Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
30.06.10

Große Müdigkeit

Wie viel Patientenleid kann ein Arzt ertragen?

Krankenhausmediziner sowie Pflegepersonal auf Intensivstationen und in der Notfallversorgung sind vom Burnout besonders betroffen.

© dpa
Sind Kinder schwer krank, können Ärzte ihnen Hoffnung geben. Doch woher nehmen sie selbst ihre Hoffnung?
Sind Kinder schwer krank, können Ärzte ihnen Hoffnung geben. Doch woher nehmen sie selbst ihre Hoffnung?

Selbst wer seinen Arztberuf als Idealist einst mit besonders viel Engagement begonnen hat, läuft Gefahr, von der "großen Müdigkeit" erfasst zu werden. Er verliert sein Interesse an den Patienten und wird seiner Arbeit gegenüber gleichgültig, sagt Peter Keel von der Psychiatrischen Klinik des Bethesda-Spitals Basel. Grundsätzlich könne bei jedem mit der Zeit "das Feuer der Begeisterung" für seinen Beruf erlöschen. Helferberufe wie Ärzte, Psychotherapeuten und Pflegepersonal seien jedoch besonders häufig vom Ausbrennen betroffen, konstatierte der Schweizer Psychiater auf einer Fachtagung für Helferberufe in Riehen bei Basel. Von solcher Art Berufsmüdigkeit oder Burn-out sind besonders häufig Ärzte, Schwestern und Pfleger betroffen, die an den Brennpunkten der modernen Spitzenmedizin tätig sind, oft mit Notfällen und Krisen zu tun haben und mit großem Leid und verfrühtem Tod konfrontiert werden.

Der Stress im modernen Krankenhausbetrieb mit Schichtarbeit, Überstunden und Notfalleinsätzen führt besonders dann zur Überforderung, wenn der große Einsatz dennoch sinnlos zu sein scheint, weil der betreute Patient trotzdem stirbt. Keel: "Vor allem in jenen Disziplinen, wo die Behandlung immer wieder an die Grenze des Machbaren stößt und Patienten trotz aller Bemühungen sterben, wie in der Intensivmedizin und verwandten Gebieten, stehen die Erfolgserlebnisse oft in keinem Verhältnis zum geleisteten Einsatz. So laufen die Helfer Gefahr, mit der Zeit unter einem Mangel an Erfolgserlebnissen zu leiden, ohne sich dessen bewusst zu sein."

Kaltschnäuzig und zynisch

Keel hat vor einigen Jahren eine Umfrage bei 94 Angestellten von vier verschiedenen Intensivstationen der Schweiz durchgeführt. Als größter Stress stellte sich dabei der körperliche und psychische Einsatz bei Notfällen heraus. Als stark belastend empfanden die Befragten auch das geringe Feedback auf ihre Arbeit, die häufige Schichtarbeit, die persönliche Isolation durch ihre Tätigkeit, die unvermeidbaren Todesfälle ihrer Patienten und die Spannungen im Team der Station. Bei der Pflege von Patienten mit selbst verschuldeten Verletzungen, nach Suizidversuchen oder durch Sucht, kommt die Frage hoch, ob alle Anstrengungen noch sinnvoll sind.

Manche Ärzte und Pflegekräfte entwickeln nicht nur eine negative Einstellung zu sich selbst, sondern manchmal auch zu ihren Patienten. Sie legen ein kaltschnäuziges, latent sadistisches Verhalten den Patienten gegenüber an den Tag, der Kranke wird nur noch als anonymer Fall angesehen und nach Schema behandelt.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, empfiehlt Professor Peter Keel vor allem direkte, aktive Maßnahmen gegen die Tendenz zur Selbstüberforderung. Der Arzt oder Helfer sollte versuchen, eine Distanz zur Tätigkeit zu gewinnen, klare Grenzen zu ziehen und bei Überlastung Entlastung zu verlangen. Die Betroffenen müssen lernen, gegenüber neuen und zusätzlichen Aufgaben Nein zu sagen.

Wichtig sei auch, genügend Zeit für Erholung in Pausen, Freizeit und Ferien zu haben. Das ist zwar besonders schwierig, weil das Krankenhauspersonal den Arbeitsanfall nur begrenzt steuern kann. Dennoch kann notfalls sogar ein Wechsel, zum Beispiel von der Intensivstation in eine Normalabteilung notwendig sein, um einen Zusammenbruch zu verhüten oder Erholung zu ermöglichen. Überdies sollten regelmäßige Ursachen von Ärger und Frustrationen angegangen werden. Dazu hilft eine Verbesserung der Kommunikation mit Kollegen und Vorgesetzten.

Niemand sollte sich wundern oder es missbilligen, wenn Ärzte und Krankenschwestern auch auf einer Intensivstation mal gemütlich Kaffee trinken oder womöglich sogar laut lachen. Keel: "Schließlich sollen Humor und Abwechslung im Alltag gepflegt werden, auch wenn in Anbetracht des vielen Leides scheinbar kein Platz dafür vorhanden ist."

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote