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14.12.09

Sportmedizin

Viele Hobbyläufer nehmen Schmerzmittel wie Drops

Gefährliches Doping: Mindestens jeder zweite Hobbyläufer nimmt Schmerzmittel vor dem Marathon. Die Sportler greifen dabei zu fast allem, was die Schmerzapotheke zu bieten hat – ohne zu ahnen, dass ihre Körper die Mittel kaum verkraften können. Manch einer hat so bereits einen Teil seiner innern Organe verloren.

© pa
Die Spitze des Läuferfeldes beim New York-Marathon (04.11.2007): Nicht nur Profisportler dopen, vor allem Hobbyläufer nehmen Schmerzmittel vor Wettkämpfen.
Die Spitze des Läuferfeldes beim New York-Marathon (04.11.2007): Nicht nur Profisportler dopen, vor allem Hobbyläufer nehmen Schmerzmittel vor Wettkämpfen.

Für viele Profi- und Freizeitsportler ist der Griff zur Schmerzpille eine Selbstverständlichkeit geworden. So hatten fast zwei Drittel der Läufer beim diesjährigen Bonn-Marathon bereits vor dem Start Schmerzmittel eingenommen. "Besonders schlimm ist, dass viele Hobbysportler bereits mit Schmerzen an den Start gehen, die Belastungen als gesundheitsfördernd betrachten und daher die Schmerzen und Schmerzmittel in Kauf nehmen", sagt Professor Kay Brune vom Institut für Klinische Pharmakologie an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Brune hat beim Bonn-Marathon die Befragung durchgeführt. "Wer bereits vor Beginn der sportlichen Aktivität unter Muskel- und Gelenkschmerzen leidet, sollte überhaupt nicht starten." Darüber hinaus dürften, wenn schon unbedingt nötig, nur die richtigen Schmerzmittel – zum Beispiel niedrig dosiertes Ibuprofen – zum Einsatz kommen, und zwar nach der sportlichen Leistung, nicht vorher. Der Körper muss bereits die Wasser- und Salzverluste ausgeglichen haben, dadurch werden Herz und Niere geschont.

Werden die Medikamente schon vor dem Wettkampf geschluckt, so werden Magen, Darm, Niere und Kreislauf zusätzlich beansprucht. "Bedenklich ist, dass manche Teilnehmer nach Langstreckenläufen, Radrennen und Schwimmveranstaltungen unter akuten Störungen der Nierenfunktion und der Funktion des Magen-Darm-Traktes leiden", sagt Brune. "Manche der Läufer müssen sogar unmittelbar nach der sportlichen Höchstleistung operiert werden und verlieren Teile der inneren Organe."

Ernst Jakob, Chefarzt für Innere Medizin an der Sportklinik Hellersen in Lüdenscheid, bestätigt Brunes Beobachtungen. Er befragte sämtliche 2000 Teilnehmer des Plettenberg-Marathons. Fazit: Jeder zweite Läufer gab an, "regelmäßig oder gelegentlich bei solchen Events" Schmerzmittel zu nehmen. Die Palette war durchaus bunt, von Voltaren über Diclofenac, Ibuprofen, Aspirin bis Paracetamol war alles dabei.


"Das Phänomen ist relativ verbreitet. Als Arzt begegne ich immer wieder Patienten mit Anzeichen einer Niereninsuffizienz", sagt Jakob. "Das Problem wird bislang aber völlig missachtet, da passiert zu wenig in dem Bereich." Die Läufer würden nicht bedenken, dass während der sportlichen Anstrengung eine Umverteilung des Blutes von den inneren Organen hin zur Muskulatur und Haut stattfände. "Die Nieren werden in der Durchblutung zurückgefahren. Auch der Magen-Darm-Trakt ist während der sportlichen Anstrengung schlechter durchblutet. Entsprechend ist die toxische Belastung durch das Medikament stärker."


Die Folgen seien nicht nur Nierenschäden, sondern auch Geschwüre am Zwölffingerdarm. Wie anfällig gerade Sport-Freaks für Schmerzmittelmissbrauch sind, wurde auch deutlich, als im vergangenen Jahr das Ergebnis einer kleinen amerikanischen Studie mit 36 Teilnehmern wochenlang im Internet kursierte.

Angeblich, so die Studie, führe die regelmäßige Einnahme von Ibuprofen oder Paracetamol – parallel zu einem leichten Muskeltraining – zu einem deutlichen Wachstum von Muskelmasse und -kraft. Dass eine frühere Untersuchung derselben Forscher zu anderen Ergebnissen geführt hatte, interessierte die Mucki-Gemeinde nicht. Auch die Rezeptpflicht garantiert übrigens nicht, dass Schmerzmittel immer bestimmungsgemäß verordnet werden. So schossen die Verordnungszahlen des eigentlich nur für extrem starke Schmerzen wie Steinkoliken oder Operationsschmerzen zugelassenen Medikaments Metamizol binnen zehn Jahren um 218 Prozent in die Höhe: von 27 auf 86 Millionen Tagesdosen.

Für 2008 verzeichnet der "Arzneiverordnungsreport" mit 101 Tagesdosen sogar einen "sehr ausgeprägten Zuwachs" von 16 Prozent, was auch deshalb als problematisch betrachtet wird, weil die leichtfertige Gabe von Metamizol dessen sichere Wirkung bei starken Schmerzen gefährdet. Je höher der Absatz, desto häufiger wurden zum Teil schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen gemeldet.


Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM) mahnte deshalb kürzlich die Ärzte, das Medikament auf keinen Fall länger als eine Woche anzuwenden. Sonst steige das Risiko eines allergischen Schocks. Bei leichten und mittelstarken Schmerzen oder zur vorschnellen Fiebertherapie verbiete sich das Mittel. Diese "Kontraindikationen" scheinen aber immer häufiger von Ärzten missachtet zu werden, kritisierte das BfARM.

Auch rezeptfreie Schmerzsalben sind nicht risikofrei: Vor der bedenkenlosen Verwendung warnte soeben die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA: Die äußere Anwendung von Diclofenac, das gern bei leichten Sportverletzungen wie Zerrungen und Prellungen verwendet wird, könne zu schweren Leberschäden führen. Wer die Salbe länger als vier Wochen benutzt, sollte vorsichtshalber seine Leberwerte bestimmen lassen.

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