29.11.12

Sexualmedizin

Das Geheimnis der Liebe

Der Botenstoff Oxytocin bindet Partner aneinander.

Von Beatrice Wagner
Foto: Getty Images / Photodisc

Oxytocin ist ein Multitalent: Es sorgt nicht nur für die Kontraktion der Gebärmuskeln, sondern ist überdies das „Hormon der Nähe“
Oxytocin ist ein Multitalent: Es sorgt nicht nur für die Kontraktion der Gebärmuskeln, sondern ist überdies das "Hormon der Nähe"

Die Herzfrequenz erhöht sich, der Atem geht schneller. Die Muskeln im Beckenbereich der Frau ziehen sich zusammen. Der Ablauf eines Orgasmus. Männer hingegen erleben den Höhepunkt anders, er zieht relativ schnell vorüber, bei Frauen kann er immerhin bis zu 30 Sekunden andauern. Dann macht sich Erlösung breit, Glücksgefühle und Erschöpfung stellen sich ein.

Der sexuelle Höhepunkt löst Lustgefühle aus, und das ist der Hauptgrund, weswegen er immer wieder von Neuem gesucht wird. Doch warum hat die Evolution den Orgasmus der Frau hervorgebracht? Frauen müssen ihn schließlich nicht unbedingt erleben, damit eine Befruchtung stattfinden kann. "Aber er ist hilfreich", erklärt Reproduktionsmediziner und Gynäkologe Johannes Huber auf der Jahrestagung für Sexualmedizin in Salzburg. Er hat mit seiner Arbeitsgruppe an der Universität Wien gezeigt, dass beim Orgasmus der Frau der Botenstoff Oxytocin in hoher Dosierung freigesetzt wird. "Das war gar nicht so einfach", erklärt er, "denn das Molekül hat eine Halbwertszeit von nur wenigen Minuten." So konnten die Forscher der Frage nachgehen, welche Funktionen das Oxytocin beim weiblichen Höhepunkt hat.

Das Hormon spielt in vielen Vorgängen rund um die Zeugung eine Rolle. Zunächst einmal ist dieser Botenstoff in der Lage, die Beckenbodenmuskulatur zum Kontrahieren zu bringen. Unter der Geburt löst es auch die Kontraktionen der Gebärmutter und damit die Wehen aus, später dann die Produktion von Muttermilch.

Der Orgasmus löst auch den Eisprung aus

Des Weiteren zieht eine große Menge von Oxytocin die Konzentration des luteinisierenden Hormons (LH) mit nach oben, das den Eisprung auslöst. "Wenn zum Zeitpunkt des Orgasmus auch der Eisprung, die Ovulation, gerade in der Nähe ist, wird dieser durch den Orgasmus getriggert. Der Orgasmus der Frau ist also hilfreich dafür, dass eine Befruchtung stattfindet", stellt Johannes Huber fest. Allerdings ist die Evolution nicht nur daran interessiert, dass so viele Zeugungsakte wie möglich zustande kommen. Sondern auch daran, dass es möglichst viele, gesunde Nachkommen gibt, die behütet aufwachsen können.

"Dazu ist es wichtig, dass sich das Paar nachhaltig aneinander gebunden fühlt, und das ist eine weitere Hauptfunktion des Orgasmus", erklärt Huber. Zwar ist es heute, in unserer relativ abgesicherten westlichen Welt, für eine Mutter ein lösbares Problem, ein Kind auch ohne den Vater großzuziehen. Doch unter Steinzeitbedingungen waren die Überlebenschancen einer schwangeren Single-Frau oder einer alleinerziehenden Mutter wohl nicht allzu gut.

Oxytocin erleichtert die Paarbildung

Und deswegen, so die Theorie, werden beim Orgasmus Bindungshormone ausgeschüttet. Eines davon ist Oxytocin, ein richtiges Multitalent unter den Hormonen. Es sorgt nicht nur für die Kontraktion der Gebärmuskeln und bereitet dem Eisprung den Weg, sondern ist überdies das "Hormon der Nähe".

Es wird als Antistresshormon angesehen, das die Paarbildung erleichtert, für Frauen wie Männer, sowie auch die Bindung zum Neugeborenen. "Oxytocin sorgt mit dafür, dass wir uns in eine starke soziale Bindung begeben", berichtet Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Bonner Uniklinik.

Maier war an einer jüngst publizierten Studie im "Journal of Neuroscience" beteiligt, in der die Wirkung des Oxytocins auf die Flirtaktivität des Mannes untersucht wurde. Die Forscher verabreichten insgesamt 57 erwachsenen männlichen Probanden entweder Oxytocin oder Placebo in Form von Nasenspray. Dann trat eine attraktive Wissenschaftlerin als Experimentatorin auf. Die Probanden gingen auf sie zu und blieben im Schnitt in einem Abstand von etwa 60 Zentimetern vor ihr stehen, mal mehr oder mal weniger nah.

Gute Orgasmen sind beste Voraussetzung für stabile Partnerschaft

"Das Oxytocin wirkte hier als Treuehormon", fasst Mitautor René Hurlemann aus Bonn das Ergebnis zusammen. Männer mit Partnerinnen gingen auf Distanz zur attraktiven Forscherin. Single-Männer und unbehandelte Kontrollpersonen unterlagen indes der sexuellen Anziehungskraft der Experimentatorin.

Nun ist der Botenstoff Oxytocin sehr flüchtig, und es stellt sich die Frage, ob Orgasmushormone auch Nachhaltigkeit in der Partnerbindung erzeugen können. Diese Frage kann bejaht werden, denn ein weiterer Vorgang, den der Orgasmus mit sich bringt, ist ein Ausstoß des Hormons Prolaktin. Es ist das Befriedigungshormon. Es sorgt dafür, dass Männer nach dem Sex einschlafen – oder es zumindest gerne tun würden – und dass Frauen sich anschließend in die Arme des Mannes kuscheln. "Und zudem dient Prolaktin der Neurogenese, es lässt die Nerven im Gehirn sprießen", so Huber.

Dass man sich durch emotionale Zustände neuronal verändert, wurde von dem Psychologen Louis Cozolino bewiesen. "Wenn zwei Partner sich monogam verhalten und Orgasmen immer nur miteinander erleben, lernt das Gehirn, diese angenehmen Zustände nur mit dem jeweiligen Partner zu verknüpfen", bestätigt Huber. Daher sind gute Orgasmen die neuroendokrinologische Voraussetzung für eine dauerhafte Partnerschaft.

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