28.02.13

Deutsches Herzzentrum

Experte rechnet mit hohem Rückgang bei Spenderorganen

Die Bereitschaft der Deutschen nach ihrem Tod ein Organ zu spenden, ist sehr gering. Professor Roland Hetzer über mögliche Alternativen.

Von Norbert Lossau
Foto: dpa

Roland Hetzer baute 1985 das Deutsche Herzzentrum mit auf. Seitdem ist er auch dessen ärztlicher Direktor
Roland Hetzer baute 1985 das Deutsche Herzzentrum mit auf. Seitdem ist er auch dessen ärztlicher Direktor

Nach den Betrugsfällen an einigen Kliniken hat die Spendenbereitschaft noch weiter abgenommen – auch wenn diese Fälle im Rahmen des gesamten Transplantationswesens Ausnahmen sind. Es stellt sich die Frage: Wie kann den Patienten, zum Beispiel mit schwerer Herzschwäche, alternativ geholfen werden? Darüber sprach Norbert Lossau mit Professor Roland Hetzer, dem Ärztlichen Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin.

Berliner Morgenpost: In jüngster Zeit wurde hierzulande sehr viel über Organspenden geredet. Es gibt einen Mangel an Spenderorganen. Was bedeutet dies für die Transplantation von Herzen?

Roland Hetzer: Die Verfügbarkeit von Spenderherzen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten beständig zurückgegangen. Mitte der 1990er-Jahre wurden in Deutschland noch jährlich rund 600 Herzen transplantiert. Jetzt sind es nicht einmal mehr 350 pro Jahr. Im Deutschen Herzzentrum haben wir im vergangenen Jahr nur noch 26 solche Operationen durchgeführt. Vor 15 Jahren waren es mehr als 120. Nach den jüngsten Skandalen im Zusammenhang mit Lebertransplantationen erwarte ich einen weiteren Rückgang bei der Zahl von Spenderherzen. Das ist bedauerlich für die auf ein Herz wartenden Patienten. Sie hätten nach einer Transplantation eine sehr gute Lebenserwartung. Es leben noch Patienten, denen ich vor 28 Jahren ein Herz transplantierte.

Doch elektrische Pumpen können die Funktion des Herzens übernehmen.

Das ist richtig. Diese sogenannten Herzunterstützungspumpen sind in gewissem Maße eine Ersatzlösung. Vor 25 Jahren habe ich das von meinem Vorgänger Professor Emil Bücherl entwickelte Kunstherz zum ersten Mal bei einem Patienten angewendet. Damit konnte die Zeit bis zu einer Herztransplantation erfolgreich überbrückt werden. Durch unseren Anstoß ist die Firma Berlin Heart entstanden, die nach wie vor die einzige Firma in Europa ist, die Herzpumpen für den Langzeiteinsatz herstellt. Dort wurde in Zusammenarbeit mit uns auch die weltweit einzige Herzpumpe entwickelt, die sich für Säuglinge und Kinder eignet. Das hat weltweit Aufsehen erregt.

Die Zukunft gehört den Pumpen?

Die Herzpumpen sind mittlerweile klein, nahezu geräuschlos, und sie lassen sich dauerhaft implantieren. Zweifelsohne werden sie eine große Zukunft haben, allein schon weil die Zahl der Spenderherzen ja zurückgeht. Mit den Pumpen können auch Patienten gerettet werden, die aufgrund ihrer sonstigen Risiken auf den Wartelisten niemals eine Chance hätten, ein Spenderherz zu erhalten.

Inwieweit ist die Technik der Pumpen ausgereift?

Sie funktionieren viele Jahre lang problemlos. Und man kann sie heute sogar Menschen implantieren, die älter als 80 Jahre sind. Im Deutschen Herzzentrum haben wir inzwischen mehr als 2000 Pumpen implantiert. Das ist ein Weltrekord. Und dabei haben wir viele neue Systeme erstmals eingesetzt. Daher verfügen wir über einen weltweit einmaligen Erfahrungsschatz.

2012 haben Sie 26 Herzen transplantiert. Wie viele Herzpumpen wurden im gleichen Zeitraum eingesetzt?

212. Das Verhältnis von 26 zu 212 zeigt ganz deutlich, wohin die Reise geht. Pumpen sind längst nicht mehr nur eine vorübergehende Überbrückung. Sie sind für einen dauerhaften Einsatz gedacht.

Wie lange funktioniert ein künstliches Herz?

Die Pumpentechnik ist zwar weit fortgeschritten, doch noch immer wird damit nicht die Erfolgsrate der Herztransplantationen erreicht. Pumpen verschleißen und müssen natürlich irgendwann ausgetauscht werden. Außerdem kann es zu Komplikationen kommen, etwa der Bildung von Blutgerinnseln in der Pumpe.

Kann eine Pumpe plötzlich versagen?

Das kann passieren, ist aber extrem selten. Die Pumpen werden ja regelmäßig überprüft, und Verschleißerscheinungen werden in der Regel rechtzeitig erkannt.

Sind in der Pumpe Sensoren, die drohende Probleme erkennen können?

Bislang noch nicht, aber daran wird gearbeitet. Ein solches System könnte per Tele-Monitoring Alarm schlagen, wenn es Unregelmäßigkeiten gibt.

Der Patient muss stets frisch aufgeladene Batterien bereithalten?

Ja, das Batterienmanagement ist überlebenswichtig. Alle sechs bis acht Stunden müssen die Batterien gewechselt werden. Denn ohne elektrische Energie arbeiten die Pumpen natürlich nicht.

Die Batterien zur Energieversorgung der Herzpumpe müssen bislang noch außerhalb des Körpers getragen werden. Wird es da Fortschritte geben?

Bislang findet die Energieversorgung noch über Kabel durch die Haut statt. Diese Kabel sind eine Schwachstelle. Nach rund fünf Jahren im Körper können sie brüchig werden. Doch zum Glück lässt sich das rechtzeitig erkennen. Künftig sind auch Systeme denkbar, bei denen die elektrische Energie induktiv in den Körper eingespeist wird.

Zwischen dem ersten Kunstherz und den heutigen Herzpumpen liegen technologisch sicherlich Welten?

Ja, der Fortschritt war enorm. Die frühen Systeme wurden mit außerhalb des Körpers befindlichen Luftdruckpumpen betrieben – also pneumatisch. Der Patient musste ständig zwei große Pumpen mit sich führen, die überdies starke Geräusche machten. Das war schon eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität. Aus damaliger Sicht war das dennoch ein großer Gewinn, denn zuvor gab es ja überhaupt keine Möglichkeit, einen bedrohten Patienten am Leben zu erhalten. Heute werden solche Systeme nur noch bei akuten Notfällen eingesetzt. 1998 habe ich dann erstmals eine von Nasa-Forschern entwickelte Rotationspumpe implantiert. Heute gibt es sogenannte Axialfluss- und Zentrifugalpumpen. Die einen arbeiten mit einer Turbine, und in den anderen dreht sich ein scheibenförmiger Rotor.

Pumpen erzeugen einen unnatürlichen Blutfluss – kontinuierlich statt gepulst. Ist das für den Körper und seine Organe egal?

Selbstverständlich haben wir uns anfangs die Frage gestellt, ob ein kontinuierlicher Blutfluss überhaupt vom menschlichen Organismus akzeptiert wird. Doch er tut es. Bislang konnten wir keine Beeinträchtigungen beobachten.

Im Deutschen Herzzentrum wird auch geforscht. Was waren besonders spannende Erkenntnisse?

Da wir sehr viele Dinge erstmals gemacht haben, haben wir zwangsläufig auch zahlreiche wissenschaftliche Begleitstudien durchgeführt. So haben wir etwa entdeckt, dass Patienten mit einer künstlichen Pumpe zur Entwicklung von Antikörpern neigen. Diese können bei einer späteren Transplantation zu stärkeren Abstoßungsreaktionen führen. Doch wenn man gewarnt ist, lässt sich dieses Problem meistern. Eine andere wichtige Erkenntnis war, dass bei Menschen mit Erkrankungen des Herzmuskels der Einsatz von Pumpen bereits nach wenigen Monaten zu einer so weitgehenden Erholung des Herzens führen kann, dass auf die Pumpen wieder verzichtet werden kann. Das ist ein besonders erfreuliches Ergebnis. Doch wir können bis heute nicht vorab sagen, bei welchen Patienten das funktioniert und bei welchen nicht. In fünf bis zehn Jahren werden wir das vielleicht wissen. Die Friede-Springer-Stiftung unterstützt diese Forschung.

Welche anderen Finanzierungsquellen für Forschungsprojekte gibt es?

Unsere Forschungsprojekte werden finanziert durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Bundesforschungsministeriums sowie der Europäischen Union. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass das Deutsche Herzzentrum wegen seines hohen Anteils ausländischer Patienten stets Überschüsse erwirtschaftet hat. Ein Drittel dieser Überschüsse wird in die Forschung investiert. Ein weiteres Drittel dient der Anschaffung neuer Geräte, und das letzte Drittel fließt in die Rücklagen. Vom Berliner Wissenschaftssenator erhalten wir jedenfalls keine Forschungsförderung.

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