31.01.13

"Vergiss mein nicht"

Wenn dich deine Mutter nach deinem Namen fragt

Vom Tabuthema zum Kitschfaktor: David Sieveking filmt die Demenz seiner Mutter und staunt darüber, wie wenig er über sie weiß. Etwa, dass sie in den Siebzigern als Sozialistin höchst aktiv war.

Von Cosima Lutz
Quelle: Farbfilm Verleih
24.01.13 2:01 min.
David Sieveking erzählt in seinem Dokumentarfilm von der häuslichen Pflege seiner Mutter, die an Demenz leidet. Herausgekommen ist ein Film, der vor allem von der Liebe erzählt.

Das vor wenigen Jahren noch als Tabuthema gehandelte Motiv Demenz/Alzheimer hat inzwischen unverklemmt Eingang ins Dokumentarische gefunden, das den alten Horror des totalen Identitätszerfalls mit einer neuen, übersichtlichen, liebevollen Erzählung über das Vergessen zu überschreiben versucht. Wenn sich der junge deutsche Regisseur David Sieveking in seinem sehr persönlichen Film "Vergiss mein nicht" der fortschreitenden Demenz seiner Mutter Gretel nähert, darf er heute mit einem sensibilisierten Publikum rechnen.

Inzwischen hat das vielleicht Arno Geigers Vater-Buch "Der alte König in seinem Exil" gelesen und sammelte Erfahrungen im eigenen Umfeld. 2006, noch vor dem Hype um das Thema, zeigte das Berlinale-Forum "Memory for Max, Claire, Ida and Company", einen herausragenden Film, doch er kam hierzulande nicht einmal ins Kino.

Sieveking liefert sich behutsam dem Unausweichlichen aus – und seiner eigenen Subjektivität. Er weiß, dass diese Reise auch viel mit seinem Selbstbild zu tun hat und also mit jener Liebesgeschichte, der er sein Dasein verdankt. Während seine rührend helle Sohnes-Stimme aus dem Off "Ich hoffe, dass ich helfen kann" sagt, sehen wir sein Gesicht, gespiegelt im Fenster eines Zuges, der ihn zu seinen Eltern bringt.

Es bleibt ein unreflektiertes Spannungsfeld

Sein Vater, ein etwas spröder Mathematiker, braucht Hilfe bei der Pflege. Während Gretels Gedächtnis, von ihr vermutlich ungewusst, verlöscht, wird dem Sohn umgekehrt klar, "wie wenig ich über sie weiß". Etwa, dass sie in der Siebzigern als Sozialistin höchst aktiv war. Ihre einstigen Weggefährtinnen erinnern sich, wie ihnen ausgerechnet Gretel, die Wortführerin in ihrer Frauengruppe, unbeabsichtigt ihre Ehen retten half.

Doch die politische Biografie, die sich hier hinter der familiären bloß als interessante Staffage gerieren darf, wird noch paradoxer. Denn bei allem Trost, den Sievekings gütig-humorvoller Ton spenden will, bei aller Sympathie auch für die von Zuneigung und Ehrlichkeit geprägte, stets auch komische Freilegung einer "anderen" Person hinter der vertrauten Mutter: Es ist bedauerlich, dass er nicht zu reflektieren bereit ist, welches Spannungsfeld sich vor ihm auftut.

Immerhin fühlt sich hier eine ehemalige Sozialistin im Heim offensichtlich ganz wohl, wird dann aber eben doch zu Hause im kleinfamiliären Rahmen gepflegt. Das Nichthinterfragte dieser Situation sorgt dafür, dass "Vergissmeinnicht" ein rein emotionales Rührstück bleibt. Vielleicht hätte es hier doch einen Blick von außen gebraucht.

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