11.12.12

Nobelpreis Chemie

Rezeptoren - Signal ins Innere der Zelle

Die mit dem Nobelpreis geehrten Chemiker haben das Geheimnis der zellulären Andockstellen entschlüsselt. Mit Hilfe ihrer Entdeckung könnten bald neuartige Medikamente entwickelt werden.

Foto: picture alliance / dpa

Glückliche Gewinner: Die US-Forscher Brian Kobilka (links) and Robert Lefkowitz (rechts) bekamen am 7. Dezember 2012 den Nobelpreis für Chemie verliehen
Glückliche Gewinner: Die US-Forscher Brian Kobilka (links) and Robert Lefkowitz (rechts) bekamen am 7. Dezember 2012 den Nobelpreis für Chemie verliehen

Der Nobelpreis für Chemie geht dieses Jahr an zwei Zellbiologen aus den USA: Robert Lefkowitz und Brian Kobilka entdeckten als erste, wie winzige, aber lebenswichtige Sensoren auf der Oberfläche unserer Zellen arbeiten. Über sie nimmt die Zelle ihre Umwelt wahr und reagiert auf Veränderungen.

Die unter dem sperrigen Begriff "G-Protein gekoppelte Rezeptoren" zusammengefassten Sensoren dienen als Andockstellen für Hormone und andere Signalstoffe. Sie sind es aber auch, die Sinneszellen sensibel machen für Licht, Gerüche oder Geschmacksstoffe.

Menschen nehmen die Umwelt über die Sinnesorgane Nase, Augen und Ohren wahr. Aber auch jede einzelne Zelle muss über eine Form von Sinnesorganen verfügen. Denn nur so können beispielsweise die Tausenden von Zellen im Herz miteinander kommunizieren und die synchrone Bewegung des Pumporgans koordinieren.

Andockstelle für Hormone

1968 fand der junge Mediziner Robert Lefkowitz bei Experimenten mit radioaktiv markiertem Adrenalin heraus, dass das Hormon auch auf Zellen wirken kann, ohne von diesen aufgenommen zu werden. Stattdessen lagert es sich nur an eine bestimmte Andockstelle auf der Zellmembran an.

Durch diese Bindung verändert sich die Form des Sensormoleküls auf der Innenseite der Membran. Dadurch kann sich nun ein bestimmtes Eiweiß, das sogenannte G-Protein, dort anlagern. Dies wirkt wie ein Schalter und löst eine ganze Kette von biochemischen Reaktionen aus, die letztlich zur typischen Hormonwirkung führt.

In den 1980er Jahren stieß der Mediziner Brian Kobilka zu Lefkowitz und seinem Team. Gemeinsam gelang es den beiden Wissenschaftlern, die Gene für eine der Adrenalin-Andockstellen, den sogenannten Beta-Rezeptor, zu identifizieren. Damit hatten sie erstmals Einblick in die genetische Bauanleitung dieser so wichtigen Zellsensoren.

Ansatzpunkt für neue Medikamente

Bei der weiteren Forschung über den genauen Aufbau der Rezeptoren gelang Kobilka im Jahr 2011 der Durchbruch. Da sich die komplexe Struktur der Proteine mit dem Mikroskop nicht auflösen lässt, mussten Kobilka und sein Team die Moleküle zunächst in eine geordnete Form bringen und in ein Kristall umwandeln.

In diesem Zustand ließ sich die Anordnung der einzelnen Atome im Molekül mittels Röntgenstrahlen abbilden. Das Ergebnis der Bemühungen war spektakulär: Die aus den Röntgenbildern rekonstruierte Struktur zeigte den Adrenalin-Rezeptor direkt nach Anlagerung des Hormons – und damit in genau dem Moment, in dem der biochemische Schalter für die Signalkette umgelegt wurde.

"Lefkowitz und Kobilka haben mit ihren Arbeiten erstmals das innere Wirken dieser wichtigen Gruppe von Rezeptoren enthüllt", erklärt das Nobelkomitee in seiner Preisbegründung. Die Entdeckung und Entschlüsselung dieser Zellsensoren und ihrer Struktur hat aber auch ganz praktisch medizinische Bedeutung: Denn sie macht es möglich, Medikamente zu entwickeln, die nur an bestimmte Rezeptoren binden und so spezifisch nur bestimmte Stoffwechselfunktionen auslösen oder blockieren.

Quelle: shl/dapd
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Statistik rund um den Preis
  • Ältester Preisträger

    Ältester Nobelpreisträger war der in Russland geborene US-Wissenschaftler Leonid Hurwicz, der den Preis für Wirtschaftswissenschaften 2007 im Alter von 90 Jahren erhielt. Nach der Preisverleihung lebte er nur noch ein paar Monate. Im Juni 2008 starb er. Älteste Nobelpreisträgerin für Literatur war bislang die Britin Doris Lessing, die 2007 im Alter von 87 Jahren die Auszeichnung erhielt.

  • Älteste noch Lebende

    Älteste noch lebende Nobelpreisträgerin (Stand 11.10.2012) ist die Italienerin Rita Levi-Montalcini, die 1986 den Medizin-Nobelpreis erhielt. Am 22. April 2012 wurde sie 103 Jahre alt. Sie ist bislang die einzige der Preisträger, die den 100. Geburtstag erreichte.

  • Jünster Preisträger

    Jüngster Nobelpreisträger ist mit damals 25 Jahren der Brite Lawrence Bragg, der 1915 in Physik ausgezeichnet wurde. Ebenfalls noch sehr jung war der deutsche Physiker Werner Karl Heisenberg, der 1932 mit 31 Jahren in der selben Kategorie geehrt wurde. Bislang jüngster Literatur-Nobelpreisträger war der Brite Rudyard Kipling: Bei seiner Ehrung 1907 war er 42 Jahre alt.

  • Frauen

    Seit 1901 wurden 44 Frauen ausgezeichnet, darunter zwei Mal die polnischstämmige Physikerin Marie Curie – aber 786 Männer.

  • Eltern, Kinder, Paare

    Sechs Mal kam es vor, dass nicht nur der Vater, sondern auch der Sohn einen Nobelpreis erhielten. Auch ein Vater-Tochter- und ein Mutter-Tochter-Paar gehörten zu den Preisträgern. Außerdem wurden drei Ehepaare ausgezeichnet. In jede der drei letztgenannten Kategorien fällt Irene Joliot-Curie: Die Tochter der Nobelpreisträger Marie und Pierre Curie bekam zusammen mit ihrem Mann Frédéric Joliot-Curie den Chemie-Nobelpreis.

  • Preis ausgeschlagen

    Ausgeschlagen haben sechs Gekürte den Nobelpreis. Freiwillig taten dies allerdings nur der französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre, der 1964 geehrt werden sollte, und der damalige vietnamesische Regierungschef Le Duc Tho, der sich 1973 nicht den Friedensnobelpreis zusammen mit US-Außenminister Henry Kissinger teilen wollte. Adolf Hitler hinderte drei Deutsche – Richard Kuhn (Chemie 1938), Adolf Butenandt (Chemie 1939) und Gerhard Domagk (Medizin 1939) daran, die Auszeichnung anzunehmen. Die sowjetische Führung verhinderte 1958, dass Boris Pasternak den Literatur-Nobelpreis bekam.

  • In Gefangenschaft

    In Gefangenschaft oder unter Hausarrest während ihrer Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis waren der deutsche Pazifist und Journalist Carl von Ossietzky (1935), Birmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi (1991) und der chinesische Dissident Liu Xiaobo (2010). Suu Kyi holte ihre Dankesrede im Juni 2012 in Oslo nach.

  • Meiste Nominierungen

    Die meisten Nominierungen für den Friedensnobelpreis gab es im Jahr 2011 mit 241 Kandidaten. Im Endeffekt ging die Auszeichnung an Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, die aus demselben Land stammende Aktivistin Leymah Gbowee und die jemenitische Menschenrechtsaktivistin Tawakkul Karman.

  • Stand der Statistik

    Die Statistik beinhaltet die Nobelpreise bis zum Jahr 2011.

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