15.11.12

Therapien

Disziplin gegen Diabetes

Gegen die Volkskrankheit hilft ein gesunder Lebensstil.

Von Shari Langemak
Foto: dapd

Zwischen 1997 und 2012 stieg der Anteil von Diabetes-Patienten in Deutschland von 5,2 auf 7,2 Prozent an
Zwischen 1997 und 2012 stieg der Anteil von Diabetes-Patienten in Deutschland von 5,2 auf 7,2 Prozent an

Einst bestimmten vor allem Infektionen über die menschliche Gesundheit. Pest, Cholera, Tuberkulose, Grippe – so lauteten die vorrangigen Feinde der Menschen, die ihre durchschnittliche Lebenszeit verkürzten. Auch heute noch töten in Entwicklungsländern vor allem Malaria und bakterielle Durchfallerkrankungen viele Menschen, vor allem Kinder. In Europa sind Keime dank der verbesserten medizinischen Versorgung heutzutage eher nachrangig, zumindest wenn es um die Häufigkeit und die langfristige Beeinträchtigung der Lebensqualität geht.

Statt gegen Bakterien und Viren kämpft der Mensch jetzt vor allem gegen sich selbst und seine schlechten Angewohnheiten. Zunehmender Bewegungsmangel und eine immer ungesündere Ernährung sorgen dafür, dass chronische Krankheiten weiter zunehmen. Der Diabetes mellitus ist ganz vorne mit dabei. Zwischen 1997 und 2012 stieg der Anteil von Diabetes-Patienten in Deutschland von 5,2 auf 7,2 Prozent an, wie eine aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts feststellt. Weltweit sind schätzungsweise schon 346 Millionen Menschen von der verheerenden Stoffwechselstörung betroffen.

Dem kanadischen Arzt Sir Frederick Grant Banting und seinem US-Kollegen Charles Best gelang es 1922 erstmals, Insulin aus Bauchspeicheldrüsengewebe zu gewinnen. Diese Entdeckung rettet bis heute zahlreichen Diabetes-Patienten das Leben. Ihre Bauchspeicheldrüse kann selbst nicht mehr ausreichende Mengen von dem Hormon produzieren. Sie sind auf eine Zufuhr von außen dringend angewiesen, denn das Insulin ist unentbehrlich. Als Schlüsselhormon des Stoffwechsels kurbelt es die Aufnahme von Zucker in Fett- und Muskelzellen an und sorgt dafür, dass deren Energiespeicher wieder gefüllt werden. Mit der Nahrung aufgenommene Glukose wird auf diese Weise schnell wieder aus dem Blut entfernt.

Blutgefäße und Nerven leiden

Verbleibt der Zucker aufgrund eines Insulinmangels für lange Zeit im Blut, fehlt er allerdings nicht nur als Energielieferant der Zellen. Bei dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegeln werden die Gefäße schwer geschädigt. Es kommt zu Ablagerungen an den Gefäßwänden, die zunehmend den normalen Blutfluss behindern. Mediziner sprechen dann von einer sogenannten Angiopathie.

Sie wird je nachdem, welche Art von Gefäß betroffen ist, nochmals in zwei Unterkategorien eingeteilt. Bei der Mikroangiopathie nehmen kleinste Kapillaren in der Niere und in der Netzhaut Schaden. Schlimmstenfalls führt das zum kompletten Nierenversagen und zur Erblindung. Ebenso können die gefährlichen Ablagerungen aber auch innerhalb größerer Gefäße, wie zum Beispiel denen des Herzens und des Gehirns, auftreten. Mediziner nennen das dann Makroangiopathie. Ihre Folgen sind nicht selten tödlich: Schlaganfall und Herzinfarkt.

Eine solche Makroangiopathie kann zwar auch ohne erhöhten Blutzuckerspiegel auftreten. Nur ist sie bei Diabetes eben viel wahrscheinlicher und somit sehr viel häufiger. Diabetes-Patienten erleiden zwei- bis viermal häufiger einen Schlaganfall. Mehr als 60 Prozent aller Patienten, die aufgrund einer behandlungsbedürftigen koronaren Herzerkrankung ins Krankenhaus kommen, leiden unter der Stoffwechselstörung. Wenig besser sieht es im Falle der Mikroangiopathie aus. Diabetes ist hierzulande die häufigste Ursache für eine Erblindung oder ein Nierenversagen mit der Notwendigkeit einer regelmäßigen Blutwäsche (Dialyse). Immerhin können Betroffene aktiv gegen mögliche Komplikationen vorgehen. "Bisherige Studien belegen zweifelsfrei, dass ein gut eingestellter Blutzuckerspiegel das Risiko für Langzeitkomplikationen deutlich reduzieren kann", sagt Karsten Müssig vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Eine hundertprozentige Garantie auf Gesundheit gebe es allerdings nicht, da noch zahlreiche andere Faktoren das Risiko beeinflussen würden.

Genau diese Faktoren möchte Müssig ausfindig machen, in Zusammenarbeit mit vielen weiteren Wissenschaftlern aus ganz Deutschland. Die Deutsche-Diabetes-Studie (DDS) soll zukünftig dabei helfen, eine Diabetes-Erkrankung und deren Folgen besser vorhersagen zu können. Dafür untersuchen die Forscher zurzeit mehrere Hundert Diabetes-Patienten auf mögliche sogenannte Krankheitsmarker – Substanzen, die aufgrund ihrer Konzentration im Körper das Risiko anzeigen. "Wir hoffen, dass wir anhand diverser Biomarker in den nächsten Jahren genauer wissen, wie hoch das individuelle Risiko für schwere Komplikationen ist. Risikopatienten könnten so von Beginn an eine intensivere Behandlung und Betreuung bekommen", sagt Müssig.

Bewegung hilft dem Patienten

Große Hoffnungen hatte man einst in das Genom gesetzt. Könnte man – wie beispielsweise bei vielen Krebsarten – eine ganz bestimmte Krankheitsmutation ausfindig machen, würde eine simple Genomanalyse genügen, um einen Diabetes vorhersagen zu können. Diese Suche war zwar erfolgreich. Nur fand man dabei eben nicht nur eine Mutation, sondern stattdessen viele. Weit mehr als 40 Veränderungen der DNA tragen zur Entstehung der Krankheit bei. Und das auch nur in einem begrenzten Umfang.

Nicht das Erbgut allein, sondern auch zahlreiche Umweltfaktoren sind notwendig, damit ein Mensch erkrankt. "Dieser Umstand hat auch etwas Positives: Fast niemand ist dem Diabetes schicksalhaft aufgeliefert. Mit einem gesunden Lebensstil kann die Krankheit oft verhindert werden, selbst wenn auf genetischer Ebene ein Risiko besteht", sagt Müssig.

Eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung helfen nicht nur dabei, einen Typ-2-Diabetes zu verhindern. Sie sind sogar noch dann von Vorteil, wenn man längst daran erkrankt ist. Wer sich um einen gesünderen Lebensstil bemüht, erreicht oft niedrigere Blutzuckerspiegel mit weniger Medikamenten. Daneben wird der Fortschritt der Erkrankung deutlich verlangsamt. Neue, bessere Wirkstoffe können zwar auch dazu beitragen, einem der zurzeit größten Feinde des Menschen Einhalt zu gebieten. Der weitere Vormarsch des Diabetes kann aber wohl nur durch eins aufgehalten werden: ein bisschen mehr Disziplin.

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