17.02.13

Samenspende

"Ich suche die Bullen der Stadt"

In der Reproduktionsmedizin zählt vor allem die Spermienzahl: Wer weniger als 80 Millionen hat, kommt nicht in die Samenbank. Wie ein Arzt aus Karlsruhe kinderlosen Paaren zu Nachwuchs verhilft.

Foto: dpa

Viele kinderlose Paare greifen auf eine Samenspendezurück, wenn der Partner nicht zeugungsfähig ist
Viele kinderlose Paare greifen auf eine Samenspendezurück, wenn der Partner nicht zeugungsfähig ist

Die "Tresore" von Maarten van Santen werden mit Minus 174 Grad kaltem Stickstoff gekühlt. Neun solcher kniehoher Stahlcontainer stehen in der Samenbank des Karlsruher Arztes. Darin zehntausende Samenspenden von rund 300 Männern.

Jeden Tag erreichen den Frauenarzt im Schnitt zwei Anfragen von willigen Spendern – auch noch nach dem jüngsten Urteil, das die Anonymität von Samenspendern quasi aufgehoben hat. "So richtig neu ist das Thema nicht", sagt van Santen. "Diese Unsicherheit gab es schon immer."

Doch der Wille zur Spende allein reicht bei weitem nicht aus. "Ich suche die Bullen der Stadt", sagt der Reproduktionsmediziner und grinst breit. Der gebürtige Holländer, der seine Samenbank seit 22 Jahren führt, weiß um das zotenlastige Image seines Berufs – und er spielt damit.

Viel wichtiger sind ihm aber die echten Probleme: Paare, die sich ein Kind wünschen, es dem Mann aber an fruchtbaren Spermien fehlt – oder lesbische Paare, denen schlicht der Mann fehlt.

"Unsere westliche Gesellschaft wird unfruchtbar"

Doch auch die Suche nach dem Bullen hat einen ernsten Hintergrund. Die Samenqualität der Europäer lässt zu wünschen übrig. "In einem Samenerguss sollten eigentlich 100 Millionen und mehr Samenzellen sein, bei Europäern liegt der Schnitt inzwischen bei nur noch 30 Millionen", referiert van Santen. "Unsere westliche Gesellschaft wird unfruchtbar." Bei Afrikanern und Asiaten, die er ebenfalls in seiner Samenbank führt, hat er diese Probleme nicht.

Da bei der Aufbewahrung der Samen bis zur Hälfte der Zellen kaputt gehen kann, braucht der Mediziner beste Qualität. Vier von fünf Männern, die sich melden, scheiden deshalb von vornherein aus.

"Von Deutschen mit Blutgruppe A positiv habe ich auch schon genug", sagt van Santen. "Seltene Blutgruppen sind aber gesucht." Dafür zahlt er auch einen Aufpreis von 50 Euro pro Spende – insgesamt also 100 Euro.

Doch nicht nur die Gesundheit der Männer ist für den Mediziner entscheidend. Er bittet auch alle zum Gespräch, um ihre Motive zu erfahren. "Da gibt es schon den ein oder anderen, der auf diesem Weg einen Erben zeugen will – die scheiden von vornherein aus." Hauptmotiv ist nach van Santens Erfahrung das Geld, gefolgt vom Ego. Manche wollen auch tatsächlich helfen.

Schwangerschaftswahrscheinlichkeit liegt bei 35 Prozent

Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen mit Hilfe einer Samenspende schwanger werden, liegt bei etwa 35 Prozent – und damit in dem Bereich des herkömmlichen Geschlechtsverkehrs.

Das heißt, von den 100 Paaren, die van Santen jährlich betreut, gehen zwei Drittel unverrichteter Dinge nach Hause. Die meisten probieren es rund ein Jahr lang. "Ich hatte aber auch schon eine Patientin, die trotz meiner Bedenken 24 Monate dabei blieb – und am Ende schwanger wurde."

Doch das Verfahren kämpft nicht nur mit medizinischen Schwierigkeiten, sondern auch mit der deutschen Mentalität. "Die biologische Abstammung ist noch immer das Maß aller Dinge, vor allem in dem katholisch geprägten Süden", ist die Erfahrung des Arztes. Er selbst muss sich noch immer zweideutige Bemerkungen gefallen lassen, wenn das Gespräch auf seinen Beruf kommt.

Immer mehr Männer zeugungsunfähig

"Aber die Samenspende wird gesellschaftsfähig", ist der Mediziner überzeugt. "Denn immer mehr Männer sind zeugungsunfähig." Deshalb müsse der Gesetzgeber dringend Klarheit schaffen.

"Die Kinder haben jetzt ein Recht darauf, zu erfahren, wer ihre Erzeuger sind. Es muss jedoch klar sein, dass daraus keinerlei Unterhalts- oder Erbrechte abgeleitet werden können." In Holland etwa sei dies längst Standard.

Van Santen hält die biologischen Aspekte der Vaterschaft für überschätzt. "Ich finde das Wort "leiblicher Vater" schon fragwürdig. Der Samenspender ist kein Vater." Er findet auch nichts dabei, dass nur fünf Prozent der betroffenen Paare ihrem Kind alles erzählen. "Deshalb ist auch die Blutgruppe so wichtig: Damit es nicht durch Zufall auf diesem Wege herauskommt."

Der Vater von zwei leiblichen und zwei adoptierten Kindern weiß, dass die Männer, die einen fremden Samen akzeptieren, in dieser Konstellation den schwersten Part haben. Sie sind für ihn die wahren Helden. Deshalb schenkt er ihnen nach gelungener Zeugung ein Buch über die vielen verschiedenen Arten des Vater-Seins im Tierreich. Der Titel: "Papa ist schwanger".

Quelle: dpa/oc
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
US President Barack Obama, left, is welcomed by German Chancellor Angela Merkel, right, at the chancellery in Berlin, Germany, Wednesday, June 19, 2013. On the second day of his visit to Germany Obama met with German President Joachim Gauck and Chancellor Merkel before delivering a speech at Brandenburg Gate. (AP Photo/Michael Sohn)
Aktualisiert vor 4 MinutenLiveblog
Obama in Berlin – Erstes Hitzeopfer auf dem Pariser Platz

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia sind in Berlin. Ihre Nacht im Hotel Ritz-Carlton ist vorbei. Nun absolvieren sie ein eng getaktetes Programm. Der Liveblog. mehr...

U.S. first lady Michelle Obama and her daughters Sasha and Malia place flowers as they visit the Berlin Wall memorial in Bernauer Strasse in Berlin
Aktualisiert vor 47 MinutenFirst Lady
Michelle Obama in Berlin - Besuch an Mauer und Todesstreifen

Michelle Obama absolviert mit den beiden Töchtern zum Teil ein eigenes Programm. Dabei könnte es einige Überraschungen geben. Der Liveblog. mehr...

US President Obama visits Berlin - Arrival
13:11Obama in Berlin
Michelle Obama und die Farben des Sommers - eine Stilkritik

Besonders Michelle Obama zieht mit ihrem Outfit die Blicke auf sich. Ihre Töchter Sasha und Malia stehen ihr da in nichts nach. Wir zeigen, wie stylish der Berlin-Ausflug der Präsidentenfamilie ist. mehr...


Absperrungen in Berlin
06:42Straßensperrungen
Die Verkehrslage in Berlin während des Obama-Besuchs

Straßen sind gesperrt, Busse werden umgeleitet, Bahnen fahren eingeschränkt: Berlin ist wegen des Staatsbesuches von Barack Obama im Ausnahmezustand. Eine Zusammenfassung der Verkehrseinschränkungen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
US-Präsident Barack Obama – Absperrungen und Hitze in Berlin
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
Berlin-Besuch Obama von Bundespräsident Gauck empfangen
Berlin US-Präsident Obama erreicht das Ritz-Carlton
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote