Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
09.02.12

Medizinethik

Die Scham des Pflegers über das Elend der Patienten

Pflegekräfte müssen ständig in die Intimsphäre anderer Menschen eindringen. Sie sehen Kot und Erektionen. Oft schämen sie sich für ihre Patienten – und schweigen.

© picture-alliance / ZB/Zentralbild
Betreuung im Seniorenheim
Pflegekräfte und Ärzte kommen den Kranken so nahe wie kaum jemand anderes. Grenzüberschreitungen bleiben nicht aus. Über den Umgang damit muss diskutiert werden

Die Welt der Pflege ist voller Situationen, in denen Scham entsteht. "An Demenz erkrankte Menschen kennen oft keine Hemmschwelle mehr. Wer in einem Pflegeberuf arbeitet, muss deshalb auch mit Erektionen zurechtkommen", sagt Ursula Immenschuh.

Dass dabei Schamgefühle entstehen, liegt auf der Hand. Aber: Es wird viel zu wenig darüber geredet, findet Immenschuh, die an der Katholischen Hochschule Freiburg Pflegewissenschaften lehrt: "Scham in der Pflege ist ein zentrales und dennoch tabuisiertes Thema." Manchmal berichten Ärzte und Pflegerinnen In mehr oder minder anonymen Blogs von "Grenzverletzungen".

Welche Bedeutung Scham in der Pflege hat und inwiefern Patienten und Personal unter dem Gefühl leiden – das ist das Thema einer Tagung in Freiburg.

Reden, reden, reden

Unter dem Titel "Menschenwürde und Scham in der Pflege, der Heilpädagogik und der sozialen Arbeit" suchen sie nach Ansätzen, wie die Betroffenen mit Schamgefühlen umgehen können. Ihre Ausgangsthese klingt unspektakulär – und steht doch meist im Widerspruch zum Pflegealltag: Je mehr man darüber redet, desto kleiner wird das Problem.

Wenn darüber nicht geredet werde, komme es zu "negativer Scham-Abwehr", erläutert Immenschuh. Das bedeutet: Statt sich ihren Schamgefühlen zu stellen, schieben viele Beschäftigte die Empfindungen einfach beiseite.

Das aber führe bei ihnen wie bei den Patienten zu Konsequenzen: "Das kann bedeuten, dass jemand sarkastisch wird oder schlecht über einen Patienten redet." Im schlimmsten Fall komme es zur Bloßstellung des Patienten.

Immenschuh wirbt dafür, das Personal zu schulen: "Es ist wichtig, eine Situation benennen zu können und zu sagen: 'Ich schäme mich'."

Genau das geschehe aber im Alltag nicht. "Wer hinterher sagt: 'War das eklig heute', der erleichtert sich damit nicht wirklich. Menschen, die in einem Pflegeberuf arbeiten, wollen ja oft etwas Gutes tun. Das geht dann gegen das eigene Ideal."

Wichtig sei daher, dass Pflegerinnen und Pflegern mehr Raum gegeben werde, sich der eigenen Schamgefühle bewusst zu werden, etwa in Seminaren und Supervisionen – auch wenn das den Arbeitgeber Geld kostet. Immenschuh: "Fortbildung lohnt sich, weil sie die Gesundheit der Pflegenden schützt und die Qualität im Umgang mit den Patienten steigert."

Gesellschaftlich minderwertig

Nötig ist allerdings nicht nur ein Umdenken in der Pflegebranche. Für den Sozialwissenschaftler Stephan Marks liegt das Problem tiefer: "Betreuer und Pflegekräfte gehen täglich mit dem um, was gesellschaftlich als minderwertig gilt: Schwäche, Schmutz, Verunreinigung, Altern und Krankheit."

Der Freiburger Schamforscher sieht bei vielen Beschäftigten ein Selbstwertproblem, das auf das öffentliche Bild ihres Berufes zurückgeht. "Viele Pflegekräfte leiden unter geringer gesellschaftlicher Anerkennung und fühlen sich als Arschwischer." Weil es an Akzeptanz ihrer Arbeit mangele, sei es umso wichtiger, Scham erkennen und benennen zu können.

Laut Immenschuh komme es darauf an, das geschulte Mitarbeiter Unangenehmes etwa bei Kontakt mit Kot direkt ansprechen: "Wenn ich Patient wäre, dann würde es mich nerven, wenn jemand sagt: 'Es riecht nicht', obwohl es riecht." Ihr Vorschlag: Man könne einfach sagen: "Ja, es riecht. Aber für Sie mache ich es gern."

Quelle: EPD
Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote