15.02.13

Stoffwechsel

Grund von Nierenschäden im Melamin-Skandal gefunden

Verseuchte Babymilch hatte für Todesfälle und schwere Erkrankungen bei chinesischen Säuglingen gesorgt. Jetzt haben Forscher eine mögliche Ursache ausgemacht: den menschlichen Stoffwechsel.

Foto: dpa

Die an sich nicht extrem giftige Chemikalie Melamin wird im Körper mancher Menschen in eine gefährliche Substanz umgewandelt. Deshalb erkrankten vor vier Jahren und später auch Kleinkinder nach dem Genuss von Milch
Die an sich nicht extrem giftige Chemikalie Melamin wird im Körper mancher Menschen in eine gefährliche Substanz umgewandelt. Deshalb erkrankten vor vier Jahren und später auch Kleinkinder nach dem Genuss von Milch

Vier Jahre nach dem Skandal um verseuchte Milchprodukte in China haben Forscher eine mögliche Ursache der schweren Nierenschäden bei Kindern ermittelt. Demnach wandeln bestimmte Keime im Darm die Industriechemikalie Melamin in den wesentlich gefährlicheren Stoff Cyanursäure um. Das berichtet ein internationales Forscherteam um Xiaojiao Zheng von der Jiaotong-Universität in Shanghai in der Zeitschrift "Science Translational Medicine".

Im Jahr 2008 hatte ein Skandal um verseuchte Babymilch in China weltweit Aufsehen erregt. Mindestens sechs Säuglinge starben an Nierenversagen, vermutlich hervorgerufen durch Nierensteine. Rund 300.000 Kinder erkrankten. Untersuchungen ergaben, dass die Produkte mit dem Stoff Melamin versetzt waren, um einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen. Auch später gab es wiederholt Fälle von Melamin-verseuchten Lebensmitteln.

Allerdings ist die Chemikalie selbst nicht extrem giftig. Frühere Studien an Tieren deuteten darauf hin, dass durch Melamin verursachte Nierensteine den Stoff Cyanursäure enthalten. Dieser ist eng mit Melamin verwandt.

Keime wandeln Melamin um

Die Forscher entdeckten nun, dass Bakterien des Stamms Klebsiella, die im Darm vorkommen können, Melamin in Cyanursäure umwandeln und damit die Bildung von Nierensteinen fördern. Siedelten sie Klebsiellen, insbesondere Klebsiella terrigena, im Darm von Ratten an, so stieg nach der Gabe von Melamin die Konzentration von Cyanursäure drastisch an.

Töteten sie die Darmflora durch Antibiotika ab, so wurde der Stoff nicht mehr zu Cyanursäure abgebaut. Diese Tiere entwickelten trotz Gabe von Melamin keine Nierenschäden. Im Labor zeigten die Forscher dann, dass sich in Gegenwart von Cyanursäure rasch Kristalle bilden.

Die Studie zeige, dass Mikroorganismen im Darm von Säugetieren Melamin zu Cyanursäure verarbeiten können, schreiben die Wissenschaftler. Sie vermuten, dass dies auch für den Menschen gilt.

"Wie kennen noch nicht alle Spezies"

Eine ältere deutsche Studie mit über 5000 gesunden Teilnehmern hatte ergeben, dass 0,9 Prozent von ihnen Klebsiella terrigena trugen. Eine chinesische Studie kam kürzlich zu dem Schluss, dass über 0,6 Prozent jener Kinder, die Melamin-verseuchte Produkte konsumiert hatten, Probleme im Harntrakt bekamen. Dies deute darauf hin, dass der Anteil der Bevölkerung, der besonders empfindlich auf Melamin reagiere, jenem Teil entspricht, der Klebsiella terrigena trage. Dieser Zusammenhang müsse allerdings noch bestätigt werden, betonen die Forscher.

Professor Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena bewertet das Resultat, dass Darmbakterien Melamin in wesentlich giftigere Abbauprodukte umwandeln, als sehr überzeugend. "Das erklärt, warum manche Kinder damals besonders heftig reagierten", sagt der Infektiologe. Das müsse aber nicht nur für Klebsiellen gelten. Möglicherweise könnten auch andere Mikroorganismen Melamin zu giftigeren Produkten abbauen, betont er: "Wir kennen noch nicht alle Spezies, die im Darm leben."

Quelle: dpa/cl
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