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24.07.10

Konferenzabschluss

Das größte Problem an Aids sind die Vorurteile

Bei der Weltaidskonferenz ging es auch um Gefühle, um die Menschen. Egal, wie gut die Aufklärung in einem Land ist: Es geht immer um Stigmatisierung.

© DPA
Ausstellung "Zurück ins Leben" in Berlin
In Berlin ist derzeit eine Ausstellung "Zurück ins Leben zu sehen". Fotografen haben die Auswirkungen einer Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten gegen Aids dokumentiert

"Alle Menschen haben Rechte, ganz gleich, mit wem sie Sex haben." Dieser Satz eines Aktivisten der AIDS Foundation East- West bringt die 18. Weltaidskonferenz in Wien und ihre Botschaft auf den Punkt. Sicher, wissenschaftliche Aspekte wie die fieberhafte Suche nach einem Impfstoff oder die Vorstellung neuer Präventionsmethoden gehören zu einer solchen Großveranstaltung dazu, aber an der Donau ging es auch um Gefühle, um Betroffene, um die Menschen. "Rechte hier und jetzt" lautete das Motto. Und mehr als einmal stiegen Rednern und Zuhörern die Tränen in die Augen, wenn die dramatische Realität der Stigmatisierung HIV-Infizierter in fast allen Ecken der Welt thematisiert wurde.

In weiten Teilen Afrikas trauen sich Frauen noch immer kaum, einen HIV-Test machen zu lassen. Zu groß ist die Angst, dass Nachbarn und Freunde sich abwenden könnten. Popstar Annie Lennox zeigte im Rahmen der Konferenz einen Film ihrer "SING"-Kampagne über eine junge Frau, die von ihrer Gemeinde dermaßen ausgegrenzt wurde, dass es sie am Ende in den Selbstmord trieb. Vorher tötete sie ihre vier jüngsten Kinder, die ohne die Mutter keine Überlebenschance gehabt hätten.

Aber nicht nur in Entwicklungsländern leiden Betroffene unter Vorurteilen, sondern auch in der westlichen Welt hat sich da in den vergangenen Jahrzehnten kaum etwas zum Besseren gewendet. "Es sind immer die gleichen Probleme, ob nun in den armen Ländern der Welt oder in New York City: Es geht immer um Stigma", sagte die amerikanische Ärztin und Aktivistin Jeannine Bookhardt-Murray bei der "AIDS 2010".

Auch in Österreich selbst ist die Situation traurig: Eine HIV- Infizierte in der Wiener Otto-Wagner-Klinik erzählte, dass sie ihre Krankheit seit achteinhalb Jahren vor ihrem Arbeitgeber geheim hält. "Sonst würde ich früher oder später entlassen", betonte sie. "Man muss die Krankheit vor allen verstecken, außer vor der Familie. Das ist wirklich schwer." Die Wiener Aids-Spezialistin und Co-Vorsitzende der Weltaidskonferenz, Brigitte Schmied, erläuterte vor einer Gruppe internationaler Journalisten die psychologischen Folgen von HIV/Aids: "Die Betroffenen leben ständig unter Stress und mit der Angst vor Stigmatisierung. 50 Prozent von ihnen entwickeln im ersten Jahr bereits eine reaktive Depression."

HIV/Aids kann jeden treffen und ist keine Krankheit, mit der sich ausschließlich Homosexuelle, Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige anstecken. Dennoch werden Menschen dieser Gruppen noch immer besonders stark diskriminiert. So stünde Homosexualität noch heute in rund 50 Ländern unter Strafe, sagte der Direktor der WHO-Aids-Abteilung, Gottfried Hirnschall, zum Abschluss der Konferenz. "Und die Ärzte befürchten, dass sie sich selbst strafbar machen, wenn sie Homosexuelle behandeln."

Ähnliches gelte für Transsexuelle, Transvestiten und andere Menschen, die sich nicht in ihrer Geschlechterrolle zu Hause fühlen. "Die werden in vielen Staaten vollkommen vom Gesundheitssystem ausgeschlossen und werden davongejagt, weil die Ärzte nicht wissen, ob sie sie in der Frauen- oder Männerabteilung behandeln sollen."

In einigen Ländern kann zudem eine Schwangere verurteilt werden, die das Virus auf ihr Kind überträgt. Und hier schließt sich der Teufelskreis der Stigmatisierung. Denn so lange Frauen Angst vor Ausgrenzung haben müssen, wenn sie sich auf HIV testen lassen, werden weiter Tausende Babys mit dem Virus geboren. Was nicht nötig wäre, da es heute Medikamente gibt, die eine solche Übertragung verhindern.

All dies wurde bei der 18. Weltaidskonferenz in Wien zum Thema, während Demonstranten mit den verschiedensten Anliegen durch die Messehallen zogen. Ob sie nun aus Burkina Faso, Bolivien oder Belgien angereist waren, sie alle kämpften in Wien für das gleiche Ziel: Gesundheit und Medikamente sind ein universelles Menschenrecht. "Rechte hier und jetzt."

Quelle: dpa
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