21.02.13

Immunsystem

Ein Schalter knipst angeblich Diabetes im Alter an

Ein Osteoporose-Medikament könnte bei Diabetes helfen und in vier Jahren auf den Markt kommen – behauptet ein Erlanger Forscher. Skeptiker verweisen auf das Immunsystem als extrem sensiblen Bereich.

Foto: picture alliance / BARBARA GINDL

Derzeit leiden etwa acht Prozent der Bundesbürger unter Altersdiabetes. Ihnen könnte ein Medikament helfen, den Blutzucker im Zaum zu halten
Derzeit leiden etwa acht Prozent der Bundesbürger unter Altersdiabetes. Ihnen könnte ein Medikament helfen, den Blutzucker im Zaum zu halten

Forscher haben einen der Auslöser für Altersdiabetes entdeckt. Er werde insbesondere von dicken Menschen gebildet. "Je nach Übergewicht gibt es im Körper mehr Entzündungen. Und Entzündungen bewirken die stärkere Bildung des Proteins Rankl", sagte Professor Georg Schett von der Universitätsklinik Erlangen. Rankl wiederum führe dazu, dass der Körper nicht mehr so stark auf Insulin reagiere – ein Merkmal von Altersdiabetes (Diabetes mellitus Typ 2). Das Deutsche Zentrum für Diabetes-Forschung (DZD) ist allerdings skeptisch.

Die Forscher um Schett hatten 20 Jahre lang regelmäßig 1000 gesunde Einwohner der Stadt Bruneck in Südtirol untersucht und dabei auch den Spiegel des Eiweißes Rankl überprüft. "Bei der Untersuchung zeigte sich, dass Menschen mit hohem Rankl-Spiegel – unabhängig von Geschlecht und Alter – ein deutlich erhöhtes Risiko aufwiesen, Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln", erläuterte der Erlanger Mediziner.

Ergänzt wurden die Forschungen durch mehrjährige Laborarbeit unter anderem an der Universitätsklinik Erlangen. Dabei hemmten die Wissenschaftler die Aktivität des Eiweißes Rankl in der Leber, was zu einer Normalisierung des Blutzuckerspiegels führte. "Die Laboruntersuchungen bestätigten, dass das Eiweiß, das eigentlich für die Entstehung von Osteoporose verantwortlich ist, auch zentraler Schalthebel für die Entstehung von Diabetes ist."

Neues Medikament schon in vier Jahren?

Jetzt gelte es, spezifische Medikamente zur Behandlung der Zuckerkrankheit zu entwickeln und zu testen, betonte Schett. Für die Behandlung von Altersdiabetes kommt nach seiner Einschätzung ein bereits bei Osteoporose eingesetztes Antikörper-Präparat infrage. "Bevor wir es gegen Altersdiabetes einsetzen können, muss es aber erst klinischen Tests unterzogen werden", erläuterte Schett. Da man aber bereits über einen Wirkstoff zur Hemmung des Eiweißes Rankl verfüge, werde sich das Zulassungsverfahren deutlich abkürzen. Schett schloss nicht aus, dass ein solches Medikament schon in vier Jahren zur Verfügung steht.

Das Deutsche Zentrum für Diabetes-Forschung in Neuherberg bei München hält die neuen Erkenntnisse für interessant, gibt aber zu bedenken, dass neben dem Eiweiß Rankl noch andere Faktoren Altersdiabetes auslösten.

Das Zentrum dämpfte auch die Hoffnung, dass schon bald ein wirksames Medikament zur Behandlung von Altersdiabetes zur Verfügung stehen könnte. Der Eingriff in das Immunsystem sei ein sehr sensibler Bereich, sagte der Diabetologe Norbert Stefan zum DZD. Er ist Professor für klinische experimentelle Medizin an der Universität Tübingen.

Derzeit leiden etwa acht Prozent der Bundesbürger unter Altersdiabetes; zu den Risikogruppen gehören vor allem Übergewichtige.

Quelle: dpa
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Diabetes-Fakten
  • Zahl der Betroffenen

    Diabetes mellitus, im Volksmund auch „Zucker“ genannt, ist inzwischen eine Volkskrankheit. Derzeit sind daran etwa sechs Millionen Bundesbürger erkrankt, wie aus dem gerade veröffentlichten Gesundheitsbericht „Diabetes 2013“ hervorgeht. 90 Prozent leiden an einem Typ-2-Diabetes, die anderen an Typ-1-Diabetes – darunter schätzungsweise 15.000 Kinder.

  • Wirkung und Anzeichen

    Bei Diabetes handelt es sich um eine Stoffwechselkrankheit: Der Körper produziert entweder kein Insulin mehr (Typ 1), oder die Zellen können es nicht mehr aufnehmen (Typ 2). Alle Diabetes-Kranken haben ein gemeinsames und messbares Kennzeichen: die chronische Erhöhung ihres Blutzuckers.

  • Weg des Zuckers

    Der mit der Nahrung aufgenommene Zucker gelangt nicht mehr ins Zellinnere und kann dort nicht als Energielieferant oder -speicher wirken. Der aufgenommene Zucker wird stattdessen im Blut angereichert, der Blutzuckerspiegel steigt. Der Zucker wird schließlich ungenutzt mit dem Urin ausgeschieden. Schon die Ärzte der Antike beschrieben den „honigsüßen Urinfluss“, so die wörtliche Übersetzung.

  • Mögliche Folgen

    Diabetes mellitus ist keine reine „Zuckerkrankheit“, sondern geht auch einher mit Störungen des Protein- und Fettstoffwechsels. Diabetiker sind gefährdet, was Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall angeht.

  • Ursache von Typ 1

    Als verantwortlich für Typ 1 gilt ein Mix aus Erbanlagen, äußeren Einflüssen (etwa einer bestimmten Virusinfektion) sowie eine Fehlsteuerung des Immunsystems.

  • Ursache von Typ 2

    Der Typ-2-Diabetes wird häufig immer noch Alterszucker genannt, obwohl die Betroffenen immer jünger werden. Als Auslöser gelten fettreiche Kost, Übergewicht und Bewegungsmangel.

  • Weltweite Zahlen

    Die Anzahl der Betroffenen steigt seit Jahren in fast allen Ländern rasant an. Weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Diabetes-Patienten mittlerweile auf knapp 350 Millionen. 80 Prozent davon leben der WHO zufolge in Entwicklungs- und in Schwellenländern.

  • Weltdiabetestag

    Der Weltdiabetestag wird seit 1991 begangen. Seit 2007 ist er offizieller Tag der Vereinten Nationen. Der 14. November wurde gewählt, weil an diesem Tag Frederick G. Banting geboren wurde, der gemeinsam mit Charles Herbert Best 1921 Insulin entdeckt hat. Nach dem Weltaidstag ist der Weltdiabetestag der zweite Aktionstag der Vereinten Nationen, der einer Krankheit gewidmet ist. Eine entsprechende Resolution verabschiedeten die UN Ende 2006. Hintergrund war die weltweit steigende Zahl von Diabetes-Patienten und der Wunsch, mehr Prävention zu betreiben.

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