HIV
Die Aids-Konferenz – ein Jahrmarkt der Hoffnungen
Auf der Aids-Konferenz machen sich Forscher und Patienten Mut. Doch die nächsten Durchbrüche werden noch Zeit brauchen.
Von Elisalex Henckel
Das HI-Virus hat prominente Opfer gefordert - zum Beispiel Freddie Mercury, Musiker-Legende und ehemaliger Leadsänger der Rockband "Queen". Trotz der Diagnose widmete er sich bis zu seinem Tod leidenschaftlich der Musik.
Die Stimmung auf dem Podium ist heiter. Die Forscher hinter den Mikrofonen arbeiten seit Jahren daran, einen Impfstoff gegen Aids zu finden, und nach einer langen Reihe von Misserfolgen haben sie wieder Erfreuliches zu berichten: Im Herbst des vergangenen Jahres hat eine groß angelegte Studie in Thailand erstmals bewiesen, dass ein Impfstoff zumindest möglich ist. Und Anfang des Monats wurde die Entdeckung von zwei Antikörpern bekannt, die 90 Prozent aller bekannten HI-Viren-Stämme ausschalten können.
"Große Zeiten!", sagt einer. "Die Renaissance der Impfforschung!", ein anderer. Doch als jemand aus dem Publikum fragt, wie lange es noch dauern werde, schweigen sie erst einmal alle.
Das Thema Impfung gehört zu den ganz großen auf der 18. Welt-Aids-Konferenz, die diese Woche in Wien stattfindet. 25.000 Menschen sind dafür in die österreichische Hauptstadt gereist, Forscher, Politiker, Aktivisten, Mitarbeiter von Pharmafirmen und Gesundheitsdiensten und dazu eine ganze Menge Menschen, die mit HIV nicht nur beruflich zu tun haben, sondern damit leben müssen. Weltweit sind es zurzeit 33,4 Millionen, jeden Tag kommen 7400 Neuinfizierte dazu, mehr als zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara, zwei Millionen sind im Jahr 2008 an den Folgen von Aids gestorben. Die Anwesenheit von Betroffenen ist die eine Besonderheit der alle zwei Jahre abgehaltenen Konferenz, die andere ist das Interesse der Prominenten.
Die meisten kamen schon am Wochenende, um das Ganze auf gut Wienerisch zu eröffnen, Bill Clinton etwa, Whoopie Goldberg oder die norwegische Prinzessin Mette-Marit: Es gab einen Ball im Rathaus, einen im Burgtheater, einen im Parlament und allerhand Programm für die Schaulustigen auf den Plätzen zwischendrin, insgesamt also ein Spektakel. Sonntagabend ist das Treffen dann ins Messezentrum gezogen, an den Rand der Stadt, schließlich will es auf Dauer kein Jahrmarkt der Eitelkeiten sein, sondern, wenn einer, der Hoffnungen.
Jene auf einen Impfstoff bleibt jedoch eine vage, das wird schon an den ersten Tagen der Konferenz klar. Bei den Impfspezialisten auf dem Podium in einem der vielen Säle im Messezentrum ergreift nun Seth Berkley das Wort, der Gründer der Internationalen Aids-Impfinitiative. "Es ist unmöglich, das vorher zu sagen", sagt er. Es lohne sich aber, weiterzuforschen, auch wenn vermutlich noch zehn bis 15 Jahre nötig seien, ergänzt José Esparza, Chef der Impfabteilung in der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Schon eine zu 70 Prozent effiziente Impfung würde bei 40-prozentiger Anwendung die Ansteckungsrate in eineinhalb Jahrzehnten um 80 Prozent senken. Zurzeit, daran hat Anthony Fauci, einer der renommiertesten Aids-Experten überhaupt, aber schon vor der Konferenz erinnert, sei das Kondom aber immer noch das wirksamste Mittel, um eine Ansteckung zu verhindern.
Kondome sind auch die große Attraktion auf dem großen Flur des Messezentrums. Ein Hersteller hat sie in allen Größen, Farben und Geschmacksrichtungen aufblasen und ausstellen lassen, hübsche Hostessen bieten Gleitgels zum Riechen und Kosten an, andere fordern die Konferenzteilnehmer auf, aus Kondomen bunte Anstecker zu basteln. Die meisten packen lieber eine Handvoll davon in ihre Tasche, lächeln und gehen dann weiter. Die deutsche Jugendzeitschrift "Bravo" fordert in der aktuellen Ausgabe gar ein "Jugendkondom". Denn einer Umfrage des "Dr. Sommer Teams" zufolge sind jedem vierten Jungen zwischen 13 und 20 Jahren die Standardpräservative zu groß. Jeder fünfte Junge findet sogar nie die richtige Form. Das bestätigen auch die Zahlen des "Instituts für Kondomforschung", demnach greifen mehr als 80 Prozent der Kondomnutzer zur falschen Größe.
In den Tagungsräumen und bei den Hilfsorganisationen, die im sogenannten Global Village ihre Stände aufgebaut haben, drehen sich die Gespräche aber mehr um eine andere Waffe im Kampf gegen Aids: antiretrovirale Medikamente. Die Virenhemmer und die Idee, sie miteinander zu kombinieren, wurden erstmals bei der Welt-Aids-Konferenz 1996 in Vancouver präsentiert, seitdem haben sie das Gesicht von Aids verändert. Die ARV-Präparate erhöhen die Lebenserwartung und lindern die Symptome selbst bei bereits Erkrankten so sehr, dass aus einer tödlichen eine chronische Krankheit wurde. "Lazarus-Effekt" wurde das oft genannt, nach jenem Toten aus dem Johannesevangelium, den Jesus zum Leben erweckt.
Lucky Siboniso Mngometulu kommt aus dem Swasiland und hat den Lazarus-Effekt erlebt. Als er sich 2004 testen ließ, schien sein Abwehrsystem den Kampf gegen das HI-Virus längst verloren zu haben: Tuberkulose und eine Lungenentzündung hätten ihm so zugesetzt, dass er kaum mehr das Bett verlassen habe, sagt der heute 39-Jährige. "Jeder Gang zur Toilette war wie ein Zehn-Kilometer-Marsch, ich war ausgemergelt und schwach, ich lag im Sterben." Die Zahl der CD4-Helferzellen in seinem Blut, ein wichtiger Parameter für Funktionstüchtigkeit des Immunsystems, lag bei 25, normalerweise beginnt man mit der Therapie spätestens, wenn sie unter 200 sinkt. Angeschlagen hat sie trotzdem: Luckys aktueller Wert beträgt 630, das bedeutet: Der Mann fühlt sich so gesund, wie er aussieht, und kann für seine Frau und seine vier Kinder sorgen.
Bis zum Jahr 2010 hätten eigentlich alle HIV-Positiven Zugang zu den lebensrettenden Medikamenten haben sollen, dieses "Millenniumsziel" haben sich die Vereinten Nationen am Anfang der Dekade gesetzt. Tatsächlich sind es erst 5,2 Millionen, das ist nur ein Drittel all jener, die laut den jüngsten Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ARV-Präparaten behandelt werden sollten. Man müsse nicht nur alle Betroffenen versorgen, argumentiert die WHO, sondern auch möglichst früh mit der Therapie anfangen. "Das rettet nicht nur Leben, sondern wirkt präventiv", sagt der Aids-Verantwortliche der Behörde, Gottfried Hirnschall. Die Behandlung reduziere die Viruslast im Körper und damit die Gefahr, dass der Infizierte andere Menschen ansteckt. Die Übertragung von Müttern auf ungeborene Kinder kann mithilfe der Medikamente gar auf unter zwei Prozent reduziert werden.
Geld gibt es vor allem über den von den G-8-Staaten gegründeten Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Der größte einzelne Geldgeber bezahlt unter anderem die Medikamente von Lucky Siboniso Mngometulu und die von 2,5 Millionen anderen HIV-Patienten. Auf der Wiener Konferenz äußerten nun die Chefs des Fonds, aber auch zahlreiche Hilfsorganisationen die Sorge, die großen Geberstaaten könnten die Krise zum Anlass nehmen, ihre Aids-Hilfe einzufrieren oder gar zu kürzen. Auch Deutschland, so war zu hören, plane, seinen Dreijahresbeitrag zum Globalen Fonds von 600 auf 200 Millionen zusammenzustutzen. Das Berliner Entwicklungshilfeministerium hat das inzwischen bestritten.
Lucky Siboniso Mngometulu ist aber nicht nur nach Wien gekommen, um von seinem Schicksal zu sprechen. Da er seit seiner Genesung im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen Dorfgemeinschaften berät, will er seine erste Aids-Konferenz auch dafür nutzen, sich selbst über neue Strategien im Umgang mit HIV zu informieren.
Die bestbesuchten Vorträge dazu halten zwei ältere Herren namens Bill Clinton und Bill Gates. Beide gingen neben kleinen Anspielungen auf ihr früheres Leben und großen Appellen in Sachen Aids auch auf konkrete Maßnahmen ein. Ex-US-Präsident Clinton plädiert etwa für eine Ausweitung einer Aids-Abgabe, die über Flugtickets eingehoben wird. Gates dagegen betont unter anderem die präventive Wirkung von Beschneidung. "Manche Methoden sind so billig, effektiv und einfach anzuwenden, dass es teuer wäre, sie nicht so breit wie möglich anzuwenden", sagt er. Einig sind sie sich in ihrer Forderung nach mehr Effizienz. "Jeder verschwendete Dollar gefährdet Leben", sagt Bill Clinton – und erntet dafür Applaus von Gates.
Ein Thema, das durch die Wiener Konferenz endlich die Beachtung finden soll, die es verdient, streiften die amerikanischen Philanthropen aber nur kurz: die vergessenen Epidemien im Hinterhof in Osteuropa und Zentralasien. Unicef warnte am Montag, in einigen Gebieten Russlands sei die Gesamtzahl seit 2006 um 700 Prozent gestiegen. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft leben – also Heimkinder, junge Drogenabhängige, Straßenkinder oder minderjährige Prostituierte. 80 Prozent der Infizierten sind jünger als 30 Jahre, genau wie Swetlana Isambajewa, Russlands Miss Positive des Jahres 2005.
Die 29-Jährige und ihre zwei Jahre ältere Freundin Irina haben gemeinsam mit jungen Leuten aus anderen Ländern einen Film gedreht, um auf das Schicksal HIV-positiver Altersgenossen aufmerksam zu machen. Es geht um Leben und Lieben nach der Diagnose – und sehr oft um soziale Ächtung, die medizinischen Probleme haben die meisten im Griff, den antiretroviralen Medikamenten sei Dank. Irina gehört jedoch zu jenen, die sie noch nicht bekommen. Der CD4-Gehalt in ihrem Blut ist noch nicht tief genug gesunken. Sie muss warten, bis es ihr schlechter geht, damit sie zur Therapie zugelassen wird, die wohl ihr Überleben sichern wird.
Um kurz vor acht Uhr brechen die Russinnen und die meisten anderen Konferenzteilnehmer auf in Richtung Stadtzentrum, zu Abendessen, Empfängen, Partys, es wird still im Global Village, auch in seiner Mitte, rund um den großen Baum. Den ganzen Tag über haben Menschen kleine Zettel an die Zweige der Weide und an bunte Kreppbänder geheftet, auf denen sie notiert haben, was sie sich für 2012 wünschen, wenn in Washington die nächste Welt-Aids-Konferenz stattfindet.
Die meisten sind ziemlich unbescheiden. Sie wünschen sich Medikamente für alle, Verständnis für alle oder gar Gerechtigkeit für alle in allen möglichen Sprachen von Englisch bis Thai. Manche wünschen sich so viel auf einmal, dass der Platz auf der kleinen Karte knapp wird. Ein Schreiber namens Wolfgang jedoch hat für seinen Wunsch nur eine Zeile gebraucht. Er will: ein Mädchen und keine Angst mehr haben.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Konferenzabschluss: Das größte Problem an Aids sind die Vorurteile
- Kritik der UN: Deutschland spart auf Kosten der Ärmsten der Welt
- Verhütungsmittel: Kondome – Dr. Sommer nimmt sich der Kleinen an
- Immunschwäche: Weniger Menschen infizieren sich mit Aids
- Medizin: Aids-Kranke outen sich immer seltener
- Aids: HIV-Infizierte dürfen wieder in die USA einreisen
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 4. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler














