Gesundheit
Hirnstimulation kann bei Parkinson helfen
Die Tiefe Hirnstimulation (THS), oft als Hirnschrittmacher bezeichnet, verbessert die Lebensqualität bestimmter Parkinsonpatienten.
Anfangs lassen sich Zittern und Muskelsteifheit noch recht gut mit Medikamenten kontrollieren – die Parkinsonkrankheit ist weitgehend im Griff. "In den ersten drei bis fünf Jahren bieten Medikamente vielen Patienten fast vollständige Symptomfreiheit", sagt Professor Lars Timmermann von der Uniklinik Köln, "problematisch wird es, wenn die Mittel nicht mehr alle Probleme lösen."
Dann nehmen die Bewegungsstörungen zu – mit gravierenden Folgen für den Alltag der Menschen. Timmermann erzählt von einem Gerichtsvollzieher, dessen Beweglichkeit mehr und mehr schwand: "Er konnte sich nicht mehr sicher sein, ob er mehrere Stockwerke zu Wohnungen hoch- und wieder hinuntersteigen konnte." Der Beruf stand auf dem Spiel.
Doch die Krankheit lässt sich länger bewältigen als bislang angenommen. Die Tiefe Hirnstimulation (THS), oft als Hirnschrittmacher bezeichnet, verbessert die Lebensqualität bestimmter Parkinsonpatienten nicht nur – wie bekannt – im späteren Stadium der Krankheit nach mehr als zehn Jahren, sondern bereits nach vier bis acht Jahren. Diesen Menschen hilft das Verfahren deutlich besser als die bisher übliche medikamentöse Therapie, berichtet ein deutsch-französisches Forscherteam um Professor Günther Deuschl vom Uniklinikum Schleswig-Holstein in Kiel im "New England Journal of Medicine".
Im Sozialleben halten
Mehr als 250.000 Menschen sind in Deutschland an Morbus Parkinson erkrankt. Dabei sterben im Gehirn jene Nervenzellen ab, die den Botenstoff Dopamin produzieren. In der Therapie wollen Ärzte den Patienten mit Arzneien wie etwa L-Dopa möglichst früh eine hohe Lebensqualität erhalten. Erst wenn die Medikamente nicht mehr helfen, erwägen Mediziner bislang den Einsatz der THS. Dabei verhindern elektrische Impulse in einer bestimmten Hirnregion, den sogenannten Basalganglien, dass dort Zellverbände krankhaft im Gleichtakt feuern und dadurch die Bewegungssymptome auslösen.
Dass das seit den 90er-Jahren angewandte Verfahren helfen kann, zeigen etliche Studien. Die meisten Patienten werden nicht nur mobiler, sie brauchen auch deutlich weniger Medikamente und fühlen sich besser. "Wir sind vor 15 Jahren mit der Idee gestartet, den schwerstkranken Patienten zu helfen", sagt Deuschl, "das hat geklappt." Doch die Hemmschwelle war groß, eine Elektrode tief im Gehirn zu verankern, das wollten Ärzte nur schwer kranken Menschen zumuten. Gleichwohl rätselten sie, ob man den Eingriff vielleicht doch häufiger nutzen sollte. Denn wenn die Medikamente ausgereizt sind, haben sich viele Patienten schon längst aus Beruf, Familie und Freundeskreis zurückgezogen. "Unser wichtigstes Ziel ist es, die Patienten in ihrem sozialen Gefüge zu halten", betont Deuschl.
In der neuen Studie prüften Mediziner nun, ob das Verfahren auch Patienten hilft, bei denen die Wirkung der Medikamente anfängt nachzulassen. An der zwei Jahre dauernden Untersuchung nahmen 17 Unikliniken teil. Die 251 Patienten waren im Schnitt 52 Jahre alt – also vergleichsweise sehr jung. Eine Hälfte wurde rein medikamentös behandelt, die übrigen erhielten zusätzlich THS. "Die stimulierten Patienten erlebten eine Verbesserung in ganz wesentlichen Lebensbereichen", bilanziert Deuschl. Sie waren mobiler und fühlten sich besser, viele konnten am sozialen Leben teilhaben und wieder arbeiten – auch der eingangs erwähnte Gerichtsvollzieher. Die Medikamentendosis sank um 39 Prozent, während sie in der Vergleichsgruppe um 21 Prozent anstieg. "Eine so dramatische Verbesserung hatte ich selber nicht erwartet", sagt Deuschl.
Allerdings birgt der Eingriff Risiken. In der Studie hinterließ die Operation zwar keine bleibenden Schäden, doch bei 22 der 124 operierten Teilnehmer traten bei dem Eingriff ernste Probleme auf. Das Einpflanzen der Elektroden erfordert einen mehrstündigen, extrem aufwendigen Eingriff. Danach testen Ärzte an den nur örtlich betäubten Patienten, ob die Elektroden die Symptome wie Zittern und Steifheit wirklich bessern. Den batteriebetriebenen Pulsgeber, der fünf Jahre arbeitet, verstauen die Ärzte meist am Schlüsselbein. Nach dem Eingriff fängt eine kritische Übergangsphase an: Gewöhnlich dauert es Monate, bis Impulsstärke und Medikamente optimal abgestimmt sind. Eine zu rasche Senkung der Arzneidosis kann Entzugserscheinungen und psychische Probleme auslösen.
Die Studie dürfte nach Deuschls Einschätzung zu einer Änderung der Leitlinien führen. "Die Studie zeigt, dass man schon eingreifen kann, wenn erste Probleme auftauchen. Eine Behandlung im frühen Erkrankungsstadium bessert die Lebensqualität." Doch nicht jeder Patient ist geeignet. Bislang kam die Tiefe Hirnstimulation für maximal fünf Prozent von ihnen infrage, schätzt der Marburger Neurologe Professor Wolfgang Oertel, Sprecher des Kompetenznetzes Parkinson. Künftig könnten es bis zu 20 Prozent der sonst gesunden Patienten sein. "Die Nachfrage wird steigen", sagt Oertel. Nachlassende Geisteskraft oder Demenz sind aber Ausschlusskriterien, ebenso wie Depression oder Suizidgefahr. In der Studie nahmen sich zwei operierte Patienten das Leben, im Vergleich zu einem in der Kontrollgruppe. Experten werten dies als Warnung, bei Parkinsonpatienten verstärkt auf die Suizidgefahr zu achten und vor Therapiebeginn überzogene Hoffnungen zu dämpfen.
Nur 15 Zentren haben Erfahrung
Umgekehrt sollten sich die Erkrankten nur in erfahrene Ärztehände begeben. Deuschl verweist darauf, dass der komplizierte Eingriff und die weitere Betreuung erfahrene Neurologen und Neurochirurgen erfordern. Oertel schätzt, dass es derzeit bundesweit 15 geeignete Zentren gibt. Der grundsätzliche Nutzen des Verfahrens steht für Deuschl allerdings eindeutig fest. "Die Tiefe Hirnstimulation hat bei der Therapie von Parkinson eine Revolution bewirkt", sagt er. Doch auch wenn die Hirnstimulation die Lebensqualität steigert, den langfristigen Verlauf hält sie nicht auf. Vielleicht, so hoffen Mediziner, könnte es aber das Absterben der Nervenzellen hinauszögern.















