20.02.13

Gleichgewichtsstörung

Schwindel-Attacken sind nicht immer harmlos

Schwindel lässt alles kreisen. Betroffene können sich kaum senkrecht halten. Häufen sich die Attacken, sollte ein Arzt nach der Ursache fahnden – schließlich droht sonst ein Sturz.

Von Christiane Löll
Foto: dpa

Wer unter Schwindel-Attacken leidet, sucht oft lange nach der richtigen Therapie. In der Schwindelambulanz in München erfolgt bei einer Untersuchung jeweils einseitig eine Spülung der äußeren Gehörgänge. Gleichzeitig werden die Augenbewegungen registriert
Wer unter Schwindel-Attacken leidet, sucht oft lange nach der richtigen Therapie. In der Schwindelambulanz in München erfolgt bei einer Untersuchung jeweils einseitig eine Spülung der äußeren Gehörgänge. Gleichzeitig werden die Augenbewegungen registriert

Plötzlich schwankt der Boden unter den Füßen, alles dreht sich. Schwindelattacken gehören Fachleuten zufolge zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Patienten zum Arzt kommen. Gerade im Alter kann ein höheres Risiko für Stürze die Folge sein, und die Ursachen sollten geklärt werden. Tritt der Schwindel zusammen mit deutlichen Sprach-, Schluck- oder Sehstörungen auf oder Lähmungen, dann sind dies Alarmzeichen für einen Schlaganfall.

"Eigentlich klappt das mit dem Gleichgewichtssinn alles automatisch, wir müssen nicht groß darauf achten beim Gehen oder Stehen", sagt Professor Klaus Jahn, Sprecher des Deutschen Zentrums für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen in München.

Doch was tun, wenn sich lästige Schwindelgefühle einstellen? "Sie sollten Ihrem Hausarzt ausführlich über Dauer, Art und Weise des Schwindelgefühls berichten und auch in welchen Situationen dieser auftritt", rät Jahn. "Denn dann ergibt sich in der Mehrheit der Fälle ein Anhaltspunkt, welche Ursache dahinter stecken könnte, teils handelt es sich um Nebenwirkungen von Medikamenten."

Viele Organe und Strukturen im Körper sind beteiligt, damit Menschen Rad fahren oder balancieren können. "Wir brauchen dafür die Augen und die Innenohren mit den Gleichgewichtsorganen. Auch die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn und Rückenmark muss klappen", erklärt Professor Heinz Harald Abholz, emeritierter Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. "Da mag es schon ausreichen, wenn nur eines deutlich oder mehrere dieser Systeme leichte Probleme machen, um Schwindel auszulösen."

Grund für Schwindelanfälle findet sich häufig im Ohr

Ganz charakteristisch sind die Symptome bei der häufigsten Ursache für Schwindel: dem gutartigen, anfallsartigen Lagerungsschwindel. "Die Patienten wachen morgens früh auf, drehen sich im Bett um, und ganz plötzlich befällt sie ein heftigster Schwindel mit Übelkeit, der sich nach 30 Sekunden wieder legt", sagt Jahn. Dann steckten vermutlich kleine Kristalle dahinter, die sich in die Bogengängen des Innenohrs verirrt haben und die Sinneszellen dort reizen.

HNO-Ärzte werden zum Beispiel zurate gezogen, wenn Patienten über heftigsten Drehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen klagen. "Wir denken dann zum Beispiel an den Morbus Menière, das ist eine Erkrankung des Innenohrs durch zu viel Flüssigkeit und Überdruck, dabei haben die Patienten in der Regel auch Ohrgeräusche und hören schlechter", sagt Frank Waldfahrer, Schwindelexperte an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Universitätsklinikum Erlangen. Die Beschwerden hielten etwa 20 Minuten bis 24 Stunden an und überfielen die Patienten anfallsartig. Eine Ursache sei noch nicht bekannt. Mit Medikamenten könnten die Patienten den Anfällen vorbeugen.

Schwindel wegen Virusinfektion oder psychische Ursachen

"Tritt Schwindel mit massiver Übelkeit ganz plötzlich ohne andere Beschwerden auf, kann es sein, dass das Gleichgewichtsorgan ausgefallen ist, als Ursache werden Virusinfektionen oder Durchblutungsstörungen diskutiert", sagt Waldfahrer. Wenn HNO-Ärzte keine Ursache im Ohr fänden, würden spätestens dann Neurologen hinzu gezogen. Mit bildgebenden Verfahren werde nach Ursachen wie einem Schlaganfall, Tumoren oder Entzündungen im Gehirn gesucht.

In etwa 15 bis 20 Prozent aller Schwindelfälle findet sich kein körperlicher Grund. Dann könnte es sich um einen phobischen Schwankschwindel mit psychischen Ursachen handeln. "Viele berichten von immer wiederkehrenden Schwindelattacken beispielsweise im Supermarkt, beim Autofahren oder in großen Menschenansammlungen. Sie erzählen von einem Gefühl der Benommenheit", sagt Jahn.

Diese Form des Schwindels trete häufiger auch bei jüngeren Menschen auf. "Wichtig ist dann, den Patienten die Angst vor diesen Situationen zu nehmen." Daher setzen die Experten in München oft eine Verhaltenstherapie ein und in bestimmten Fällen auch Antidepressiva.

Quelle: dpa
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Arten des Schwindels
  • Lagerungsschwindel

    Häufigster Schwindel ist der gutartige Lagerungsschwindel. Klassisches Symptom: Der Betroffene wacht morgens früh auf, ganz plötzlich befällt ihn ein heftiger Schwindel mit Übelkeit. Nach 30 Sekunden legt sich das Problem. Ursache sind vermutlich kleine Kristalle, die sich in die Bogengängen des Innenohrs verirrt haben und die Sinneszellen dort reizen.

  • Drehschwindel

    Dieser Schwindel geht mit Übelkeit und Erbrechen einher und bleibt von 20 Minuten bis 24 Stunden – also unberechenbar kurz oder lang. Auch hier tritt das Problem anfallsartig auf. Ursache: unbekannt. Für die Diagnostik wird oft wird ein HNO-Arzt bemüht.

  • Schwindel und Übelkeit

    Schwindel mit extremer Übelkeit und ohne andere Beschwerden kann auf einen Ausfall des Gleichgewichtsorgan hindeuten. Ursachen könnten Virusinfektionen oder Durchblutungsstörungen sein. Wenn keine Ursache im Ohr selbst zu finden ist, ist spätestens hier der Neurologe gefragt.

  • Schwindel ohne Grund

    Bei 15 bis 20 Prozent der Schwindelfälle ist kein körperlicher Grund auszumachen. Das Ganze nennt sich dann „phobischer Schwankschwindel“ und hat psychische Ursachen.

  • Zum Weiterlesen

    Deutsches Zentrum für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen (München)

    • „Der Schwindel – Forschung – Diagnose – Therapie“ - Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

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