28.12.12

Darmflora

Forschungsaufruf: 10.000 Stuhlproben gesucht!

US-Forscher wollen entschlüsseln, wie die Darmflora das Wohlbefinden, die Verdauung und die Immunabwehr beeinflusst. Doch dafür brauchen sie erst einmal ausreichend Untersuchungsmaterial.

Foto: picture alliance / JOKER

Die Studienteilnehmer des „American Gut Project“ geben nicht nur freiwillig Stuhlproben ab – sie zahlen sogar dafür
Die Studienteilnehmer des "American Gut Project" geben nicht nur freiwillig Stuhlproben ab – sie zahlen sogar dafür

Der bakterielle Zoo im Magen-Darm-Trakt des Menschen umfasst Billionen von körperfremden Kleinstlebewesen. Zugleich unterscheidet er sich in seiner detaillierten Zusammensetzung von Mensch zu Mensch und von den vielfältigen individuellen Essgewohnheiten – ob dünn oder beleibt, athletisch oder unsportlich, ob Vegetarier oder Burgerfan.

Mit einer breit angelegten Studie wollen US-Forscher jetzt ein Raster anlegen, das den Einfluss der Darmflora auf allgemeines Wohlbefinden, Verdauung und Immunabwehr verdeutlicht. Dafür suchen die Wissenschaftler mindestens 10.000 Teilnehmer, die für das Experiment unter dem Namen "American Gut Project" eine Stuhlprobe abgeben – und durchschnittlich auch noch 69 Dollar bezahlen sollen.

Neugierige Probanden

Für mitteleuropäische Verhältnisse mag es erstaunlich klingen, dass Menschen sich in den Dienst der Wissenschaft stellen und dafür auch noch Geld ausgeben. Die amerikanischen Forscher geben sich jedoch optimistisch: "Am Ende können wir den Leuten zeigen, wie wichtig diese Bakterien für unser Leben sind", sagt der Biologe Jack Gilbert von der Universität Chicago, einer der Initiatoren des Projektes.

Bestätigung findet der Wissenschaftler bei IT-Berater Scott Jackisch. Der 42-Jährige zählt zu den ersten Teilnehmern und hat sich gleich mit drei Proben nach jeweils unterschiedlichen Ernährungszyklen angemeldet – dafür bekommt er einen Rabatt von 40 Dollar.

"Vieles, was sich in unserem Körper abspielt wird von anderen Lebewesen wie Bakterien beeinflusst und gesteuert. Das ist doch völlig verrückt und spannend. Darüber möchte ich mehr erfahren, vielleicht über meine Ernährung etwas mehr eigenen Einfluss bekommen und am Ende besonders gesund sein", begeistert sich Jackish für das Projekt.

Niemand ekelt sich

Die Forscher suchen nach spezifischen Bakterien-Kombinationen, die für Übergewicht, Diabetes, Reizdarm oder andere Alltagskrankheiten verantwortlich sind. Sie hoffen auf eine umfassend repräsentative Teilnehmerschaft: Vom Neugeborenen bis zum Senioren – ob krank oder gesund.

Gleichzeitig wurde ein zweites Projekt unter dem Namen "uBiome" aufgesetzt. Daran sollen mindestens 2.000 Menschen weltweit teilnehmen, um anschließend die Darmflora etwa afrikanischer oder asiatischer Teilnehmer mit dem durchschnittlichen nordamerikanischen Bakterienzoo im Darm vergleichen zu können.

Lita Proctor vom Nationalen Gesundheitsinstitut erwartet die Studienergebnisse mit Spannung. Die staatliche Behörde beteiligt sich zwar vorerst nicht, hatte aber im vergangenen Sommer ein vergleichbares steuerfinanziertes Projekt mit mehreren Hundert Teilnehmern betrieben und einen ersten Eindruck darüber gewonnen, wie eine gesunde bakterielle Wohngemeinschaft im Darm aussehen könnte. "Wir hatten befürchtet, dass der Ekelfaktor potenzielle Probanden von der Teilnahme abhalten könnte. Aber das war überhaupt nicht der Fall", berichtet Proctor.

Erste Ergebnisse können dauern

Die Teilnehmer am "American Gut Project" müssen sich darüber bewusst sein, dass ihr Engagement nicht unbedingt und unmittelbar auf sie selbst zurückwirkt – erst recht nicht schnell.

Bradley Heinz macht trotzdem mit und bezahlt uneigennützig 119 Dollar für die Auswertung von Stuhl- und Speichelproben: "Ich habe verstanden, dass ich in ein paar Wochen nicht weiß, was individuell gut oder schlecht für mich ist und dann meine Ernährung darauf ausrichten kann. Aber je mehr Informationen zusammenkommen, umso mehr profitiert die Allgemeinheit. Deshalb bin ich dabei", sagt der 26-jährige Finanzberater aus San Francisco.

Selbstversuch in Namibia

Mitinitiator Jeff Leach geht sogar in den Selbstversuch. Der Anthropologe wird drei Monate in Namibia verbringen, sich landestypisch ernähren und seine Exkremente – vorher und danach – in die Studie einbringen. Während des Aufenthaltes will er außerdem mehrere Hundert Proben von Einheimischen einsammeln, die möglichst noch als Jäger und Sammler unterwegs sind.

Schließlich weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass nicht allein die Essgewohnheiten Einfluss auf die Bakterienvielfalt im Magen-Darm-Trakt habe. So mache es wahrscheinlich schon einen Unterschied, ob ein Baby vaginal oder per Kaiserschnitt zur Welt komme, heißt es. "Was auch immer unsere Forschung ergibt, wir erwarten einen gewaltigen Erkenntnisgewinn zum Zusammenspiel von menschlichem Körper und den Mikroorganismen, die ihn bewohnen" sagt Leach.

Quelle: dapd/shl
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