Psychologie
Ein gewisses Maß an Aggressionen ist sehr wertvoll
Wer als Kind oder Jugendlicher häufiger die Erfahrung macht, mit Gewalt seine Ziele zu erreichen, wird sie schwer wieder aufgeben.
Forscher beschäftigen sich seit Langem mit den Auslösern und Folgen von Aggression. So weiß man, dass sie gegen einen anderen umso wahrscheinlicher wird, je wütender man ist und je mehr man eine konkrete Person dafür verantwortlich macht. Die Psychologin Ute Habel vom Uniklinikum Aachen beschäftigt sich damit, was im Gehirn passiert, wenn Menschen aggressiv werden, und sie definiert zwei Typen: Aggression durch Frustration und durch Provokation.
Die Psychologin ließ Versuchspersonen in einem Magnetresonanztomografen aus durcheinandergewürfelten Buchstaben Wörter bilden und zahlte ihnen pro Wort 50 Cent. Allerdings war die Aufgabe manchmal unlösbar, Habel frustrierte die Probanden also und merkte auch noch an: "Andere lösen diese Aufgaben ohne Probleme."
In einer zweiten Studie: die gleiche Aufgabe, aber 80 Cent Abzug für jede falsche Antwort. So provozierte nicht das eigene Versagen den Ärger, sondern die Bestrafung durch einen anderen.
Das Gehirn reagierte gleich. Zum einen reduzierte sich die Aktivität in einer Hirnregion, die eine Art Konfliktmanager und Problemlöser ist. Zugleich kontrolliert es unsere Reaktionen – verminderte Aktivität bedeutet höhere Bereitschaft zu impulsivem Verhalten. Dagegen erhöhte sich die Aktivität in der Amygdala, die Bedrohungen erkennt und Abwehrreaktionen einleitet. Angst und Aggression sind eng mit ihrer Aktivierung verknüpft.
Selbstwert bestimmt das Verhalten
Wenn aus Wut Aggression wird, ändert sich das Muster: Gefühle werden bei Ausübung von Gewalt unterdrückt. Und ein Erfolgserlebnis, das mit Gewalt zusammenhängt, wird anders gespeichert als eines, das ohne Gewalt entsteht. Wir lernen also, wann Gewalt zum Erfolg führt. Wer als Kind oder Jugendlicher häufiger die Erfahrung macht, mit Gewalt seine Ziele zu erreichen, wird sie schwer wieder aufgeben.
Individuelle Eigenschaften haben großen Einfluss auf die Bereitschaft zur Gewalt: erlernte Strategien, Werte und Einstellungen gegenüber anderen, aber auch Persönlichkeitszüge wie Risikobereitschaft, geringes Selbstwertgefühl oder Extraversion. Kommen diese Eigenschaften mit frustrierenden oder provozierenden Alltagssituationen zusammen, zeigen sich große Unterschiede: Was den einen beleidigt, ist für den anderen banal. Und je anonymer das Umfeld und je geringer die möglichen Konsequenzen, desto mehr wird Aggressionen freier Lauf gelassen.
Ein gewisses Maß an Aggression ist sinnvoll. Es dient dem Selbstschutz und hilft, Bedürfnisse durchzusetzen. Menschen, deren Aggressionspotenzial aber sehr hoch liegt, laufen Gefahr, zu Straftätern zu werden. Der Hirnforscher Gerhard Roth unterscheidet dabei drei Typen. Die erste Gruppe hat gelernt, dass Gewalt eine Erfolgsstrategie ist. Die zweite und größte Gruppe fühlt sich schnell bedroht oder abgelehnt und kann Impulse nur schwer kontrollieren. Die dritte Gruppe sind die Psychopathen: Sie werden geplant gewalttätig und dabei oft besonders brutal, sie empfinden kein Mitgefühl und leiden nicht unter Schuldgefühlen.















