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31.07.09

Logopädie

Im Sommercamp das Stottern bekämpfen

Jan Dierks sitzt konzentriert auf einer großen Wiese. In seinem Schoß liegt ein Bilderbuch. Schließlich blickt er auf und erzählt langsam und mit klarer Stimme, was er auf den Seiten des Buches sieht. Mit dieser einfachen Übung im Rahmen eines Stotter-Sommercamps will Jan Dierks sein Stottern bekämpfen.

© pa
Jan Dierks im Sommercamp - er hofft auf ein stotterfreies Leben
Jan Dierks im Sommercamp - er hofft auf ein stotterfreies Leben

Er und 17 weitere Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland sind Teilnehmer des 14-tägigen Sommercamps in Wölpinghausen (Landkreis Schaumburg), das die Leibniz-Universität Hannover organisiert hat.Unter fachmännischer Anleitung erlernen sie spielerisch verschiedene Techniken, um ihr Stottern in den Griff zu bekommen. "Stottern wird meist als Unsicherheit abgetan, dabei stimmt das oft nicht", sagt Dierks, der Verwaltungswissenschaften studiert hat.

Gerade in seinem Beruf als Angestellter einer kommunalen Behörde mit vielen Kundenkontakten könnte das als unseriös gelten, befürchtet der junge Mann aus Westerstede (Landkreis Ammerland). Dennoch geht er entspannt mit seinem Stottern um, das er selbst als Krankheit bezeichnet. "In manchen Fällen kann Stottern aber auch zu sozialen Rückschritten führen: Wenn man sich nicht mehr traut, ans Telefon zu gehen, Brötchen zu holen oder sich im Unterricht zu melden", beschreibt Christiane Miosga, Projektleiterin des Stottercamps, die möglichen Konsequenzen der Sprachstörung.

Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung stottert

Rund 800 000 Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe von dieser Störung des Redeflusses betroffen. Das entspricht in etwa einem Prozent der Bevölkerung. Der 25-Jährige Dierks besucht die Therapie, die die Krankenkassen zum Teil übernehmen, bereits zum zweiten Mal. "Als Jan das erste Jahr hier war, war er unglaublich verspannt und hat ganz gepresst gesprochen", erinnert sich Professor Walter-Rolf Bindel, der dieses Projekt vor neun Jahren aus der Taufe gehoben hat.

Der Professor im Ruhestand beschäftigte sich während seiner Habilitation zum ersten Mal intensiver mit dem Stottern und den verschiedenen Therapiemöglichkeiten. "Ich habe damals herausgefunden, dass das Stottern eine Funktion als Unterbrechungsabwehr hat", erklärt Bindel. Mit dem Stottern, das meist im Vorschulalter beginnt, möchte der Betroffene zeigen, dass er noch weiter sprechen will. "Sprechpausenstörung", nennen die Wissenschaftler der Uni dieses Verhalten. Wird es nicht frühzeitig korrigiert, schleift es sich als individuelle Verhaltensweise ein. Bindels wissenschaftlicher Ansatz ist, dass nicht eine einzige Methode hilft, das Stottern zu überwinden, sondern die Kombination aus mehreren.

Für Jan Dierks steht jetzt Yoga auf dem Programm. Er streckt die Arme in Höhe, holt tief Luft und beugt sich weit nach unten. Eine gewisse innere Ruhe ist eine gute Basis für Gespräche ohne Stotterpausen. "Das wichtigste ist, dass sie ihr eigener Therapeut werden. Dass sie auf sich achten, sich selbst beobachten und auch korrigieren können", fasst Projektleiterin Miosga die Ziele des Sommercamps zusammen. Und so lernen Dierks und die anderen in den 14 Tagen unter anderem ruhiges Atmen, langsames Sprechen, die passende Körperhaltung und entspannte und selbstbewusste Gesprächsführung.

Eine mehrwöchige Therapie im Sommercamp ist nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe mit Sitz in Köln bei vielen Betroffenen wirksam. "Es gibt aber immer wieder auch Fälle, wo mehr Zeit nötig ist", sagt Logopädin Martina Wiesmann. Mit dem Angebot für junge Erwachsene werde eine Lücke geschlossen. Normalerweise richteten sich diese Projekte an Kinder oder deren Eltern. "Die Uni hat ein gutes Konzept ausgearbeitet", sagt die Expertin.

Bundesweit sei die Zahl aller Camp-Angebote sehr überschaubar: "Mehr als ein gutes Dutzend werden das nicht sein." Das Camp im idyllisch gelegenen Dorf Wölpinghausen wird von der Leibniz-Universität seit vier Jahren auch wissenschaftlich betreut und ausgewertet. Seitdem ist klar: das Sommercamp verringert den Stottergrad der Teilnehmer um mindestens eine Stufe – in einigen Fällen verschwinden die Symptome sogar dauerhaft. Das hat sich auch Dierks vorgenommen. "Es ist zwar wirklich schön hier, aber ich hoffe nicht, dass ich nochmal herkommen muss", sagt er ohne zu stocken und lacht.

Quelle: dpa/LF
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