08.02.13

Schwangerschaft

Pummelige Babys kämpfen lebenslang mit Übergewicht

Charité-Studie: Schwangerschaftsdiabetes und Fehlernährung der werdenden Mutter erhöhen auf Dauer das Risiko für Krankheiten wie Diabetes.

Von Wolfgang W. Merkel
Foto: www.jupiterimages.com

Dicke Babybacken lassen Erwachsene strahlen. Doch ein zu hohes Geburtsgewicht ist keine gute Ausgangsposition für das Leben
Dicke Babybacken lassen Erwachsene strahlen. Doch ein zu hohes Geburtsgewicht ist keine gute Ausgangsposition für das Leben

Auf Müttern lastet eine große Verantwortung – auch schon auf werdenden Müttern. Sie dürfen keinen Alkohol trinken und nicht rauchen, sollen auf eine ausgewogene und vitaminreiche Ernährung achten. Doch die Verantwortung reicht noch weiter, wie Forscher der Berliner Charité berichten. Ihre Erkenntnis: Mütterliches Übergewicht schadet den Kindern – und das lebenslang.

Die Wissenschaftler um Professor Andreas Plagemann von der Klinik für Geburtsmedizin hatten eine sogenannte Meta-Analyse erstellt: Sie werteten insgesamt 66 bestehende Studien aus 26 Ländern mit mehr als 640.000 Patienten zum Thema aus.

Geburtsgewicht als Risikofaktor für Übergewicht

Die Teilnehmer waren bis zu 75 Jahre alt. Im Fachmagazin "PLoS One" berichtet das Forscherteam: Das individuelle Geburtsgewicht ist zwar kein alleiniger, aber doch ein wichtiger Risikofaktor für Übergewicht im ganzen Leben. Säuglinge, die bei der Geburt mehr als 4000 Gramm wogen, haben im Vergleich zu normalgewichtigen Babys ein doppelt so hohes Risiko für Übergewicht.

Das hohe Geburtsgewicht wiederum hat mit der Schwangeren zu tun, denn der Fötus hat zu viele Nährstoffe erhalten. Übergewicht, Bewegungsmangel und daraus resultierende Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes bei der Schwangeren begünstigen ein hohes Geburtsgewicht ihres Kindes. Die Studie belege, dass das lebenslange Risiko für Übergewicht vom Lebensstil der werden Mutter beeinflusst wird, sagt Plagemann. "Der Verlauf der Schwangerschaft erweist sich noch mehr als bisher als entscheidender Weichensteller für die Gesundheit des Kindes in seinem ganzen Leben."

Weitertragen von Generation zu Generation

Damit setzt sich ein schon bestehendes Problem für die individuelle Gesundheit – und für das Gesundheitswesen insgesamt – in die Zukunft fort. Über die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung ist schon übergewichtig und 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Stoffwechselstörungen, Krebs, Schlaganfall und orthopädische Probleme ist – zumindest bei starkem Übergewicht – die Folge.

Wenn die Übergewichtigen Kinder bekommen, setzt sich das den Studien zufolge in der nächsten Generation fort. "Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass eine Prävention von Übergewicht für das gesamte spätere Leben schon vor der Geburt möglich ist", sagt Plagemann.

Auf der Basis von Tierexperimenten, die in den vergangenen Jahren weltweit durchgeführt wurden, vermuten Forscher, dass die sogenannte Epigenetik ein bestimmender Faktor für solche Phänomene ist. Demnach werden die genetischen Baupläne im Zellkern durch äußere Einflüsse überformt. Diese Einflüsse bestimmen, ob ein Gen angeschaltet wird oder nicht, weil biochemische Stoffe von außen einzelne Genbausteine markieren.

Gene werden falsch reguliert

Zu den äußeren Einflüssen gehört zum Beispiel der Botenstoff Leptin, der dem Gehirn ein Sättigungssignal gibt. Isst die Schwangere übermäßig und es kreisen große Mengen Leptin durch ihren Körper und den des Fötus, kann es zu einer Fehlregulierung im Fötus kommen. Die Gene für die Baupläne der Gehirnbotenstoffe werden so epigenetisch dauerhaft verändert. Mit Übergewicht und Diabetes als Folge.

Einen Ratschlag sollten Schwangere gerade in Zeiten des Nahrungsüberflusses keineswegs befolgen: "Du musst jetzt für zwei essen." Das sei ein Irrglaube, sagen Mediziner, weil das werdende Kind kaum zu einem Kalorienmehrbedarf führt. Ab dem zweiten Trimester braucht die Schwangere gerade mal 200 Kalorien pro Tag mehr, das entspricht einer Banane.

Genauso falsch wäre es aber, in der Schwangerschaft eine Diät zu machen. Denn eine Unterversorgung und ein zu niedriges Geburtsgewicht schaden dem Neugeborenen ebenfalls, wie Untersuchungen von niederländischen Kriegskindern ergab. Untergewichtige Babys von Frauen, die hatten hungern müssen, litten später überdurchschnittlich oft an Übergewicht und Diabetes, aber auch an Depressionen und Herzkrankheiten.

Neue Vorsorgeuntersuchung für die Schwangere

Wenn ein Baby mit sehr hohem Gewicht zur Welt kommt, kann auch ein Schwangerschaftsdiabetes eine Rolle gespielt haben. Fast jede siebte Schwangere erkrankt daran. Ihr Stoffwechsel ist dann vorübergehend entgleist, und der Körper des Fötus wird mit Nährstoffen überschüttet. Das Neugeborene ist dann ungewöhnlich groß und passt kaum durch den Geburtskanal. Später hat der Mensch ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Diabetes.

Nur jeden zehnten Fall von Schwangerschaftsdiabetes haben die Ärzte bisher erkannt. Immerhin: Seit einem knappen Jahr ist eine Untersuchung auf diese vorübergehende Form des Diabetes Teil der Schwangerenvorsorge und wird von den Krankenkassen bezahlt. Dieser Test ist schnell durchgeführt. Fällt er positiv aus, kann man diätetisch und medikamentös gegensteuern. Das übermäßige Geburtsgewicht und dessen lebenslange Folgen lassen sich so vergleichsweise einfach vermeiden.

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