23.01.13

Yersinien

Wie rohes Fleisch Magen, Herz und Hirn schadet

Yersinien – diese Bakterien sind häufig Auslöser von Magen-Darm-Infekten und eine Gefahr für viele Teile des menschlichen Körpers. Der Keim überträgt sich von Tier auf Mensch über ungares Fleisch.

Foto: dpa-tmn

In rohem Fleisch wie diesem Mett können sich fiese Keime verbergen
In rohem Fleisch wie diesem Mett können sich fiese Keime verbergen

Erst tagelang Durchfall und Magenschmerzen, dann ohne ersichtlichen Grund stark schmerzende, geschwollene Kniegelenke. Was die Ursache für seine Beschwerden war, war dem jungen Mann ebenso wenig klar wie die Tatsache, dass das eine Symptom mit dem anderen zu tun hat. Sein Hausarzt, den er wegen der anhaltenden Gelenkschmerzen aufsuchte, war ratlos und überwies ihn an einen Rheumatologen. Der führte eine Reihe von Tests durch und fand schließlich den Grund für die Erkrankung: Der Patient hatte sich mit Yersinien infiziert.

Was sich wie eine exotische Blumenart anhört, ist ein Erreger aus der Familie der Darmbakterien. "Es gibt mehr als zehn Yersinienarten, von denen einige beim Menschen Krankheiten hervorrufen können", erläutert Karsten Nöckler vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Am gefährlichsten sei Yersinia pestis – der Erreger der Pest, der vor allem von Rattenflöhen übertragen wird und bei einer Infektion unbehandelt oft zum Tod führt. "Er spielt heute aber weltweit eine geringe Rolle und gilt in Europa als ausgerottet." Dafür habe eine andere Yersinienart in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen: Yersinia enterocolitica.

Übertragen vom Tier auf den Menschen

Dieser Erreger, der auch den jungen Mann erwischte, führt zur intestinalen Yersiniose – einer der häufigsten bakteriellen Magen-Darm-Infektionen in Europa. Er wird wie sein Pest erregender Verwandter vom Tier auf den Menschen übertragen. Als Wirt fungieren in der Regel Schweine, aber auch andere Haus- und Nutztiere. Allerdings erfolgt die Ansteckung selten über den direkten Kontakt.

"Die meisten der Betroffenen infizieren sich über verunreinigte Lebensmittel, im Speziellen über rohes oder unzureichend gegartes Schweinefleisch", sagt Professor Jürgen Heesemann vom Lehrstuhl für Bakteriologie am Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München. Hackepeter und blutiges Steak sind also in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen. Möglich ist die Infektion aber auch über verunreinigtes Wasser, Milchprodukte, Gemüse und Salate.

Symptome wie oft bei Magen-Darm-Problemen

Wenn jemand den Erreger aufgenommen hat, bricht die Yersiniose in der Regel nach drei bis sieben Tagen aus. Sie zieht Entzündungen der Darmwand und der Schleimhaut des Dünn- und Dickdarms nach sich. Außerdem können sich entzündliche Lymphknotenschwellungen im Dünndarm entwickeln. "Die Symptome sind die gleichen wie bei den meisten Magen-Darm-Entzündungen: heftiger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe und Fieber", erklärt Heesemann.

Besonders lehrbuchartig zeigt sich dieses Krankheitsbild bei Kleinkindern. Bei älteren Kindern und Erwachsenen bleiben die Durchfälle manchmal aus, es kommt zu grippeähnlichen Beschwerden oder andauernden starken Bauchschmerzen. Da Letztere besonders in der rechten Leistengegend auftreten, lautet die Erstdiagnose oft fälschlicherweise Blinddarmentzündung. Der Nachweis einer Infektion ist im akuten Anfangsstadium über eine Stuhlprobe möglich. Will man später auf Yersinien testen, etwa um plötzliche Gelenkbeschwerden zu erklären, wird das Blut auf Antikörper untersucht.

Folgeerkrankungen möglich

Normalerweise beschränken sich die Beschwerden auf den Magen-Darm-Bereich und verschwinden nach einigen Tagen von alleine. In einigen wenigen Fällen werden sie chronisch – oder es kommt zu Folgeerkrankungen an anderen Körperorganen. "Das ist in der Regel nur bei Patienten mit einem erhöhten Infektionsrisiko wie kleinen Kindern, Senioren oder Personen mit einer geschwächten Immunabwehr der Fall", sagt Nöckler.

Zu den Komplikationen im Zuge einer Yersinia-Infektion gehören Hirnhaut- und Herzmuskel-Entzündungen sowie Blutvergiftungen. Außerdem kann sie besonders bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung Autoimmunerkrankungen auslösen.

Schmerzhafte rote Knötchen

"Die Yersiniose kann zum Beispiel das Entstehen einer Hautveränderung namens Erythema nodosum nach sich ziehen", erklärt Martin Aepfelbacher, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Dabei handelt es sich um eine Entzündung des Unterhautfettgewebes, die mit schmerzhaften roten Knötchen einhergeht und sich besonders an den Beinen knieabwärts bildet.

Ebenfalls immer wieder beobachtet wird eine reaktive Arthritis, also eine bakteriell ausgelöste Gelenkentzündung. "Sie betrifft vor allem die Knie- und Sprunggelenke und zeigt sich durch Rötung, Erwärmung, Schwellung, Bewegungsbeeinträchtigung und Schmerzen", erklärt Heesemann. In den meisten Fällen klinge sie nach spätestens einem bis vier Monaten wieder ab, bei einzelnen Betroffenen hielten die Beschwerden jedoch länger an. Besonders häufig ist das bei Menschen, die schon Gelenkprobleme oder eine erhöhte Entzündungsneigung haben.

Antibiotika in schweren Fällen

Sobald eine Yersiniose chronisch wird oder schwere Gesundheitsprobleme mit sich bringt, sollte man sich in ärztliche Behandlung begeben. "Bei yersinienbedingten Magen-Darm-Entzündungen, die nicht von alleine ausheilen, kommen Antibiotika zum Einsatz", erklärt Aepfelbacher. Diese Behandlung wird zum Teil auch bei Folgeerkrankungen wie der reaktiven Arthritis angewandt – die Wirksamkeit ist aber umstritten.

Die übrige Therapie richtet sich nach dem Krankheitsbild: So werden bei anhaltendem Durchfall viel Flüssigkeit und Elektrolyte zugeführt, um die körpereigenen Verluste auszugleichen. Bei Gelenkbeschwerden sind Antirheumatika gängig.

Quelle: dpa/cl
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