14.11.12

Männergesundheit

Das angeblich starke Geschlecht schwächelt

Männer gehen nicht zum Arzt und sterben früher als Frauen. Doch von vielen Krankheiten bleiben Männer verschont.

Von Jörg Zittlau
Foto: Getty Images

Männer drücken sich häufig vor Vorsorgeuntersuchungen
Männer drücken sich häufig vor Vorsorgeuntersuchungen

Viele Studien zeigen: Das angeblich starke Geschlecht schwächelt. Zu risikofreudig, zu dick, zu anfällig für Drogen und Selbstmorde, zu ignorant und träge, wenn es um Arztbesuche geht. All das verkürzt das Leben – der Mann stirbt hierzulande etwa sechs Jahre früher als die Frau. Höchste Zeit also, so die Forderung der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG), sich von ärztlicher Seite mehr um die Vorsorge der Y-Chromosom-Träger zu kümmern.

So ganz uneigennützig sind diese Forderungen allerdings nicht, denn sie haben neue Marktchancen für Pharma-Industrie und Medizinerschaft im Visier. Die "Ärztezeitung" titelte unlängst: "Gesunde Männer – ein lohnendes Ziel auch für Hausärzte". Bei der DGMG können sich die Mediziner in ein männerspezifisches Vorsorgeprogramm namens "Care 50 Plus" einweisen lassen, die Kosten liegen zwischen 300 und 1200 Euro. Dies sei, so Uwe Höller, der das Konzept mitentwickelt hat, eine lohnende Investition. "Wenn eine Maßnahme dem Patienten klar ist, dann bezahlt er auch dafür."

Und diesen Prozess könne man bei Männern vor allem durch Grafiken und Tabellen anstoßen. Die wissenschaftlichen Daten zeigen nicht nur die spezifischen Brandherde der männlichen Gesundheit, wie etwa Prostata, Leiste und sexuelle Potenz, sondern auch ein deutlich erhöhtes Risiko für Parkinson und Herzinfarkte sowie für Darm- und Lungenkrebs. Andererseits liefern sie aber auch Belege dafür, dass der Mann von vielen Krankheiten verschont wird.

Kaum Magersucht und Bulimie

Etwa vor Blaseninfektionen: Von 50 betroffenen Erwachsenen ist nur einer ein Mann, weil seine Harnwege länger sind als die der Frau. Dadurch müssen Keime eine viel weitere Strecke zurücklegen, bis sie in der Harnblase sind. Essstörungen wie Bulimie und Magersucht kommen bei Frauen fünf Mal so oft vor wie bei Männern. Einen der Gründe für diesen Unterschied ermittelte unlängst die Kooperative Gesundheitsforschung in Augsburg: Männer sind generell zufriedener mit ihrem Körpergewicht. Vor allem dann, wenn sie über wenig Bildung und Einkommen verfügen. Von diesen Männern leidet nicht einmal jeder Zweite unter seinen Fettdepots, während bei den Frauen – unabhängig vom Sozialstatus – fast 80 Prozent besser heute als morgen abspecken wollen. Noch besser als mit ihren Fettpolstern kommen Männer allerdings mit ihrer Ehe zurecht.

Sie bringt ihnen, zumindest in westlichen Industrienationen, acht zusätzliche Lebensjahre. Und im Folgejahr eines Herzinfarkts haben Ehemänner eine doppelt so hohe Überlebenschance wie ihre ledigen Geschlechtsgenossen. Frauen hingegen versinken nach ihrer Hochzeit manchmal in Alkoholsucht und Schwermut. "In unglücklichen Ehen werden sie drei Mal so oft depressiv wie die unglücklich verheirateten Männer", warnt Lori Greene vom amerikanischen Psychologenverband. Wobei das natürlich nicht nur daran liegen könnte, dass Männer eine Ehe besser ertragen, sondern auch daran, dass sie ihre Ehefrau öfter krank machen, als es umgekehrt der Fall ist.

Insgesamt muss man Männern, so zeigt es eine aktuelle Studie der Universität Freiburg, eine ziemliche Robustheit im Umgang mit Stress bescheinigen. Davon, dass sie unter Druck besonders schnell aggressiv werden, könne keine Rede sein, betont Studienleiter Markus Heinrichs. "Auch sie zeigen soziales Annäherungsverhalten als unmittelbare Konsequenz von Stress." Also Friedensangebote statt Drohgebärden. Aggressivität als typische Stressantwort des Mannes scheint nur eine Legende zu sein. Keine Legende ist dafür sein dickeres Fell: Er leidet nur halb so oft an Nesselsucht und atopischen Ekzemen wie die Frau. Die Ursachen dafür sind unklar. Sicher ist nur, dass der Schutzeffekt nicht vom Testosteron kommt. Denn sofern Männer an der Haut erkranken, dann sind es meistens ausgerechnet diejenigen, in denen besonders große Mengen des androgenen Hormons kursieren.

Häufiger Gicht und Herzprobleme

Doch bei anderen Krankheiten bietet Testosteron sehr wohl einen wirksamen Schutz, zum Beispiel beim Knochenschwund der Osteoporose, von dem Frauen etwa fünf Mal so häufig heimgesucht werden. Außerdem hemmt es, wie Pharmazeuten der Universität Jena herausgefunden haben, die Aktivität von entzündungsfördernden Enzymen. "An Krankheiten wie rheumatoider Arthritis, Schuppenflechte oder Asthma leiden mehrheitlich Frauen", sagt Studienleiter Professor Oliver Werz, Lehrstuhlinhaber für Pharmazeutische Chemie. Mit der entzündungshemmenden Wirkung von Testosteron hätte man nun eine gute Erklärung dafür.

Bei einer anderen Erkrankung des rheumatischen Formenkreises verhält es sich jedoch umgekehrt: Die Gicht trifft Männer zehn Mal so häufig wie Frauen. Dies liegt aber nicht am Testosteron, sondern daran, dass Männern die Östrogene fehlen. Dadurch fehlt ihnen ein natürlicher Puffer für die Harnsäurewerte, den sie nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Fleischkonsums dringend nötig hätten. Nach den Wechseljahren geht freilich auch den Frauen der Östrogenschutz verloren – und dann ist ihr Gichtrisiko ähnlich hoch wie das des Mannes.

Männer und Frauen unterscheiden sich auch als Ärzte: Eine Studie der Charité zeigt, dass Ärztinnen gegenüber Patienten positiver sind, mehr Fragen stellen und mehr Informationen geben. Außerdem verordnen sie weniger Schmerzmittel und Psychopharmaka als ihre männlichen Kollegen. Bei denen ist die Chance auf ein Medikament tatsächlich ungefähr ein Drittel höher. Reine "Männerärzte" gibt es allerdings als Facharztbezeichnung nicht, im Gegensatz zum Frauenarzt. Dem Oberlandesgericht Hamm gemäß soll diese Bezeichnung dem Patienten eine Kompetenz auf dem Gebiet typischer Männererkrankungen vortäuschen. Die eigentlich für dieses Gebiet zuständigen Ärzte sind der Androloge und – im etwas weiteren Sinne, weil er sich auch mit den Harnwegen beschäftigt – der Urologe.

Nichtsdestoweniger kann man auf www.maenneraerzte.de nach "Fachärzten für Männergesundheit" suchen. Betreiber dieser Website ist aber der Pharma-Konzern, bei dem das Potenzmittel Levitra hergestellt wird. Eine weitere Männerarzt-Suchmaschine findet sich auf www.mann-und-gesundheit.com, der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Als deren Geschäftsstelle fungiert die PR-Agentur Medandmore in Bad Homburg. Sie führt in ihrer Kundenliste das Pharma-Unternehmen Pfizer, den Hersteller des Potenzmittels Viagra.

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  • Kita

    Wie bringt man Männer dazu, mehr für ihre Vorsorge zu tun, fragen sich Gesundheitsexperten und fordern, früh im Leben der Männer anzusetzen. Geschulte Pädagogen sollten in Kitas und Schulen „jungensensibel“ auf die Jugend einwirken, wie Andreas Haase vom Netzwerk für Männergesundheit sagt. Auch bei jungen Vätern könne man gut ansetzen oder bei der betrieblichen Gesundheitsförderung.

  • Benachteiligungen

    Von der Erziehung der Jungen in der Kita, über das schulische Lernen bis zur betrieblichen Gesundheit und der Altersversorgung gebe es männerspezifische Benachteiligungen, sagt hingegen der Berliner Androloge Professor Lothar Weißbach. Bisherige Gesundheitsangebote bevorzugten die Frau, weil sie weder die Arbeitswelt noch die Psyche des Mannes berücksichtigten. Der Mann sei aber keineswegs „Gesundheitsidiot“, die Angebote seien für ihn nur unpassend.

  • Selbermacher

    Manche niedergelassene Ärzte sehen das kritischer: Männer seien laienhafte Selbermacher. Sie versorgten sich mit Pillen und kurierten in Eigenregie an sich herum, um dann oft zu spät einen Mediziner aufzusuchen. Demnach mangelt es am Gesundheitsbewusstsein.

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