01.01.13

Gesundheit

In Deutschland startet die größte Gesundheitsstudie

In diesem Jahr startet die "Nationale Kohorte": 35 Jahre lang sollen 200.000 Menschen klären helfen, wie die Volkskrankheiten entstehen.

Von Frederike Buhse
Foto: picture-alliance / dpa

Kaum Bewegung, ungesundes Essen – Es gibt zahlreiche Faktoren für die großen Volkskrankheiten. Das wollen die Forscher mit der Nationalen Kohorte jetzt untersuchen
Kaum Bewegung, ungesundes Essen – Es gibt zahlreiche Faktoren für die großen Volkskrankheiten. Das wollen die Forscher mit der Nationalen Kohorte jetzt untersuchen

Wie wir heute leben, kann beeinflussen welche Krankheiten wir später einmal bekommen – das ist klar. Aber welche Faktoren dabei die wichtigsten sind und welche genau das Risiko für welche Krankheit erhöhen, lässt sich nicht immer genau sagen. Die größte Gesundheitsstudie in Deutschland aller Zeiten – die sogenannte Nationale Kohorte – soll nun dabei helfen. In diesem Jahr werden rund 400.000 Menschen im Alter von 20 bis 69 Jahren die Einladung erhalten, daran teilzunehmen.

Dazu sollen sie sich in einem der Studienzentren ausgiebig untersuchen lassen: Lungenfunktionstest, Blutdruckmessung, EKG, Untersuchung der Mundgesundheit, Test der Sinnesorgane und der körperlichen und geistigen Fitness sind nur einige Punkte. Sie sollen zudem Blut-, Urin-, Stuhl- und Haarproben geben, sowie zahlreiche Fragen zu Lebensweise und Lebensbedingungen beantworten: etwa ob und wie viel sie rauchen und Alkohol trinken, ob und was sie arbeiten, was sie essen, ob sie Sport treiben, welche Krankheiten sie bereits haben und wie ihr soziales Umfeld beschaffen ist.

Das Prozedere wiederholt sich nach Jahren immer wieder: Die gleichen Probanden werden wieder untersucht und befragt. Zwischendurch sollen sie regelmäßig in Fragebögen Auskunft über ihre aktuelle Lebensweise und Krankheiten geben. Die Grundidee der Studie ist, viele Informationen über Lebensweise und Gesundheit von zufällig ausgewählten und überwiegend gesunden Testpersonen zu erfassen. Ihre Daten werden anonymisiert gespeichert – und Jahre später lässt sich dann erkennen, wer woran erkrankt und wer nicht.

Studie soll die großen Volkskrankheiten untersuchen

"Wir wollen besser verstehen, wie sich Krankheiten entwickeln und wie man dem vorbeugen kann", fasst Rudolf Kaaks die Ziele zusammen. Er ist im Vorstand des Vereins Nationale Kohorte und erforscht am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Ursachen von Krebserkrankungen.

Es geht dabei um die großen Volkskrankheiten: Herz-Kreislauf- und Atemwegsleiden, Diabetes und Krebs, aber auch psychiatrische und neurologische Leiden wie Depression und Demenz sowie Infektionskrankheiten. "Seit Jahren gibt es die Debatten: Soll man weniger rotes Fleisch essen, oder ist es wichtig sich zu bewegen, viel Obst und Gemüse essen und so weiter", sagt Epidemiologe Kaaks. "Offen ist: Welche Faktoren davon sind die wichtigsten?"

Außerdem wollen Kaaks und seine Kollegen Modelle entwickeln, mit denen man besser abschätzen kann, wie groß das Risiko für ein Individuum ist, eine bestimmte Krankheit zu entwickeln. So könne man feststellen, wer häufiger zur Vorsorge gehen sollte und wer nicht. Zusätzlich wollen die Forscher mithilfe der Studie sogenannte Biomarker ("Indizienstoffe") für die Früherkennung finden. Denn sie können auf die gesammelten Proben zurückgreifen und beispielsweise bei Personen, die nach einiger Zeit Pankreaskrebs bekommen haben, nachsehen, ob etwa im Blut schon früher ein Marker vorhanden war, der darauf hätte hinweisen können.

18 Studienzentren kooperieren

Durchgeführt wird die Nationale Kohorte von 18 Studienzentren: Universitäten, Kliniken, Helmholtz-Zentren und Leibniz-Instituten in ganz Deutschland. Karl-Heinz Jöckel, Direktor am Institut fürMedizinische Informatik am Uniklinikum Essen, ist der Vorsitzende des Vereins Nationale Kohorte. Wie die meisten beteiligten Wissenschaftler hat auch er bereitsErfahrung mit sogenannten prospektiven Kohortenstudien. "Im Vergleich zu Studien, die erst ansetzen, wenn die Krankheit eingetreten ist, haben prospektive Kohortenstudien einen eindeutigen Vorteil: Ursache und Wirkung können nicht verwechselt werden", erklärt er. Denn wenn erst nach dem Ausbruch einer Krankheit zu forschen begonnen wird, weiß man oft nicht, was zuerst da war: Ist etwa eineDepression ausgebrochen, weil die Konzentration eines Hirnbotenstoffes zugenommen hatte? Oder gibt es mehr von dem Botenstoff, weil die Depression (aus anderen Gründen) ausgebrochen ist.

Die Erkenntnisse solcher Kohortenstudien können helfen, Gesundheitsrisiken von Beginn an zu vermeiden, aber auch durch entsprechende medikamentöse Behandlung Schaden zu begrenzen. So stammt beispielsweise die Erkenntnis, dass Bluthochdruck ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, aus der amerikanischen Framingham-Herz-Studie, der "Mutter aller Kohorten", wie sie Karl-Heinz Jöckel nennt. Vor der Studie waren sich die Experten noch nicht einig, ob die medikamentöse Behandlung des Bluthochdrucks wirklich nützt. "Das Ergebnis der Studie hat dann die Medizin revolutioniert", so Jöckel. Mittlerweile würden viele Bluthochdruckpatienten auch mit Medikamenten behandelt. "Wir wissen, dass durch die bessere Blutdrucktherapie die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit vielen Jahren sinkt."

Bisherige Studien auf einzelne Krankheiten beschränkt

Auch in Deutschland gab und gibt es bereits prospektive Kohortenstudien. Doch die bisherigen haben sich im Gegensatz zur Nationalen Kohorte häufig auf einzelne Krankheiten beschränkt. Alle waren zudem regional begrenzt und hatten im Vergleich zur geplanten Nationalen Kohorte deutlich weniger Teilnehmer. Natürlich betreibe man mit den bereits gesammelten Daten und Proben weiterhin Forschung, so Jöckel. Doch zum einen werden die vorhandenen biologischen Proben langsam knapp. Zum anderen sind diebisherigen Fallzahlen für viele Fragestellungen zu klein. "Wir stoßen da schnell an eine Grenze: Wir haben zu wenig verschiedene Proben, um solche Fragen, etwa wie Genetik und andere Risikofaktoren miteinander interagieren, statistisch relevant zu beantworten."

Zusammengenommen bringen es die bisherigen deutschen Kohortenstudien auf etwa 100.000 Teilnehmer. Die Nationalen Kohorte peilt hingegen allein 200.000 an. Es werden 400.000 eingeladen, dadamit gerechnet wird, dass nur rund die Hälfte von ihnen dauerhaft mitmachen wird. Zusätzlich wollen die Wissenschaftler auch international mit anderen laufenden Studien kooperieren. "Solch eineUntersuchungstiefe ist in einer so großen Studie weltweit einmalig", sagt Kaaks.

Lange Liste an Untersuchungen

Die Liste aller geplanten Untersuchungen und Befragungen könnte den Eindruck vermitteln, dass bei der Nationalen Kohorte vor allem eines gemacht wird: emsig gesammelt. Doch Karl-Heinz Jöckel betont: "Wir machen keine Feld-, Wald- und Wiesensammlung." Der Grund für die vielen Daten liegt schlicht im Studiendesign. Sollte etwa nach 15 oder 20 Jahren der Verdacht aufkommen, dass ein Stoff eine bestimmte Krankheit mitverursacht, und bekannt ist, dass dieser Stoff beim Rauchen entsteht, können die umfangreichen Daten helfen. Die Forscher können dann in den Studiendaten nachsehen, ob die erkrankten Personen häufiger geraucht hatten als jene, die zwischenzeitlich nicht erkrankt sind. "Wenn man Glück hat, hat man diese Bedingung mit abgefragt. Insofern gibt es schon immer den unterschwelligen Wunsch des Sammelns von möglichst vielen Daten", sagt Jöckel.

Das Sammeln geschieht nicht ziellos. Die Fragen, die die Wissenschaftler mit der Studie stellen, werden entweder nach aktuellem Wissensstand üblicherweise bei solchen Studien gefragt – etwa die nach dem Einfluss des Rauchens. Oder es stehen ganz bestimmte Hypothesen dahinter, die zuvor mit vielen Experten erarbeitet worden sind. Und mit dem Sammeln ist die Arbeit noch lange nicht getan. "Hier wird eine Infrastruktur für die medizinische Forschung geschaffen", erläutert Karl-Heinz Jöckel. "Die Auswertung, die Forschung mit den Daten, kommt erst danach." Die viele Arbeit ist die Grundlage dafür, gesichert sagen zu können, wie sich Krankheiten vermeiden und früher erkennen lassen. Sich bis dahin weiterhin gesund zu ernähren, Sport zu treiben und mit dem Rauchen aufzuhören, wird keinesfalls verkehrt sein.

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