandfrei arbeitet, im Blut anreichern und dann die Funktionen der Blutgefäßwände stören. Die Adern verlieren an Flexibilität, was schließlich zu Bluthochdruck, Infarkten und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann.

Wie hoch das Risiko dafür tatsächlich ist, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Es steht und fällt offenbar, wie Wissenschaftler von der Uniklinik Leipzig ermittelten, mit der Anwesenheit eines Fetttransporter-Gens, ist also abhängig vom Erbgut. Bei Patienten mit erhöhten Cholesterinspiegeln liegt die Vermutung nahe, dass sie eine genetische Veranlagung für ein Fettabtransport-Defizit haben – doch sicher ist das nicht.

Zudem betont Weingärtner, dass man für gefäßschädigende Effekte, wie auch für die cholesterinsenkende Wirkung, mindestens zwei Gramm Sterine pro Tag braucht: "Dazu müsste man Unmengen an Obst und Gemüse verzehren – beispielsweise 425 Tomaten, 150 Äpfel oder elf Tassen Erdnüsse am Tag." Das schafft niemand.

Aber eine dicke Schicht sterin-angereicherter Margarine aufs Brot zu schmieren, das schafft jeder. Womit auch das Hauptproblem dieser Streichfette gekennzeichnet ist: Dass nämlich nicht ihr Wirkstoff das eigentliche Problem ist, sondern seine Dosierung.

In Becel pro-activ und anderen Margarineprodukten befinden sich nämlich die Sterine in derart hoher Konzentration, dass man sie eigentlich in der Apotheke verkaufen müsste, am besten sogar auf ärztliches Rezept. Tatsächlich aber gibt es sie überall im Supermarkt, ohne Beipackzettel und Warnhinweise.

Der Kunde wird in seiner Entscheidung allein gelassen, wie viel Margarine er kauft und sich auf sein Brot streicht – und wie viele Sterine er seinem Körper zumutet. Dass dadurch auch das Risiko einer Überdosierung steigt, liegt auf der Hand. Denn wenn der Mensch etwas für gesund hält, verfährt er auch gerne nach dem Prinzip: Viel hilft viel.

Pharmazie im Brötchen

Das Problem potenzieller Überdosierungen betrifft nicht nur sterinhaltige Streichfette, sondern auch andere Produkte des Functional Foods. Definiert sind sie als "Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen", was gleichzeitig bedeutet, dass dem Lebensmittel pharmazeutisch aktive Substanzen zugesetzt sind. Wie etwa Sterine, Vitamine, Milchsäurebakterien, Ballaststoffe und Fischöl.

Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie pharmazeutisch aktiv sind. Was konkret bedeutet, dass sie in hoher Dosierung durchaus schädlich sein können.

In dieser Hinsicht sind in letzter Zeit die Vitamine und Mineralien aufgefallen. So veröffentlichte das US-Ärzteblatt "Jama" eine Studie, wonach Supplementierungen mit Vitamin E und Selen das Risiko für Prostatakrebs beziehungsweise Diabetes erhöhen, und eine Auswertung der Iowa Women’s Health Study mit fast 42.000 Frauen erbrachte im Oktober letzten Jahres, dass zusätzliche Eisen- und Vitamingaben das Leben nicht verlängern, sondern verkürzen.

Dem Geschäft mit dem Functional Food tun die warnenden Zeigefinger der Wissenschaft keinen Abbruch. Allein für sterinhaltige Margarinen und andere cholesterinsenkende Lebensmittel werden hierzulande 60 Millionen Euro hingeblättert, probiotischen Joghurts kommen sogar fast auf den zehnfachen Wert.

Mittlerweile gehört ungefähr jedes vierte Lebensmittel im Supermarkt in irgendeiner Weise zum Functional Food, und der Staat unterfüttert diesen Trend noch mit finanziellen Zuwendungen. Vor Kurzem veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Broschüre zur "funktionellen Ernährungsforschung".

Darin wird ein "dreifach funktionelles Brötchen" vorgestellt, dem spezielle Ballaststoffe, Polyphenole und probiotische Bakterien zugesetzt sind. Angeblich soll es kulinarisch und optisch trotzdem wie ein herkömmliches Weizenbrötchen sein. Also kein mühseliges Nagen und Mampfen am Vollkorn, sondern ein klassisches Weißmehlprodukt, das man auch noch mit lückenhaftem Gebiss und dritten Zähnen zerkleinern kann – und damit trifft man ziemlich genau die führende Konsumentengruppe des Functional Foods.

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