08.12.12

Logistik

Online-Handel bringt die Paketdienste an ihr Limit

Der Boom des Onlinehandels hat Europa zu einem einzigen riesigen Versandmarkt zusammenwachsen lassen. Doch das rasant wachsende Geschäft droht die Zusteller zu überlasten.

Von Birger Nicolai
Foto: Getty

Die Deutschen bestehen auf schnelle Lieferung ihrer Pakete, vergessen dabei aber welcher Druck auf den Zustellern lastet
Die Deutschen bestehen auf schnelle Lieferung ihrer Pakete, vergessen dabei aber welcher Druck auf den Zustellern lastet

Europas Paketboten sind vor Weihnachten im Dauerstress. Ob Bücher, Schuhe oder Rotwein – Geschenke im Milliarden-Wert werden inzwischen per Internet bestellt. Und häufig über Ländergrenzen hinweg geliefert.

Kaum ein anderes Dienstleistungsgeschäft wächst im Binnenmarkt der Europäischen Union so rasant wie der Versand von Paketen. Der Interneteinkauf ist bequem und dank nur noch wenige Stunden langsamer als eine Einkaufsfahrt in die Stadt.

Allein die Franzosen werden in diesem Jahr Waren für mehr als 40 Milliarden Euro online ordern. Sie führen die europäische Rangliste der Web-Einkäufer an, vor den Deutschen mit rund 30 Milliarden Euro Umsatz. Danach folgen die Briten.

Mit jeder Bestellung steigt der Druck im System

Die Lust am Kauf per Klick ist allerdings verbunden mit der Last der Logistiker – warnen nicht nur Gewerkschaftsvertreter, sondern auch Wissenschaftler. Der Wert der Dienstleistung müsse ins rechte Licht gerückt werden, fordern sie.

"Privatkunden bestellen kürzestmögliche Lieferzeiten, da Onlinehändler keine Kosten für kurze Lieferfristen belasten", sagt Frank Straube, Logistikprofessor an der Technischen Universität Berlin.

Welcher Aufwand dahintersteckt, einen Schuhkarton binnen 24 Stunden aus einem Zentrallager zu ihnen nach Hause zu bringen, ist den Onlinebestellern natürlich nicht klar. Doch die Marktstrukturen bescheren den Kunden hohe Qualität zu niedrigen Preisen. Onlineshops von Amazon bis Zalando kaufen bei den Paketdiensten Hunderttausende Versandaufträge im Bündel ein – und erhalten dafür satte Mengenrabatte.

In vielen Regionen finden die Firmen kaum noch Fahrer

Die Kehrseite der Medaille beklagt Andrea Kocsis, stellvertretende Ver.di-Bundesvorsitzende: "Da tobt ein teilweise ruinöser Wettbewerb, der sich in den Arbeitsbedingungen der Paketfahrer widerspiegelt."

Kocsis ist Vizechefin des Aufsichtsrats der Deutschen Post und weiß, wie hart in der Branche gekämpft wird. Viele Paketdienste können das zweistellige Wachstum der Privatbestellungen kaum mehr bewältigen.

Selbst bei Löhnen von mehr als zehn Euro pro Stunde wird es schwieriger, in Großstädten noch ausreichend viele Fahrer zu finden. Zu den Arbeitskosten kommen steigende Preise für Diesel und permanente Erweiterungsinvestitionen in Sortieranlangen.

Bestellungen über Grenzen hinweg wachsen besonders rasant

Und das bei Vertragsklauseln wie dieser: Kommt eine Paketsendung nicht pünktlich beim Besteller an, so erhalten Geschäftskunden einen nachträglichen Rabatt in Höhe von zehn Prozent des Portopreises.

Vor allem in Deutschland treibt das starke Wachstum die Paketdienste an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Rund 5,5 Milliarden Sendungen brachten Paket- und Expressdienste 2011 in Europa zum Empfänger.

Grenzüberschreitende Bestellungen wachsen doppelt so stark wie jene im Inland. Logistik-Manager jubeln daher über die Wachstumsaussichten ihrer Branche.

30 Prozent Plus in Osteuropa – pro Jahr

Vor allem in Osteuropa: Während ein Deutscher im Jahr durchschnittlich 18 Pakete nach Hause zugestellt bekommt, sind es beispielsweise in Ungarn bisher lediglich drei Sendungen. Der Onlinehandel wächst dort derzeit um 30 Prozent jährlich, obwohl der private Konsum insgesamt seit drei Jahren schrumpft.

Die Umsätze der Paketzusteller stiegen laut einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney in Gesamteuropa 2011 um vier Prozent auf nunmehr 47,2 Milliarden Euro. Doch im deutschen Paketgeschäft verdienen Zustellfirmen wie GLS, DPD oder DHL deutlich weniger als mit Sendungen in anderen europäischen Ländern.

Längst nicht überall sind die Paketpreise so niedrig wie in Deutschland. So nimmt der Zusteller General Logistics Systems (GLS), der früher German Parcel hieß, in Italien durchschnittlich zwölf Euro bei einem Paketversand von Geschäftskunden ein.

Für mehr Porto gibt es auch mehr Service

Zum Teil hängt das mit zusätzlichen Serviceleistungen zusammen. Beispielsweise lassen italienische Mittelständler häufig den Logistiker die Adressen aufs Paket schreiben. In Frankreich wiederum beträgt der Durchschnittspreis pro Paket auch deshalb relativ hohe 6,50 Euro, weil dort Arbeitslöhne und staatliche Auflagen höher sind als etwa in Deutschland.

Und in Österreich liegt das Preisniveau mit rund vier Euro nahe an dem deutschen. Hier wie dort Ländern sind die Angebote im Paketversand standardisiert, das drückt den Preis.

Auch beim Tempo liefern sich Europas Paketdienste einen harten Wettbewerb. In direkte Nachbarländer schafft es GLS in 24 Stunden, 90 Prozent der Europa-Pakete kommen nach Firmenangaben binnen zwei Tagen beim Empfänger an. Zusätzlich setzen sich die Unternehmen mit neuen und besseren Dienstleistungen gegenseitig unter Druck.

Säckeweise Katzenstreu vom Paketboten

So bestellen in Paris Tierliebhaber Katzenstreu am Computer und lassen sich die Säcke per Paketdienst bis an die Haustür bringen. Der Preis für den Versand ist günstig, was dazu führt, dass allein GLS täglich mehr als 1000 solcher Lieferungen durch die französische Hauptstadt kutschiert.

Etliche dieser Bestellungen laufen über den Tierfutterhändler Mars aus Verden in Niedersachsen. Als Großkunde verlangt Mars von seinem Paketzusteller, dass er sich ein europäisches Verteilnetz aufbaut.

Die Standardmaße der Bundespost haben die Pakete dabei längst verlassen. Was früher schwere Fracht für eine Lkw-Tour war, ist heute ein Paket. So bestellen Werkstätten Reifen per Paketdienst und nicht mehr über eine Spedition.

Paketfirma wird größer Reifenlieferant

Selbst Privatleute lassen sich quer durch Europa Reifenbündel an die Garage liefern. Größter Reifenspediteur Europas ist inzwischen der Paketzusteller DPD.

Doch die Paketfahrer stehen häufig bei Privatempfängern vor verschlossener Haustür. In Wien etwa ringt der Paketdienst GLS gerade mit Behörden darum, Zugang zu Mietshäusern zu bekommen.

In der Stadt sind viele Wohnblöcke mit digitalen Schlössern abgesichert, deren Code aber kennen nur das Rote Kreuz und die nationale Österreichische Post. "Wir brauchen Lösungen für die Innenstädte, sonst ersticken wir an den Transporten", sagt ein hochrangiger Postmanager des Landes.

Lieferwagen verstopfen die Innenstädte zusätzlich

Wissenschaftler verweisen darauf, dass viele Innenstädte schon heute mit dem Individualverkehr überlastet sind – auch von Lieferwagen, die bis an die Haustür fahren. "Paketdienste schaffen keine optimale Bündelung von Sendungen für gleiche oder nahe beieinanderliegende Adressen", sagt Logistikprofessor Straube.

Seiner Meinung nach wären Güterverkehrszentren für Pakete mehrerer Dienstleister in Ballungsgebieten eine Lösung. Eine solche Zusammenlegung könne CO2-Emissionen um bis zu 40 Prozent verringern, rechnet Straube vor.

Bisher absolviert ein Fahrer bis zu 80 Stopps am Tag – und scheitert häufig an der Anonymität der Großstadt: "In Wien nimmt mancher Nachbar aus Prinzip kein Paket an", sagt ein GLS-Manager.

Fernsteuerung gegen Autodiebe

In anderen Metropolen erschwert Kriminalität die Arbeit der Paketfirmen. So sind in bestimmten Stadtteilen von Paris grundsätzlich zwei Fahrer in einem GLS-Kleinlaster unterwegs: Das Auto wäre sonst beim nächsten Stopp einfach weg.

Die Unternehmen verfolgen ihre Fahrzeuge zudem per Satellit. Wird dennoch ein Paketlaster gestohlen, kann ein Mitarbeiter in der Zentrale den Wagen per Fernsteuerung stoppen – indem er die Kraftstoffpumpe unterbricht.

"In diesem Jahr sind bei uns trotzdem bislang sechs Fahrzeuge zerstört und zwei gestohlen worden", klagt ein GLS-Landesmanager. Er setzt häufig Migranten aus Nordafrika oder Asien als Fahrer ein: Sie kennen die Gewohnheiten in den Vierteln, und sie verstehen die Sprachen. Dennoch sind auch für sie ab spätnachmittags manche Gegenden tabu.

Gibt es 2050 noch Paketdienste?

Johannes Dell, Geschäftsführer des Stadtplanungsbüros Albert Speer & Partner, wagt den Blick voraus: "Bestenfalls lebt es sich im Jahr 2050 räumlich enger, weniger individuell, vor allem was die Mobilität betrifft; aber besser eingebunden in informellen Gruppen und deren Netzwerken."

Die Kluft zwischen den Gruppen werde gerade in Großstädten noch größer als heute. "Der ungehinderte Zugang zu Information wird eines der großen Privilegien sein", sagt Dell.

Wird es dann überhaupt noch einen Paketversand in heutiger Form geben? Sicherlich müsste er intelligenter sein als heute – sonst wird er sich selber abschaffen.

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