26.02.13

Hightech-Medizin

Turbopumpen statt transplantierter Herzen

Roland Hetzer, Pionier der Herzchirurgie, prophezeit einen weiteren Rückgang bei der Zahl von Spenderherzen: Doch auch moderne Medizintechnik kann Menschenleben retten, wenn Spenderorgane fehlen.

Foto: Infografik Die Welt, Martin Steinröder

Die Grafik zeigt die verschiedene Möglichkeiten für den Einsatz moderner Medizintechnik bei einem menschlichen Herzen
Die Grafik zeigt die verschiedene Möglichkeiten für den Einsatz moderner Medizintechnik bei einem menschlichen Herzen

Professor Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum in Berlin ist ein Pionier der Herzchirurgie. Er sagt einen weiteren Rückgang bei der Zahl von Spenderherzen voraus – auch aufgrund der jüngsten Transplantationsskandale. Für Herzpatienten gibt es zum Glück eine Alternative: die künstlichen Herzpumpen. Sie können die Funktion des biologischen Herzens dauerhaft ersetzen. Ein Gespräch mit Roland Hetzer über Innovationen der Herzchirurgie.

Berliner Morgenpost: Es gibt einen Mangel an Spenderorganen. Was bedeutet dies für die Transplantation von Herzen?

Roland Hetzer: Die Verfügbarkeit von Spenderherzen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten beständig zurückgegangen. Mitte der 1990er-Jahre wurden in Deutschland noch jährlich rund 600 Herzen transplantiert. Jetzt sind es nicht einmal mehr 350 pro Jahr. Im Deutschen Herzzentrum haben wir im vergangenen Jahr nur noch 26 solche Operationen durchgeführt. Vor 15 Jahren waren es mehr als 120. Nach den jüngsten Skandalen im Zusammenhang mit Lebertransplantationen erwarte ich einen weiteren Rückgang bei der Zahl von Spenderherzen. Das ist bedauerlich für die auf ein Herz wartenden Patienten. Sie hätten nach einer Transplantation eine sehr gute Lebenserwartung. Es leben noch Patienten, denen ich vor 28 Jahren ein Herz transplantierte.

Berliner Morgenpost: Doch elektrische Pumpen können die Funktion des Herzens übernehmen.

Hetzer: Das ist richtig. Diese sogenannten Herzunterstützungspumpen sind in gewissem Maße eine Ersatzlösung. Vor 25 Jahren habe ich das von meinem Vorgänger Professor Emil Bücherl entwickelte Kunstherz zum ersten Mal bei einem Patienten angewendet. Damit konnte die Zeit bis zu einer Herztransplantation erfolgreich überbrückt werden. Durch unseren Anstoß ist die Firma Berlin Heart entstanden, die nach wie vor die einzige Firma in Europa ist, die Herzpumpen für den Langzeiteinsatz herstellt. Dort wurde in Zusammenarbeit mit uns auch die weltweit einzige Herzpumpe entwickelt, die sich für Säuglinge und Kinder eignet. Das hat weltweit Aufsehen erregt.

Berliner Morgenpost: Die Zukunft gehört den Pumpen?

Hetzer: Die Herzpumpen sind mittlerweile klein, nahezu geräuschlos, und sie lassen sich dauerhaft implantieren. Zweifelsohne werden sie eine große Zukunft haben, allein schon weil die Zahl der Spenderherzen ja zurückgeht. Mit den Pumpen können auch Patienten gerettet werden, die aufgrund ihrer sonstigen Risiken auf den Wartelisten niemals eine Chance hätten, ein Spenderherz zu erhalten.

Berliner Morgenpost: Ist die Pumpentechnik ausgereift?

Hetzer: Sie funktionieren viele Jahre lang problemlos. Und man kann sie heute sogar Menschen implantieren, die älter als 80 Jahre sind. Im Deutschen Herzzentrum haben wir inzwischen mehr als 2000 Pumpen implantiert. Das ist ein Weltrekord. Und dabei haben wir viele neue Systeme erstmals eingesetzt. Daher verfügen wir über einen weltweit einmaligen Erfahrungsschatz.

Berliner Morgenpost: 2012 haben Sie 26 Herzen transplantiert. Wie viele Herzpumpen wurden im gleichen Zeitraum eingesetzt?

Hetzer: 212. Das Verhältnis von 26 zu 212 zeigt ganz deutlich, wohin die Reise geht. Pumpen sind längst nicht mehr nur eine vorübergehende Überbrückung. Sie sind für einen dauerhaften Einsatz gedacht.

Berliner Morgenpost: Wie lange funktioniert ein künstliches Herz?

Hetzer: Die Pumpentechnik ist zwar weit fortgeschritten, doch noch immer wird damit nicht die Erfolgsrate der Herztransplantationen erreicht. Pumpen verschleißen und müssen natürlich irgendwann ausgetauscht werden. Außerdem kann es zu Komplikationen kommen, etwa der Bildung von Blutgerinnseln in der Pumpe.

Berliner Morgenpost: Kann eine Pumpe plötzlich versagen?

Hetzer: Das kann passieren, ist aber extrem selten. Die Pumpen werden ja regelmäßig überprüft, und Verschleißerscheinungen werden in der Regel rechtzeitig erkannt.

Berliner Morgenpost: Sind in der Pumpe Sensoren, die drohende Probleme erkennen können?

Hetzer: Bislang noch nicht, aber daran wird gearbeitet. Ein solches System könnte per Tele-Monitoring Alarm schlagen, wenn es Unregelmäßigkeiten gibt.

Berliner Morgenpost: Der Patient muss stets frisch aufgeladene Batterien bereithalten?

Hetzer: Ja, das Batterienmanagement ist überlebenswichtig. Alle sechs bis acht Stunden müssen die Batterien gewechselt werden. Denn ohne elektrische Energie arbeiten die Pumpen natürlich nicht.

Berliner Morgenpost: Die Batterien zur Energieversorgung der Herzpumpe müssen bislang noch außerhalb des Körpers getragen werden. Wird es da Fortschritte geben?

Hetzer: Bislang findet die Energieversorgung noch über Kabel durch die Haut statt. Diese Kabel sind eine Schwachstelle. Nach rund fünf Jahren im Körper können sie brüchig werden. Doch zum Glück lässt sich das rechtzeitig erkennen. Künftig sind auch Systeme denkbar, bei denen die elektrische Energie induktiv in den Körper eingespeist wird.

Berliner Morgenpost: Zwischen dem ersten Kunstherz und den heutigen Herzpumpen liegen technologisch sicherlich Welten?

Hetzer: Ja, der Fortschritt war enorm. Die frühen Systeme wurden mit außerhalb des Körpers befindlichen Luftdruckpumpen betrieben – also pneumatisch. Der Patient musste ständig zwei große Pumpen mit sich führen, die überdies starke Geräusche machten. Das war schon eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität. Aus damaliger Sicht war das dennoch ein großer Gewinn, denn zuvor gab es ja überhaupt keine Möglichkeit, einen bedrohten Patienten am Leben zu erhalten. Heute werden solche Systeme nur noch bei akuten Notfällen eingesetzt. 1998 habe ich dann erstmals eine von Nasa-Forschern entwickelte Rotationspumpe implantiert. Heute gibt es sogenannte Axialfluss- und Zentrifugalpumpen. Die einen arbeiten mit einer Turbine, und in den anderen dreht sich ein scheibenförmiger Rotor.

Berliner Morgenpost: Pumpen erzeugen einen unnatürlichen Blutfluss – kontinuierlich statt gepulst. Ist das für den Körper und seine Organe egal?

Hetzer: Selbstverständlich haben wir uns anfangs die Frage gestellt, ob ein kontinuierlicher Blutfluss überhaupt vom menschlichen Organismus akzeptiert wird. Doch er tut es. Bislang konnten wir keine Beeinträchtigungen beobachten.

Berliner Morgenpost: Im Deutschen Herzzentrum wird auch geforscht. Was waren besonders spannende Erkenntnisse?

Hetzer: Da wir sehr viele Dinge erstmals gemacht haben, haben wir zwangsläufig auch zahlreiche wissenschaftliche Begleitstudien durchgeführt. So haben wir etwa entdeckt, dass Patienten mit einer künstlichen Pumpe zur Entwicklung von Antikörpern neigen. Diese können bei einer späteren Transplantation zu stärkeren Abstoßungsreaktionen führen. Doch wenn man gewarnt ist, lässt sich dieses Problem meistern. Eine andere wichtige Erkenntnis war, dass bei Menschen mit Erkrankungen des Herzmuskels der Einsatz von Pumpen bereits nach wenigen Monaten zu einer so weitgehenden Erholung des Herzens führen kann, dass auf die Pumpen wieder verzichtet werden kann. Das ist ein besonders erfreuliches Ergebnis. Doch wir können bis heute nicht vorab sagen, bei welchen Patienten das funktioniert und bei welchen nicht. In fünf bis zehn Jahren werden wir das vielleicht wissen. Die Friede-Springer-Stiftung unterstützt diese Forschung.

Berliner Morgenpost: Welche anderen Finanzierungsquellen für Forschungsprojekte gibt es?

Hetzer: Unsere Forschungsprojekte werden finanziert durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Bundesforschungsministeriums sowie der Europäischen Union. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass das Deutsche Herzzentrum wegen seines hohen Anteils ausländischer Patienten stets Überschüsse erwirtschaftet hat. Ein Drittel dieser Überschüsse wird in die Forschung investiert. Ein weiteres Drittel dient der Anschaffung neuer Geräte, und das letzte Drittel fließt in die Rücklagen. Vom Berliner Wissenschaftssenator erhalten wir jedenfalls keine Forschungsförderung.

Berliner Morgenpost: Wie beurteilen Sie die Gründung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung durch das Bundesforschungsministerium?

Hetzer: Eines dieser Zentren ist ja das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung. Es verteilt sich auf sieben Standorte in ganz Deutschland. Einer davon ist Berlin. Und hier sind die Charité, das Max-Delbrück-Centrum und das Deutsche Herzzentrum beteiligt. Wir haben jetzt eine Studie mit allen deutschen Kliniken initiiert, die Herzen transplantieren. Es geht um die Frage, wie schwer herzinsuffiziente Patienten in Zukunft behandelt werden sollen: Soll man frühzeitig bei Herzversagen eine Herzpumpe implantieren, oder sollen die Patienten wie bisher lange auf ein Spenderherz warten und gegebenenfalls notfallmäßig eine künstliche Pumpe erhalten? Diese Studie ist ein gutes Beispiel für vernetzte, wissenschaftliche Zusammenarbeit, von der die Patienten gewiss profitieren werden.

Berliner Morgenpost: Im Deutschen Herzzentrum geht es nicht nur um Herztransplantationen und den Einsatz von Pumpen?

Hetzer: Nein. Wir bieten alle Behandlungsmöglichkeiten der modernen Herzmedizin. Das reicht von der Therapie einer koronaren Herzerkrankung, dem Ersatz von Herzklappen bis hin zur Behandlung von Erkrankungen der Hauptschlagader. Bereits 1994 haben wir Katheter zur Behandlung von Aorten-Aneurysmen eingesetzt. Bis heute haben wir mehr als tausend Patienten damit geholfen. Ein ganz wichtiges Feld sind überdies die angeborenen Herzfehler. Da haben wir mehr als 10.000 Operationen durchgeführt. Wir haben sogar eine spezielle Herz-Lungen-Maschine entwickelt, die eine Operation von Frühchen am offenen Herzen ermöglicht. Das kleinste Frühgeborene, das wir damit versorgt haben, war nur 900 Gramm schwer. Auch das ist ein Weltrekord. Von Anfang an war es auch eine unserer Aufgaben, die ganze Region Berlin notfallmäßig abzudecken. Dazu kam dann der Anspruch, wissenschaftliche Beiträge an der vordersten Front der Forschung zu liefern. Ich selber war an knapp tausend wissenschaftlichen Publikationen beteiligt.

Berliner Morgenpost: Forschung heißt auch Kooperation. Wer sind Ihre wichtigsten Partner?

Hetzer: Wir arbeiten bei vielen Projekten mit dem Max-Delbrück-Centrum und der Charité zusammen. Das wollen wir noch intensivieren. Bislang geschieht dies auf der Grundlage eines Kooperationsvertrags, der zum Beispiel vorsieht, dass unsere Abteilungsleiter zugleich Professoren an der Charité sind. Das Herzzentrum ist wirklich offen für jedwede wissenschaftliche Aktivität, die an uns herangetragen wird. Der Kooperationsvertrag nimmt aber auch Rücksicht auf die besondere Struktur des Herzzentrums. Es wurde bewusst als Stiftung des bürgerlichen Rechts gegründet, damit keine beliebigen Veränderungen möglich sind. Insbesondere kann es nicht durch eine andere Institution dominiert werden. Diese Konstruktion gibt engagierten Persönlichkeiten gute Voraussetzungen, Dinge zu gestalten. Anders als bei privaten Einrichtungen werden keine Gewinne abgeschöpft. Sie fließen komplett in das Herzzentrum. Und es gibt auch keine schwerfällige Bürokratie, wie das häufig bei staatlichen Einrichtungen der Fall ist. Bei uns gibt es kurze Entscheidungswege, die nach den unmittelbaren Bedürfnissen ausgerichtet sind. So lässt sich das Zentrum fachlich wie wirtschaftlich erfolgreich führen. Ich denke, wir sind für die Zukunft sehr gut aufgestellt.

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