28.01.13

Multiresistente Keime

"Es ist unattraktiv, neue Antibiotika zu entwickeln"

Die Zahl der Antibiotika-Resistenzen wächst dramatisch: Schätzungen zufolge sterben an nicht mehr behandelbaren Killer-Keimen jährlich 25.000 Menschen in Europa. Forscher zeigen nun neue Wege auf.

Von Norbert Lossau
Foto: pa

Unter dem Elektronenmikroskop sehen Staphylokokken ästhetisch aus. Doch solche Keime können tödlich sein, wenn Antibiotika nicht mehr wirken
Unter dem Elektronenmikroskop sehen Staphylokokken ästhetisch aus. Doch solche Keime können tödlich sein, wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Antibiotika sind eine wichtige Waffe im Kampf gegen gefährliche Bakterien. Doch die Zahl der Resistenzen wächst. Immer häufiger werden Patienten in Krankenhäusern von sogenannten Killerbakterien befallen, die sich von keinem verfügbaren Antibiotikum mehr attackieren lassen.

Mit der Problematik dieser multiresistenten Keime, die jährlich für Tausende Todesfälle verantwortlich sind, haben sich Wissenschaftler der Hamburger Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) in Halle intensiv auseinandergesetzt. Sie haben jetzt eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie dringend die Entwicklung neuer Antibiotika-Wirkstoffe fordern.

Wie sich dieses Ziel erreichen lassen könnte, erläutert der Präsident der Leopoldina, Professor Jörg Hacker.

Die Welt: Was sind die Gründe für die wachsende Zahl von Antibiotika-Resistenzen?

Jörg Hacker: Antibiotika werden hierzulande im ambulanten Bereich sehr häufig verschrieben. Internationale Vergleiche belegen aber, dass die Rate an Resistenzen in jenen Ländern am größten ist, in denen besonders viele Antibiotika zum Einsatz kommen. Außerdem gibt es nicht genügend neue Antibiotika. Es ist ja ein natürlicher Prozess, dass Bakterien im Laufe der Zeit gegen jedes Antibiotikum Resistenzen entwickeln. Man benötigt also immer wieder neue Wirkstoffklassen. Und schließlich tragen auch die Globalisierung und der weltweite Reiseverkehr dazu bei, dass wir einen schnellen Austausch von Krankheitserregern über alle Kontinente hinweg haben. Selbst wenn ein Land besonders erfolgreich im Kampf gegen multiresistente Erreger ist, kann das durch die Einschleppung von gefährlichen Keimen konterkariert werden.

Die Welt: Wie kann ein bestimmtes Land besonders erfolgreich im Kampf gegen multiresistente Bakterien sein. Die haben doch auch keine anderen, besseren Antibiotika?

Hacker: Man kann eben auch durch gute Hygiene Erfolge erzielen. Ich möchte hier zum Beispiel die Niederlande und die skandinavischen Länder nennen. Und wenn man bestimmte Patienten, die in ein Krankenhaus eingeliefert werden, sofort auf multiresistente Keime hin testet und sie gegebenenfalls von anderen Patienten isoliert, dann dämmt man die Zahl gefährlicher Infektionen damit natürlich ein. Mitentscheidend ist auch, wie gut sich Ärzte und das Pflegepersonal an die Hygienevorschriften halten. Weiterbildung ist hier ein wichtiges Stichwort. Gerade da hat man in anderen Ländern mehr getan als wir hier in Deutschland.

Die Welt: Wie viele Menschen sterben denn hierzulande an multiresistenten Keimen?

Hacker: Es ist sehr schwierig, genaue Zahlen zu ermitteln. Ein Problem ist, dass die bakterielle Infektion sehr oft die Folge einer schweren Grunderkrankung ist, die für sich bereits zum Tode führen kann. Welche Todesursache gibt man dann also an? Nach konservativen Schätzungen gibt es europaweit jedoch mindestens 25.000 Todesfälle pro Jahr, die den multiresistenten Keimen zugerechnet werden können. Tatsächlich dürften es jedoch mehr sein.

Die Welt: Warum sind in den vergangenen Jahren kaum neue Antibiotika auf den Markt gekommen?

Hacker: Es ist für die Pharmaindustrie nicht so attraktiv, neue Antibiotika zu entwickeln. Es gibt allenfalls die Strategie, bekannte Antibiotika weiterzuentwickeln, denn ganz neue Stoffklassen zu erschließen. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und der pharmazeutischen Industrie hat nicht die Dynamik, die man sich an dieser Stelle wünschen würde. Die letzte neue Klasse von Antibiotika, die sehr erfolgreich eingesetzt wurde, sind die sogenannten Quinolone und stammen aus den 1980er-Jahren.

Die Welt: Warum rechnet es sich denn für die Pharmaindustrie nicht, neue Antibiotika zu entwickeln?

Hacker: Von der Grundlagenforschung bis zum zugelassenen neuen Antibiotikum ist es ein sehr langer und kostspieliger Weg. Ich sehe hier eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Eine besonders hohe Hürde ist die Zulassung eines neuen Antibiotikums. Hier sollte man künftig die Wirksamkeit der neuen Substanzen als Kriterium nehmen und nicht – wie bisher – die Überlegenheit gegenüber bereits vorhandenen Wirkstoffen. Das hätte den Vorteil, dass man unterschiedliche Substanzklassen von Antibiotika mit ähnlicher Wirkung parallel auf den Markt bringen könnte. Dann könnte man bei auftretenden Resistenzen sofort zu alternativen Antibiotika wechseln.

Die Welt: Sie fordern also andere politische Rahmenbedingungen?

Hacker: Ja, wir haben in unserer Stellungnahme vorgeschlagen, das Prozedere der Zulassung von Arzneimitteln in diesem Sinne zu modifizieren.

Die Welt: Warum sind im Falle der Antibiotika-Entwicklung besondere Hilfestellungen notwendig? Pharmaprodukte wie etwa Viagra entwickelt die Industrie doch auch aus eigener Kraft und verdient dann anschließend damit Geld.

Hacker: Bei Antibiotika und übrigens auch Impfstoffen sind die Gewinnmargen jedoch außerordentlich klein. Das hat uns die Pharmaindustrie glaubwürdig vorgerechnet. Wir empfehlen deshalb, in diesem Bereich eine Public-private-Partnership umzusetzen.

Die Welt: Was empfiehlt die Studie sonst noch?

Hacker: Die Studie stellt zunächst einmal ausführlich dar, welche Forschungsarbeiten und Ansätze es gibt, die für die Entwicklung neuer Antibiotika hilfreich sein könnten. Zweitens weisen wir darauf hin, dass die Thematik Antibiotika und Resistenzen nicht nur eine medizinisch-naturwissenschaftliche ist, sondern dass hier auch die Sozialwissenschaften gefordert sind. Es geht nämlich insbesondere um die Frage, ob Antibiotika richtig verschrieben und eingenommen werden. Außerdem fordern wir die Förderung von klinischen Studien, bei denen neue Substanzen auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden können. Schließlich wäre es wünschenswert, einen Runden Tisch zu schaffen, an dem alle zwei Jahre Vertreter aus Wissenschaft, Industrie und Regulierungsbehörden miteinander über das Thema Antibiotika-Resistenzen reden. Da könnten dann konkrete Maßnahmen beschlossen werden.

Die Welt: Antibiotika-Resistenzen sind ein globales Problem. Was kann man mit einem nationalen Runden Tisch erreichen? Müsste man nicht von vornherein international agieren?

Hacker: Ja, klar. Man muss da natürlich über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Resistenzdaten etwa gilt es weltweit auszuwerten. Doch es ist kein Fehler, wenn Deutschland erst mal seine eigenen Hausaufgaben macht. Es gibt gewiss Länder, von denen wir etwas lernen können, und wir können wiederum unsere Expertise internationalen Gremien zur Verfügung stellen.

Die Welt: Wir haben bislang nur über Antibiotika gesprochen. Doch es gibt auch alternative Ansätze zur Bekämpfung von Infektionen.

Hacker: Ja, es gibt Alternativen. Ein Ansatz sind Therapien mit Bakteriophagen, also speziellen Viren, die gezielt die krank machenden Bakterien angreifen. Ein anderer Ansatz zur Bekämpfung von Bakterien sind spezifisch wirkende Peptid-Moleküle. Interessant ist auch die Strategie, Bakterien nicht völlig vernichten zu wollen, sondern nur ihre Schadfunktion – etwa die Produktion bestimmter Toxine – zu blockieren. Zu allen diesen Themen wird in der Grundlagenforschung intensiv gearbeitet. Auch Kombinationen neuer Methoden mit bekannten Antibiotika sind denkbar. Das muss man alles weiterverfolgen.

Die Welt: Wenn ab jetzt alles optimal läuft und der Runde Tisch die richtigen Weichen stellt, dann wird es dennoch viele Jahre dauern, bis wir über neue, wirksame Antibiotika oder alternative Therapien verfügen.

Hacker: Es dauert in der Tat mehrere Jahre, bis ein neues Präparat eingeführt werden kann. Doch es ist nie zu spät, sich diesem Thema zu widmen. Die Forschung in diesem Bereich ist so vielfältig und erfolgreich. Ich bin sehr optimistisch, dass schon bald neue wirksame Methoden zur Verfügung stehen werden. Das Problem ist eher die Umsetzung in die Praxis.

Die Welt: Was kann der einzelne Bürger und Patient selbst tun, um das Problem der Antibiotika-Resistenzen einzudämmen?

Hacker: Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass sich ein Drittel der Infektionen durch eine bessere Hygiene vermeiden ließen. Weniger Infektionen bedeuten dann auch: weniger Einsatz von Antibiotika und eine geringere Entstehungsrate von Resistenzen. Und wenn man doch krank geworden ist, sollte man sich auf jeden Fall in ärztliche Behandlung begeben. Ärzte sollten Antibiotika natürlich nur dann verschreiben, wenn sie wirklich notwendig sind. Und als Patient sollte man sich unbedingt an die Anweisungen des Arztes halten und insbesondere nicht eigenmächtig die Einnahme eines Antibiotikums absetzen. Das könnte nämlich die Entstehung von Resistenzen fördern.

Die Welt: Auf und im Menschen siedeln Abermilliarden von Bakterien – zum Beispiel im Darm und auf der Haut. Könnte ihr Abtöten durch Antibiotika Folgen für unsere Gesundheit haben, die bislang noch gar nicht erforscht sind?

Hacker: Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Dazu wird auch sehr viel geforscht. Der Einfluss von Antibiotika auf das sogenannte Mikrobiom des Menschen muss unbedingt verstanden werden. Doch da stehen wir noch am Anfang. Bekannt ist aber beispielsweise schon, dass Antibiotika nicht nur die Darmbakterien töten, sondern darüber hinaus sogar Darmzellen verändern. Und Antibiotika haben auch einen Einfluss auf das Immunsystem des Menschen.

Die Welt: Sind diese Veränderungen reversibel?

Hacker: Dazu gibt es Untersuchungen. In der Regel stellt sich die ursprüngliche Darmflora wieder ein. Doch das dauert eine ganze Weile. In der Zwischenzeit, darüber muss man sich klar sein, kann der Stoffwechsel verändert sein. Gerade auch deshalb ist es ja so wichtig, Antibiotika nur dann einzunehmen, wenn es unbedingt notwendig ist.

Die Welt: Die jetzt vorgestellte Studie hat die Leopoldina gemeinsam mit der Hamburger Akademie der Wissenschaften erstellt. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?

Hacker: Infektionsprobleme sind ein thematischer Schwerpunkt der Hamburger Akademie. Wir sind dann gebeten worden, uns mit unserer Expertise an diesem Projekt zu beteiligen.

Die Welt: Was, hoffen Sie, wird die jetzt vorgelegte Studie bewegen?

Hacker: Ich hoffe, dass die Kooperation zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen besser wird.

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