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30.06.09

Ärztedebatte

Rauchen – eine Krankheit oder ein Lebensstil?

Für die einen ist Rauchen eine Sucht, für andere ein Ausdruck von Genuss. Eine Studie sagt: Die meisten älteren Raucher in Deutschland wollen durchaus aufhören und sind an solchen Versuchen gescheitert. Die offizielle Einordnung und Anerkennung der Nikotinabhängigkeit als Krankheit hätte einige Folgen.

Europäische Kommission

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"Es gibt nichts Leichteres, als mit dem Rauchen aufzuhören. Ich selbst habe es schon 137 Mal geschafft." Dieses Zitat wird Mark Twain zugeschrieben. Was der amerikanische Schriftsteller in humorvoller Form aufgreift, ist für viele Raucher leidvolle Erfahrung: das jahrelange vergebliche Bemühen, dauerhaft vom Tabak zu lassen, obwohl man die negativen Folgen unter Umständen schon spürt. In der allgemeinen Wahrnehmung wird Rauchen mal als Sucht wahrgenommen – der Raucher ist vom Tabak abhängig wie letztlich der Alkoholiker vom Schnaps –, mal als Ausdruck von Genuss, Sozialverhalten und Lebensstil.

Auch Mediziner sind sich uneins. Die Frage, ob Rauchen eine Sucht ist und damit einen Krankheitswert besitzt, oder ob Rauchen ein Lifestyle-Phänomen ist, treibt Mediziner seit Langem um. Eine neue Untersuchung von Heidelberger Forschern unterstreicht jetzt den Krankheitscharakter. Im Rahmen der "Esther-Studie" zu vorbeugendem Gesundheitsverhalten im Saarland mit knapp 10.000 befragten Personen hatten die Epidemiologen um Lutz Ph. Breitling vom Deutschen Krebsforschungszentrum den Blick auf die Raucher unter ihnen gerichtet. Die Befragten waren zwischen 50 und 74 Jahren alt, die Raucher litten zum Teil an tabakbedingten Erkrankungen.

Wie das Team am Freitag im "Deutschen Ärzteblatt" berichtet, fragte es nach dem Willen und bisherigen Versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Von den 1528 Rauchern berichteten 76 Prozent, dass sie schon versucht hatten aufzuhören, 55 Prozent schon mehrfach. Von jenen, die an Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten (unter anderem Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, Hirndurchblutungsstörung), hatten das Aufhören schon 89 Prozent vergeblich versucht. 30 Prozent von allen Rauchern wollten gern weniger rauchen, 59 Prozent ganz aufhören. Nur elf Prozent sahen keinen Anlass, ihr Rauchverhalten zu ändern.

Die weit überwiegende Mehrheit der älteren Raucher in Deutschland wolle also aufhören und sei schon an solchen Versuchen gescheitert. Das gelte besonders für Kranke. "Dass sie trotz ihrer Vorerkrankung nicht in der Lage sind, das Rauchen aufzugeben, lässt jede Behauptung, Rauchen sei vorwiegend ein Lifestyle-Phänomen, absurd erscheinen", schreiben Breitling und seine Kollegen. Dem widersprächen auch neue Erkenntnisse aus der Genetik und der Hirnphysiologie.

In der Tat: Sowohl psychologisch wie neurobiologisch gebe es Parallelen zwischen Tabakabhängigkeit und anderen Suchterkrankungen, unterstreicht die Psychiaterin Anil Batra von der Universität Tübingen in einem Editorial im "Deutschen Ärzteblatt". Als Indizien für eine Suchterkrankung zählt sie auf: die Steigerung der Toleranzschwelle in der Raucherkarriere, Entzugserscheinungen beim Nicht-Rauchen-Können, Verlust der Kontrolle über den Konsum. Neurobiologen können das experimentell im Gehirn nachvollziehen. So zeigen Tests, dass der Tabakkonsum zu einer Veränderung von Nikotinrezeptoren im Hirn führt. Außerdem sei heute belegt, dass es eine genetische Veranlagung für starkes Rauchen gibt, schreibt Batra.

Genetik und Gehirn als Rauchfaktoren – statt Lifestyle. Die offizielle Einordnung und Anerkennung der Nikotinabhängigkeit als Krankheit hätte, so sie sich denn durchsetzt, einige Folgewirkungen. Unter anderem auf die Verschreibung und Abrechnung von ärztlichen und psychotherapeutischen Leistungen sowie die Übernahme von Kosten für Medikamente, die es allesamt erleichtern sollen, von Zigarette, Zigarre oder Pfeife abzulassen.

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