17.01.13

Früher Tod

Jakob Arjouni, der Magic Man der Literatur

Der Mann hatte Street Credibility, genauso wie erzählerischen Spirit: Jakob Arjouni sorgte für einen neuen Ton in der deutschen Literatur. Jetzt ist der Ausnahme-Erzähler mit nur 48 Jahren gestorben.

Von Tilman Krause
Foto: Promo

Jakob Arjouni brachte einen neuen Ton in die deutsche Literatur. Jetzt ist er im Alter von nur 48 Jahren verstorben
Jakob Arjouni brachte einen neuen Ton in die deutsche Literatur. Jetzt ist er im Alter von nur 48 Jahren verstorben

Er hat so vieles angestoßen. War Vater, Pate, Prototyp so mannigfacher literarischer Strömungen, die heute selbstverständlich sind. Jetzt ist er, mit 48 Jahren erst, in Berlin gestorben: Jakob Arjouni. Man mag es einfach gar nicht glauben!

Als er in "Happy Birthday, Türke" 1986 seinen nachmals legendären Privatdetektiv Kemal Kayankaya, einführte, war ein Mann vom Bosporus als Ermittler in einem deutschen Krimi noch so ungewöhnlich, dass der junge Debütant meinte, seine Geschichte durch ein muslimisch klingendes Pseudonym beglaubigen zu müssen.

Denn eigentlich hieß der 1964 in Frankfurt am Main geborene Verfasser Jakob Bothe. Nicht nur Arjounis deutsch schreibender Schriftsteller-Kollege Feridun Zaimoglu, noch Türken-Comedians wie Kaya Yanar stehen mit ihren Selbstinszenierungen im Schatten von Arjounis exemplarischer Figur des deutsch-türkischen Witzbolds, der bei Arjouni seinen letzten Auftritt vergangenes Jahr nicht von ungefähr im Milieu der Literaten hatte ("Bruder Kemal").

Eine wunderbare Männerfreundschaft

Dass vor zwei Jahren ein literarisches Road Movie unter Adoleszenten wie Wolfgang Herrndorfs "Tschick" einen so gigantischen Erfolg haben konnte: Daran dürfte Arjouni wiederum nicht ganz unschuldig sein. Sein Erfolgsroman "Magic Hoffmann" jedenfalls verknüpfte 1996 ebenfalls die Geschichte einer wunderbaren Männer-Freundschaft mit Streifzügen durch die deutsche Provinz, wobei zum ersten Mal mit großer Selbstverständlichkeit damals auch Mitte, Prenzlauer Berg und Pankow gemeint war, seinerzeit für West-Autoren noch vollkommen no go.

Und schließlich Arjounis erzählerische Mittel, seine Sprache, seine Stoffe, sein Spirit: Die kamen vor 20, 25 Jahren, als hierzulande noch so erbittert darüber diskutiert wurde, ob man "wieder erzählen" dürfe, ob eine "Literatur der neuen Lesbarkeit" nicht "hinter die Errungenschaften der Moderne zurückfalle" so unverschämt unbekümmert daher, dass diese ganze Diskussion sich im Nu als das entlarvte, was sie im Kern von Anfang an war: eine Debatte unter Stubenhockern, ein Thema für Dauerdoktoranden, die von der literarischen Realität in zivilisierteren Ländern längst überholt war.

Dass die auch literarisch so verspätete Nation es gerade noch so schaffte, den Anschluss nicht zu verpassen, das lag ganz wesentlich auch an Jakob Arjouni, der so cool wie virtuos zeigte, dass sie sich keinesfalls auszuschließen brauchen: Unterhaltung und Tiefgang, soziale Genauigkeit und Gesellschaftskritik, neue deutsche Lebenswelten und Sinn für Geschichtsverdrängung, Street Credibility und leise, poetische Töne.

Ausgehungert nach gutem Stoff

Nicht zuletzt der große und andauernde Erfolg, den Arjouni mit seinen Krimis, Romanen, Erzählungen und Stücken hatte, zeigte, wie ausgehungert die deutschen Leser nach well made plays, nach gut geplotteten Stories waren. Dass sie sich sehnten nach Büchern, in denen ihnen die Gegenwartsgesellschaft entgegentritt, wie sie wirklich ist, mit ihren Schnäppchenjägern und Internet-Junkies, mit ihren Pennern und Dealern, ihren Bankern und Schicki-Mickis, Aufstiegsgierigen und Prekariatsabonnenten.

Das alles bekamen sie zuverlässig von Jakob Arjouni geliefert. Und gleichfalls zuverlässig waren dessen Bücher schon bald nicht mehr in Frankfurt angesiedelt, wo die Musik nun schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr spielt, sondern in der alt-neuen deutschen Hauptstadt. Arjouni, der einstige Studienabbrecher und Teilzeit-Kellner, wollte dabei sein, als hier die Sinfonie einer Großstadt wieder zum Klingen kam.

Er war, was lange Zeit Seltenheitswert besaß in der deutschen Literatur, eine urbane Erscheinung, Untergruppe Asphalt-Cowboy. Leider ließ er manchmal auch den Anti-Intellektualismus raushängen, denn diese Spezies oft meint, sich schuldig zu sein. Dabei hatte er das gar nicht nötig.

Gestern ist Jakob Arjouni im Kreis seiner Familie in Berlin gestorben, an Krebs. Ein großer Verlust, nicht nur für die Fan-Gemeinde.

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