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31.07.09

Neurologie

Buddhistisches Denken nutzt das Gehirn besser

Hirnforscher können heute erklären, was Buddhisten seit Jahrtausenden wissen: Das Gehirn ist wandlungsfähig – und zwar viel mehr, als die westliche Welt es für möglich gehalten hätte. Je mehr man das Gehirn trainiert, desto besser wird es. Eine Revolution der Hirnforschung verändert das Menschenbild.

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Vergleich zweier Hirnaufnahmen: Gesunder Proband (l.) und Alzheimerpatient (r.). Sehen Sie nachfolgend was bei der Erkrankung im Gehirn passiert...

6 Bilder

Der Dalai Lama suchte den Geist, und er schaute auf einen Monitor. Was er sah? Eine graue Masse. Ende der 1990er-Jahre hat der wichtigste Mann des tibetischen Buddhismus in den USA eine Gehirnoperation beobachtet. Über Stunden sah der Dalai Lama den Neurochirurgen zu; eine Offenbarung der modernen Medizin – und eine Begegnung zwischen zwei Welten: jener der modernen Medizin und der alten Welt der fernöstlichen Spiritualität.


Der Dalai Lama fragt die Ärzte: Wenn das Gehirn das Denken hervorbringt – kann dann unser Denken nicht auch die Schaltkreise in unserem Gehirn verändern? Die Chirurgen sind irritiert. Das sei unmöglich, sagt einer, der Geist könne das Gehirn nicht formen. Heute weiß man: Das war ein Irrtum. Inzwischen können Neurowissenschaftler erklären, was Buddhisten seit Jahrtausenden wissen und danach leben: Das Gehirn ist wandlungsfähig – und zwar viel mehr, als die westliche Welt es bisher für möglich gehalten hätte.


Und hier haben uns die buddhistischen Mönche einiges Voraus. Wer die Fähigkeiten seines Denkorgans so gut wie möglich ausschöpfen möchte, kann von der fernöstlichen Spiritualität lernen. Auf der Ebene der durch Tests messbaren kognitiven Unterschiede fand die Australierin Olivia Carter von der Universität von Queensland in Brisbane 2005 heraus, dass 76 in Introspektion erfahrene tibetanische Mönche eine besondere Fähigkeit aufwiesen: Sie waren in der Lage, den bis dahin für unwillkürlich gehaltenen Vorgang der binokularen Rivalität zu beeinflussen. Bei der binokularen Rivalität wird jedem Auge mittels einer speziellen Brille ein eigenes Bild gezeigt. Normalerweise wechselt das Gehirn in diesem Fall rasch zwischen beiden Bildern hin und her. Die Mönche allerdings konnten sich auf eines der Bilder konzentrieren, wie die Aufnahmen ihrer Gehirnströme zeigten.


Nachwuchs von Nervenzellen durch Meditation


Meditation lässt auch neue Nervenzellen sprießen: Sara Lazar von der Harvard University in Cambridge (US-Staat Massachusetts) hat Hinweise darauf, dass Meditation die Dichte der Verbindungen in einigen Hirnregionen regelmäßig meditierender Probanden verstärkt. Im Jahr 2007 konnten Giuseppe Pagnoni und Milos Cekic von der Emory University in Atlanta (US-Staat Georgia) zeigen, dass Jahre währende Zen-Meditation den altersbedingten Abbau der grauen Substanz im Gehirn verlangsamt.


Sowohl die alten Meditationstexte aus dem Zen- und tibetanischen Buddhismus wie auch die neuen Konzepte der Neurowissenschaftler deuten darauf hin, dass es einer bestimmten Fähigkeit bedarf, um die Aufmerksamkeit auf einem Objekt zu halten und den abschweifenden Geist immer wieder zum Objekt der Betrachtung zurückzuholen. So ist etwa kaum ein untrainierter Mensch in der Lage, sich eine rote Rose vor seinem geistigen Auge vorzustellen und diese Vorstellung über einen längeren Zeitraum zu halten. Das ist mehr als ein Freizeitspaß, denn beim Fokussieren und inneren Versenken zeigen sich Hinweise auf positive Wirkungen auf Geist und Körper – der Meditierende weiß das auch ohne wissenschaftliche Belege. Unser Gehirn kann sich demnach immer wieder neu verdrahten. Ständig baut es sich um, knüpft neue Netzwerke und Verbindungen. Aber wie trainiert jenseits von Meditation das Gehirn am sinnvollsten?


Die Branche für Gehirntraining boomt. Die Theorie hinter Büchern und Computerspielen klingt bestechend einfach: Das Gehirn ist wie ein Muskel, je mehr man es trainiert, desto stärker wird es. Aber stimmt diese Annahme? Hilft Gedächtnistraining, um sich Dinge besser merken zu können und intelligenter oder gar kreativer zu werden?


Das weltweit bekannteste Trainingsprogramm ist Doktor Kawashimas Gehirn-Jogging für die tragbare Spielkonsole Nintendo DS. Bis Ende 2008 gingen mehr als 15 Millionen Exemplare über die weltweiten Ladentheken. Entwickelt wurde es vom Neurowissenschaftler Ryuto Kawashima von der japanischen Tohoku-Universität. Der hat, nebenbei bemerkt, zu Hause einmal ein Computerspiel zerbrochen, weil sein Sohn nicht aufhören wollte zu spielen. Wie bei anderen Programmen sind bei Kawashimas Gehirn-Jogging Puzzles zu lösen, Zahlenreihen fortzuführen und andere Logik-Aufgaben möglichst schnell zu lösen.


Auf dem Markt tummeln sich eine Reihe weiterer Anbieter von Programmen und Büchern, die eines gemeinsam haben: Entweder versprechen sie die Verbesserung bestimmter Hirnfunktionen, wie Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit oder Merkfähigkeit. Oder aber sie geben an, den altersbedingten Schwund der Gedächtniskraft zu verlangsamen. Wobei die meisten unter ihnen behaupten, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu basieren. Zunächst einmal gilt dabei der Grundsatz: Je mehr man sie spielt, umso besser wird man. Die Frage ist nur, ob das Auswirkungen auf die Gehirnleistung im Alltag hat. Und genau hier herrscht Unklarheit.

Am ehesten spüren ältere Menschen die positiven Effekte von Denksportaufgaben. Karlene Ball von der Universität Alabama in Birmingham schleuste zwischen 1998 und 2004 insgesamt knapp 2000 ältere Erwachsene durch ein intensives Trainingsprogramm. Mit Erfolg, die Damen und Herren, die am Computer Memory gespielt hatten, schnitten danach in Gedächtnisaufgaben besser ab. Auf der anderen Seite gab es keine Hinweise darauf, dass sich dadurch eine Verbesserung in anderen Lebensbereichen ergab. Dieses Phänomen ist bekannt und wird als das "Transfer-Problem" bezeichnet. Denn ob Soduku, Kreuzworträtsel oder eben Kawashimas Gehirn-Jogging: Es ist schwer nachzuweisen, ob man nur in der speziellen Aufgabenstellung besser geworden ist oder der Verstand tatsächlich insgesamt fitter wurde.


Jogging ist auch deshalb beliebt, weil es auch beim nächsten Fußballspiel oder Treppensteigen hilft, besser durchzuhalten. Dieser Transfer-Effekt ist beim Gedächtnistraining nicht selbstverständlich. Derzeit gibt es wenige Erkenntnisse darüber, ob, um bei dem obigen Beispiel zu bleiben, das Spielen von Memory nicht nur das Merken der Karten, sondern die allgemeine Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns erhöht.


Mehr noch, der Wissenschaftler Anders Ericsson konnte Ende der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Überraschendes nachweisen. Menschen mit gut trainiertem Zahlengedächtnis, die sich teilweise bis zu 100-stellige Zahlenreihen merken konnten, konnten dies nicht auf Buchstaben übertragen. Hier schnitten sie nicht annähernd so gut ab. Ein gutes Zahlengedächtnis ist also kein Garant für generelle Merkfähigkeit.


Das Hirn wächst messbar


Das ist die gute Nachricht: Ob jung oder alt, das Gehirn ist in der Lage, neue Nervenverbindungen zu schließen und alte zu verstärken. Dieser Vorgang kann nicht nur durch Computer-Gedächtnistraining gefördert werden, sondern stellt sich meist dann ein, wenn intensiv gelernt und wiederholt wird. Eine mittlerweile berühmte Studie konnte zeigen, dass bestimmte Hirnregionen dabei sogar messbar wachsen. Bei jungen Londoner Taxifahrern wuchs der sogenannte Hippocampus, ein Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von räumlichen Informationen wichtig ist, mit der Zeit ihrer Fahrtätigkeit in der Stadt.


Das Gehirn ist also durchaus trainierbar. Es kommt allerdings darauf an, welches Ziel mit einem Training erreicht werden soll, um zu beurteilen, ob die vielen Bücher, Anleitungen oder Software ihr Geld wert sind. Nur wenige Methoden und Programme wurden in kontrollierten und repräsentativen Studien auf Herz und Nieren getestet. So sehr es auch suggeriert wird, das Gehirn ist kein Muskel, sondern kann eher mit einem Körper verglichen werden, der aus vielen Muskeln besteht. Und in diesem Körper können einzelne Muskeln trainiert werden. Wer also beispielsweise per Software oder Buch mithilfe von Visualisierungstechniken lernt, sich den Einkaufszettel besser zu merken, dem gelingt das zumeist auch. Den Namen des erst letzte Woche getroffenen Geschäftspartners kann er beim nächsten Wiedersehen gleichwohl vergessen haben.


Die Fehleranfälligkeit des Gedächtnisses darf nicht zu der Annahme verführen, man habe es bei dem Gehirn mit einem unausgelasteten Organ zu tun. Noch immer existiert der Mythos, dass die meisten Menschen nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzen würden. Hirnscans zeigen aber eindeutig, dass große Teile des Gehirns ständig aktiv sind und die verschiedenen Regionen für unterschiedliche Aufgaben beansprucht werden. Mehr noch, im Laufe eines Tages nutzen die meisten 100 Prozent des Denkorgans.


Für gesunde und jüngere Menschen ist die sportliche Betätigung noch immer die beste Möglichkeit, viele Hirnfunktionen gleich mitzutrainieren. Sport lässt nämlich nicht nur die Muskeln, sondern auch die Nervenzellen im Gehirn wachsen.

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