22.01.13

Infekt

Deutschland wappnet sich gegen die Grippe

In den USA grassiert bereits die Grippewelle. Deutschland steht sie noch bevor. Was jetzt zu tun ist, um sich vor dem Virus zu schützen.

Foto: picture alliance / dpa

Wenn es einen erstmal erwischt hat, hilft oft inhalieren
Wenn es einen erstmal erwischt hat, hilft oft inhalieren

Eigentlich müssten wir bereits gut vorbereitet sein. Winter und Grippe, das gehört doch irgendwie zusammen. Zumindest auf den ersten Blick erscheint die derzeitige Grippesaison aber bedrohlicher als in den vorherigen Jahren. Mehr als 19.000 Grippekranke meldet allein der US-Bundesstaat New York – das sind fünfmal mehr als noch im vergangenen Jahr.

Längst ist von einer Epidemie die Rede: Statt vereinzelter Erkrankungsfälle ist es zu einem flächenhaften Auftreten der Virusinfektion gekommen. Deshalb hat New Yorks Gouverneur Andrew Mark Cuomo den Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Während die Vereinigten Staaten schon längst mit dem Influenzavirus kämpfen, wappnet sich Deutschland nun für die herannahende Grippewelle. Die wichtigste Maßnahme ist dabei die jährliche Grippeschutzimpfung. Bereits in den vergangenen Jahren hat sie viele Risikopatienten vor einem schweren Verlauf mit lebensbedrohlichen Komplikationen bewahrt.

Häufung von Infektionen ist normal

Doch die deutliche Zunahme an Grippekranken und Grippetoten in den USA verunsichert nun viele Bundesbürger. Ist eine Vielzahl schwerer Fälle auch bei uns zu erwarten? Grundsätzlich kursieren dieselben Influenza-Virusstämme in Amerika, Europa und zuvor schon auf der Südhalbkugel in der dortigen Wintersaison. Auf der Basis der Erfahrungen beispielsweise in Australien stellen Pharmazeuten den Impfstoff her, den dann später die Menschen in Amerika und Europa bekommen. Die Frage ist: Wie aggressiv sind die diesjährigen Influenza-Stämme, und schützt der diesjährige Grippe-Impfstoff überhaupt effektiv vor ihnen?

Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut in Berlin kann besorgte Patienten beruhigen. Die Grippewelle, die zurzeit in den USA kursiert, sei nicht gefährlicher als vorherige. "Selbst deutliche Schwankungen sind bei der saisonalen Grippe etwas völlig Normales. Deshalb muss eine deutliche Zunahme an Grippe-Erkrankten auch nicht zwangsweise bedeuten, dass die diesjährigen Virustypen gefährlicher sind", sagt Glasmacher. Die Ausbreitung des Virus sei von vielen Einzelfaktoren abhängig, sodass ein und dasselbe Virus in zwei aufeinanderfolgenden Jahren ganz unterschiedliche Auswirkungen haben kann.

Aus dem gleichen Grund hält die Expertin nur wenig von Influenza-Prognosen. Eine schwere Infektionswelle in den Vereinigten Staaten müsse nicht zwangsweise auch zu einer flächendeckenden Ausbreitung schwerer Erkrankungen in Europa oder Deutschland führen. "Prognosen machen bei der Grippe nicht viel Sinn. Erstens lässt sich der Verlauf einer Epidemie nur schwer voraussagen, und zweitens sollten sich Risikopatienten sowieso in jedem Fall impfen lassen", sagt Glasmacher. Zu diesen Risikopatienten gehören in erster Linie Menschen mit einem geschwächten Abwehrsystem. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Grippeschutzimpfung deshalb für alle Personen ab 60 Jahren, für Patienten mit chronischen Erkrankungen und für die Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen.

Bei diesen Risikopatienten kann sowohl ein aggressives als auch ein weniger gefährliches Virus fatale Folgen haben. Denn wenn das Abwehrsystem bereits schwer mit den Influenza-Viren kämpft, haben andere Keime nahezu freies Spiel: Der geschwächte Grippe-Patient kann dann von weiteren Erregern – meist Bakterien – befallen werden. Eine solche Infektion, die zusätzlich zu einer anderen Erkrankung entsteht, nennt sich "Superinfektion". Sie betrifft häufig lebenswichtige Organe wie Herz, Gehirn und Lungen. Genau aus diesem Grund kann eine Superinfektion den Verlauf eine Grippe rasch verschlechtern.

Kein Wunder also, dass unter den Grippe-Kranken, die einer Krankenhaus-Behandlung bedürfen, besonders viele ältere Menschen sind. In den USA konnte beispielsweise festgestellt werden, dass von 100.000 Patienten über 65 Jahren 82 aufgrund einer Grippeinfektion in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Nimmt man dagegen alle Altersklassen als Referenz, dann sind es gerade einmal 19.

Jeder Vierte lässt sich impfen

Ein Klinikaufenthalt und schwere Komplikationen scheinen allerdings nicht alle Deutschen gleichermaßen zu schrecken. "Innerhalb der Risikogruppen lässt sich nur jeder Zweite impfen. Hier besteht noch eindeutig Verbesserungsbedarf", sagt Glasmacher. Für die Gesamtbevölkerung sähe es sogar noch schlechter aus. Hier würde sich nur etwa jeder vierte Deutsche für die jährliche Grippeschutzimpfung entscheiden. Die Betonung liegt hier bei jährlich. Denn der Impfschutz hält nicht für mehrere Jahre, sondern nur für einen begrenzten Zeitraum an. "Risikopersonen müssen sich jedes Jahr wieder impfen lassen, da ein Grippe-Impfschutz nur für eine Saison gegeben ist", sagt Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Zuverlässige Daten darüber, wie lange der Impfschutz genau anhält, würden bisher fehlen.

Hinzu kommt, dass die einzelnen Grippe-Epidemien durch immer unterschiedliche Virustypen ausgelöst werden. Deshalb wirkt auch der jährliche Influenza-Impfstoff genau genommen nicht nur gegen einen Influenzavirus allein, sondern drei auf einmal. Jedes Jahr müssen deshalb die häufigsten Virustypen neu bestimmt werden. Die Top drei werden dann in den aktuellen Impfstoff integriert. Die Grippeschutzimpfung in diesem Jahr wirkt beispielsweise gegen zwei Viren des Typs A und gegen einen Virus des TypsB.

Unter den beiden abgedeckten Influenzaviren des Typs A findet sich auch ein ziemlich bekannter Vertreter. H1N1 – besser bekannt unter dem Namen "Schweinegrippevirus" – stellt für Schweine zwar keine Bedrohung dar, infiziert aber immer noch viele Menschen. Auch aus diesem Grund ist die prägnante Bezeichnung eher unglücklich gewählt. "Viren, die ausschließlich unter Menschen zirkulieren, sind keine Schweine-Influenzaviren. Der Begriff war von Beginn an ungünstig, aber anfangs fehlten noch detaillierte Informationen", sagt Glasmacher.

Mittlerweile weiß man, dass das heutige H1N1-Virus mit dem einst verdächtigten Erreger einer tatsächlichen Tiergrippe nur ein paar Gene gemein hat. "Vor der Pandemie zirkulierten in den USA ähnliche H1N1-Viren. Diese Vorläufer-Viren enthielten Gene von Influenzaviren aus Schwein, Vogel und Mensch, sie haben aber damals nur in einzelnen Fällen Menschen infiziert", sagt Glasmacher. Das tatsächliche H1N1-Virus, vor dem auch die aktuelle Grippeschutzimpfung schützt, verhält sich dagegen wie ein saisonales Influenzavirus. Deshalb sei die Unterscheidung in "Schweinegrippe-Influenza" und "übrige Influenza" nicht sinnvoll.

Es gibt also weder Grund zur Panik noch zur Nachlässigkeit. Der hiesigen Grippewelle kann mit einer einmaligen Schutzimpfung recht zuverlässig beigekommen werden. Damit brauchen auch chronisch Kranke und Senioren keine gefährlichen Grippe-Komplikationen befürchten. Risikopatienten sollten sich allerdings beeilen: Bestenfalls wird nämlich deutlich vor dem Beginn der Grippewelle geimpft. Denn die Impfung wirkt nicht sofort, sondern schützt effektiv erst nach etwa zwei Wochen.

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