08.12.12

Tropenkrankheit

Das Dengue-Fieber hält Einzug in Europa

Asiatische Tigermücken übertragen Krankheiten - nicht nur in den Tropen. Sie mögen auch kühl-trockenes Klima. Ein Impfstoff fehlt.

Von Shari Langemak
Foto: dpa

Tigermücke sticht auch tagsüber und breitet sich inzwischen in Nordamerika und Europa aus
Tigermücke sticht auch tagsüber und breitet sich inzwischen in Nordamerika und Europa aus

Wenn es um Mücken und Tropenkrankheiten geht, denken die meisten sofort an Malaria. Zu Recht, denn mit bis zu 500 Millionen Erkrankungsfällen und etwa einer Million Toten pro Jahr gehört Wechselfieber zu den größten Gesundheitsproblemen weltweit. Bald könnte jedoch ein anderer Erreger dem Malaria-Parasiten den Rang ablaufen.

Immer häufiger kommt es zu Epidemien des Dengue-Fiebers, einer ebenfalls durch Mücken übertragenen Krankheit. Gerade erst hat Indien einen neuen Infektionsrekord gemeldet: Das Gesundheitsministerium in Neu-Delhi berichtet von über 35.000 registrierten Fällen – fast doppelt so viele wie noch im Jahr zuvor. Doch nicht nur der regionale Zuwachs macht das Virus so bedrohlich. Bedenklich ist ebenso die globale Ausbreitung.

Epidemie auf Madeira

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Tropenkrankheiten tritt das Dengue-Virus nicht nur in Asien, Afrika oder Südamerika auf. Auch in Nordamerika und Europa können Menschen daran erkranken, wie eine Epidemie auf Madeira verdeutlicht. Die Weltgesundheitsorganisation in Genf berichtet von mehr als 800 Krankheitsfällen. Wie aus dem Nichts, so schien es, kam es in dem Urlaubsdomizil vor einigen Wochen zu einem Ausbruch der Krankheit.

Ganz ohne Vorwarnung ist das Dengue-Fieber allerdings dann doch nicht nach Madeira gekommen. Zumindest ein entscheidender Krankheitsfaktor bestand dort nämlich schon seit einigen Jahren. "Einen Überträger, die Mückenart Aedes aegypti, gibt es seit 2005 auf der Insel. Das Virus selbst ist aber wohl erst kürzlich von Reisenden aus Südamerika eingeschleppt worden", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, Chef der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. In Süd- und Mittelamerika ist das Virus längst weit verbreitet.

In den warmen und feuchten Gebieten fühlen sich Mücke samt Virus nämlich besonders wohl. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass kühlere und trockene Regionen vor der Krankheit geschützt seien. Denn Aedes aegypti ist nicht die einzige Stechmückenart, die das Dengue-Fieber überträgt. Stegomyia albopicta, die asiatische Tigermücke, kann ebenso Menschen mit dem Virus infizieren.

Pfützen sind Brutgebiete

Und sie ist wesentlich anspruchsloser. Die Tigermücke ist zäh – und das macht sie so gefährlich. "Leichter Frost kann ihr nichts anhaben, zur Vermehrung reicht ihr eine kleine Pfütze oder das Wasser einer Blumenvase. Ist sie einmal in einem Gebiet heimisch geworden, ist sie dort kaum wieder wegzubekommen", sagt Schmidt-Chanasit. Genau das bekommt derzeit Italien zu spüren. Die Tigermücke wird hier so bald nicht mehr verschwinden.

Als blinder Passagier von Containerschiffen und Touristen-Airlines war die Mückenart einst eingeschleppt worden. Mittlerweile ist die Tigermücke im ganzen Land verbreitet – bisher aber noch ohne Virusbelastung. Ein ähnliches Szenario wie in Madeira wäre allerdings denkbar. Ein paar infizierte Urlauber genügen, damit das Dengue-Fieber auch in bisher unbelasteten Regionen vordringt. Da viele Infizierte keine oder nur wenige Symptome entwickeln, tragen sie das Virus praktisch unbemerkt in sich.

Werden sie zu diesem Zeitpunkt von Tigermücken gestochen, können sich auch die Insekten damit infizieren. Diese können den Erreger dann nicht nur auf andere Menschen, sondern sogar auf ihre Nachkommen übertragen. Das Dengue-Virus hat nämlich einen großen Überlebensvorteil: Es nistet sich in den Eiern der Insekten ein. So kann der Erreger über den Tod der Mücke hinaus fortbestehen.

In Deutschland noch nicht heimisch geworden

Hierzulande ist das Risiko noch deutlich weiter weg. Die Tigermücke hat über Flug- und Schiffsverkehr zwar auch schon ihren Weg in die Bundesrepublik gefunden, ist dabei aber noch nicht heimisch geworden. Bisher wurden nur vereinzelt Mücken und Eier gefunden, vor allem in Süddeutschland. Fälle von Dengue-Fieber sind dagegen schon deutlich häufiger registriert worden. Bei etwa 2000 deutschen Urlaubern wurde die Tropenkrankheit bereits nachgewiesen.

Gravierende Beschwerden hatten davon nur wenige. Nur etwa zehn Bundesbürger litten unter der bedrohlichen Verlaufsform, die man "hämorrhagisches Dengue-Fieber" nennt. Dabei kommt es zu unkontrollierten inneren und äußeren Blutungen im ganzen Körper. Sind sie sehr stark, kann daraus ein unter Umständen besonders für Kinder lebensgefährlicher Schockzustand resultieren, der nur durch Intensivmaßnahmen zu beherrschen ist.

Schuld ist daran meist nicht nur ein Virustyp, sondern gleich mehrere. "Das Risiko für schwere Verlaufsformen des Dengue-Fiebers steigt, wenn sich ein Mensch ein weiteres Mal mit der Krankheit und dann mit einem anderen Typ des Virus infiziert. Selbst wenn die erste Erkrankung Jahre zurückliegt, kommt es dann häufig zu schweren Verläufen", sagt Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin in Düsseldorf.

Richtige Kleidung wählen

Ein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber sollte immun gegen das Virus machen. Bis vor Kurzem glaubte man, dass man bereits im Jahr 2015 mit einer Impfprophylaxe starten könnte. Die großen Erwartungen wurden allerdings enttäuscht. "Aktuelle Studien haben gezeigt, dass der Dengue-Impfstoff längst nicht so wirksam ist, wie wir einst gehofft hatten", sagt Jelinek. Die Studien laufen deshalb weiterhin auf Hochtouren. Dennoch wird es wohl noch mehrere Jahre dauern, bis ein Wirkstoff zugelassen wird. Bis dahin bleibt Touristen nur eins: "Ausreichender Mückenschutz ist die derzeit einzig mögliche Prophylaxe. Wer in Risikogebiete reist, sollte sich bestmöglich vor Mückenstichen schützen", rät Jelinek. Das bedeutet: weite, leichte Kleidung, die den ganzen Körper vom Hals abwärts komplett bedeckt – vor allem in der Dämmerung, in der Nacht unter einem Mückennetz schlafen, Repellents benützen.

Der Aufwand für Bewohner von Endemie-Gebieten dürfte dagegen ungleich höher liegen. Neben dem individuellen Mückenschutz müssen dort nämlich die vielen kleinen Wasserstätten versiegelt oder bereinigt werden, damit keine Mücken mehr ihre Eier dort ablegen können – ein schwieriges Unterfangen. Sollte es dauerhaft misslingen, wird sich das Dengue-Fieber wohl unaufhaltsam ausbreiten.

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