09.12.12

Medikamente

Bodenbakterien ernähren sich von Antibiotika

Eigentlich sollen Antibiotika Bakterien töten. Dennoch werden manche von ihnen resistent. Nun entdeckten Forscher in Kanada sogar Bakterien, die die giftigen Stoffe sogar auf ihren Speisezettel setzen.

Foto: picture alliance / Robert Parigg

Mit der Gülle aus dem Schweinestall landen auch Antibiotika auf den Äckern
Mit der Gülle aus dem Schweinestall landen auch Antibiotika auf den Äckern

Was passiert eigentlich mit den ganzen Antibiotika, die Tiere in Ställen gegen Krankheiten ins Futter gemischt bekommen – und die dann mit ihren Ausscheidungen auf den Wiesen und Weiden landen? Die meisten zerfallen, mache aber verschmutzen Bäche, sickern ins Grundwasser und können so zu einer Gefahr für den Menschen werden.

Doch nun haben Wissenschaftler noch einen anderen Weg gefunden, wie Antibiotika aus der Welt verschwinden. Überraschenderweise sind es Bakterien, die die Antibiotika ja eigentlich abtöten sollen, die diese Medikamente abbauen. Im "Journal of Environmental Quality" berichtet ein Team aus französischen und kanadischen Forschern, dass sie ein "antibiotika-abhängiges" Bakterium entdeckt haben.

Umdenken über Antibiotikaeinsatz

Ed Topp, der Erstautor der Studie sagt: "Manche Bodenbakterien sind bekannt dafür, dass sie Pestizide und Herbizide 'essen'." Tatsächlich könnten solche Bakterien die Gifte sogar wirkungslos werden lassen. Doch ein Bakterium, dass sich von Antibiotika ernährt, sei bislang noch nirgends beschrieben worden. "Ich denke, es ist langsam an der Zeit über unsere Umwelt und Antibiotikaresistenzen nachzudenken."

Vor 14 Jahren hatten Topp und seine Kollegen eine Versuchsreihe begonnen: Sie hatten ein Feld jedes Jahr mit drei verschiedenen Antibiotika, die in der Tiermedizin eingesetzt werden, "gedüngt" hatten. Dabei setzten sie Mengen ein die denen entsprachen, die über die Ausscheidung der Tiere in Farmen freigesetzt werden – oder wie sie durch das Düngen der Felder mit Jauche in die freie Natur gelangen. Es handelte sich bei den Mitteln um Sulfamethazine, Tylosin und Chlortetracycline.

Forscher düngen Boden

Wie die Wissenschaftler schreiben, interessierte sie ursprünglich nur, ob sich die Belastung des Bodens mit Antibiotika auf die bekannten Bodenbakterien auswirken würden. Ob also mehr Resistenzen entstehen, oder ob die Bakterien von den Medikamenten unbeeinflusst bleiben würden. Doch dann entschied sich das Team auch die Artenvielfalt der Mikroorganismen in Bodenproben zu untersuchen, die sie jährlich mit ihren Antibiotika 'gedüngt' hatten und sie mit anderen Proben von Böden zu vergleichen, auf denen keine Arzneimittel ausgebracht worden waren.

Die Idee dazu war ihnen gekommen, da es Berichte gab, dass Antibiotika in Böden, die regelmäßig mit den Wirkstoffen in Kontakt kommen, schneller abgebaut werden als in solchen, die ihnen nicht ausgesetzt waren.

Antibiotika werden immer schneller abgebaut

"Es war überraschend," schreibt Topp. "Vor allem Sulfamethazin aus der Antibiotikaklasse der Sulfonamide wurde wesentlich schneller in Böden abgebaut, die über eine längere Zeit mit den Wirkstoffen behandelt worden waren. Das passierte bis zu fünf Mal schneller als in unbehandelten Böden."

Als die Wissenschaftler sich dann die Bodenorganismen ansahen, die in ihren Bodenproben lebten, konnten sie ein Microbacterium isolieren, das Sulfamethazine als eine Stichstoff- und Kohlenstoffquelle nutzte. Mittlerweile haben sie schon drei solcher Bakterien klassifiziert, die sich auf Antibiotika als Nahrungsquelle spezialisiert zu haben scheinen.

Bodenbakterien ernähren sich von den Arzneimitteln

Möglicherweise, schreiben die Wissenschaftler, könnten viele Bodenorganismen Antibiotika abbauen, ohne daran selbst zugrunde zu gehen. "Die Mikroben in der Umwelt lernen, wie man diese Wirkstoffe abbaut, wenn sie ihnen regelmäßig ausgesetzt sind."

Nicht verwunderlich sei, dass Bakterien resistent gegen Antibiotika werden, wenn sie ihnen ständig ausgesetzt sind. Dann geben sie die Gene, die diese Resistenz ermöglichen, an ihre Artgenossen weiter. Neu ist allerdings, dass nicht nur eine Resistenz entwickelt wurde, sondern dass die Bakterien sogar gelernt haben, die eigentlich giftigen Wirkstoffe als Nahrung zu nutzen. Zudem geben sie diese Fähigkeit auch an ihre Nachkommen weiter.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Morgenpost-Autorin Franziska Birnbach machte sich mithilfe von Google Maps auf den Weg ins Berliner Verkehrschaos
24.05.13Neue Fahrradnavigation
Mit Google Maps wird Radtour in Berlin zum Stresstest

Google Maps bietet ab sofort auch in Deutschland Routen für Radfahrer. Die Morgenpost hat die Anwendung auf Berlins Straßen getestet und stieß dabei auf Straßen, die gar nicht existieren. mehr...


Schon 2012 lockte der „Summer Rave“ viele junge Berliner in die Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof
24.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonna, den 25. Mai. mehr...


Am Maxim Gorki Theater feiert am Samstag das Stück „Leben des Galilei“ Premiere. Pressesprecherin Claudia Nola rechnet damit, dass diese nicht ausverkauft sein wird
24.05.13Bühne
Champions-League-Finale bringt Berlins Theater in Bredouille

Berlins Theater sehen sich am Samstagabend einem kaum besiegbaren Konkurrenten ausgesetzt. Denn nicht nur potenzielle Zuschauer wollen das Champions League Finale sehen, sondern auch viele Darsteller. mehr...


„The Rock“: Wowereit zeigte nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass ihn die Fragen vielleicht ermüdeten
24.05.13Hauptstadtflughafen
Wowereit lässt sich im BER-Ausschuss nicht fassen

Berlins Regierender Bürgermeister musste sich dem BER-Untersuchungsausschusses stellen. Dabei zeigte er sich gelassen - und hatte auf alles ein Antwort. Eine persönliche Verantwortung wies er zurück. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote