13.11.12

Geburten

Risiko Kaiserschnitt

Oft fällt die Kaiserschnitt-Entscheidung leichtfertig.

Von Shari Langemak
Foto: dapd

Mehr als ein Drittel aller Schwangerschaften endet mittlerweile mit einem Kaiserschnitt
Mehr als ein Drittel aller Schwangerschaften endet mittlerweile mit einem Kaiserschnitt

Die Vorstellung einer Bauchoperation ist den meisten Menschen unangenehm. Doch die Zahl der Kaiserschnitte wird oft als angenehme und risikofreie Alternative zur natürlichen Geburt verklärt. In manchen Regionen Deutschlands scheint die geplante Geburt geradezu im Trend zu liegen: So bekommt in Landau (Pfalz) mehr als jede zweite Schwangere einen Kaiserschnitt – drei Mal so häufig, wie es in Dresden der Fall ist. In Zusammenarbeit mit der Barmer GEK hat die Bertelsmann-Stiftung nun regionale Unterschiede dokumentiert. Auf www.faktencheck-kaiserschnitt.de können werdende Mütter ab Dienstag nachlesen, wie oft im jeweiligen Landkreis das Skalpell gezückt wird – und was die Gründe dafür sein könnten.

Zumindest der durchschnittliche Anstieg der Kaiserschnittrate ist kein Geheimnis: Sie stieg in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent an. Damit endet heutzutage mehr als ein Drittel aller Schwangerschaften mit einem Kaiserschnitt. Die Begründung: Werdende Mütter seien im Durchschnitt älter, die Babys schwerer und die Anzahl der Früh- und Mehrlingsgeburten würde kontinuierlich zunehmen.

Falsch sind diese Trends nicht, nur genügen die Fakten nicht, um den steilen Anstieg und die regionalen Unterschiede zu erklären. Die Gesundheitswissenschaftler haben deswegen genauer hingeschaut. Unter Verdacht stand etwa ein finanzielles Motiv, denn ein Kaiserschnitt bringt der Klinik mehr Geld. Die Analyse ergab jedoch, dass sich ein Kaiserschnitt nicht unbedingt auszahlt. Derzeit könne diesbezüglich keine eindeutige Aussage getroffen werden, sagen die Forscher.

Wenig Erfahrung = oft Kaiserschnitt

Etwas anders sieht es bei organisatorischen Anreizen aus, denn: Ein Kaiserschnitt ist planbar, eine vaginale Geburt dagegen kaum. Ist die Abteilung knapp besetzt und das Personal in Notfallsituationen unerfahren, könnte die Entscheidung für das Skalpell leichter getroffen werden. Die Auswertung legt das nahe: Helfen externe Ärzte in Kliniken Kindern auf die Welt (Belegärzte), werden deutlich häufiger Kaiserschnitte durchgeführt als durch Mediziner der Fachabteilungen. Dennoch sind nur neun Prozent der regionalen Unterschiede auf solche Strukturen zurückzuführen.

Die Untersuchung konnte einen anderen, maßgeblichen Faktor identifizieren: Bei einer "weichen" Indikation, wenn ein Kaiserschnitt also nicht zwingend notwendig ist, entscheiden Gynäkologen unterschiedlich. Wenn sich eine Schwangere etwa stark vor Schmerzen oder Komplikationen einer natürlichen Geburt fürchtet, könnte ihr in Bayern häufiger zu einem Kaiserschnitt geraten werden als in Sachsen. Die Analyse bestätigte dies. "Nur zehn Prozent der Kaiserschnitte erfolgen aufgrund einer tatsächlichen Gefährdung von Mutter oder Kind", sagt Petra Kolip von der Universität Bielefeld, die die Daten zusammen mit dem IGES Institut in Berlin analysierte. Angst ist allerdings bei Weitem nicht der häufigste Grund.

Auch wenn die Schwangere bereits einen Kaiserschnitt hinter sich hat, raten viele Frauenärzte pauschal zu einer Wiederholung beim nächsten Kind. Nicht völlig grundlos: Die Mediziner fürchten ein Aufplatzen der Narbe bei der Geburt – eine lebensbedrohliche Komplikation für Mutter und Kind. Doch diese Komplikation tritt tatsächlich sehr selten auf, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt daher, eine vaginale Geburt zu versuchen.

Folgen des Kaiserschnitts bedenken

Manche werdende Mutter mag fragen, ob selbst eine sehr seltene Komplikation nicht besser mit allen Mitteln umgangen werden sollte. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Der Kaiserschnitt selbst hat auch viele Kehrseiten. Zwar sei die Zahl der Komplikationen gesunken, trotzdem handle es sich um einen großen Eingriff, sagt Kolip. "Allerdings sind sich viele Frauen der Folgen eines Kaiserschnitts nicht bewusst, und die Ärzte klären hierüber auch nicht gut auf." Die möglichen Folgen gehen weit über den Wundschmerz hinaus. Schon nach einer natürlichen Geburt haben Frauen ein gesteigertes Risiko, eine Thrombose oder eine Lungenembolie zu bekommen, denn jede Schwangerschaft wirkt sich auf das Gerinnungssystem der Mutter aus. Durch einen Kaiserschnitt steigt dieses Risiko weiter an.

Auch die Meinung, die Operation sei für das Baby von Vorteil, wurde widerlegt. Kaiserschnittkinder bekommen häufiger immunitätsbedingte Erkrankungen. Bei ihnen ist das Risiko, später an Diabetes, Allergien, Asthma oder eine Weizen-Überempfindlichkeit (Zöliakie) zu erkranken, deutlich erhöht. Noch bedeutsamer dürfte allerdings der Einfluss auf die Familienplanung sein. Gerade Frauen, die sich viele Kinder wünschen, sollten nicht unbedacht einen Kaiserschnitt erwägen: "Durch die Narbe ist die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter häufig beeinträchtigt", warnt Kolip.

Darüber hinaus kann das Wachstum des Mutterkuchens (Plazenta) gestört sein. Sie versorgt den Embryo mit Nährstoffen und Sauerstoff. Wächst die Plazenta an einer falschen Stelle, können schwere Blutungen entstehen – eine lebensbedrohliche Situation für Mutter und Kind.

Umfassende Beratung

Lebensbedrohliche Situationen können allerdings auch entstehen, wenn ein notwendiger Kaiserschnitt unterbleibt, etwa wenn das Kind bei der Geburt quer im Becken liegt. Doch die meisten Kaiserschnitte erfolgen eben nicht in solchen Akutsituationen, sondern aufgrund relativer Indikationen, die lange vor der Geburt bestehen. Den meisten Schwangeren bleibt also viel Zeit, genau über das Für und Wider eines Kaiserschnitts nachzudenken. "Aber nur wenn Schwangere umfassend beraten werden, können sie dabei auch die richtige Entscheidung treffen", erklärt Kolip.

Zu einer besseren Beratung könnte vor allem eine Leitlinie der Fachgesellschaften beitragen. Zurzeit fehlt es aber noch an gesicherten Empfehlungen für jede mögliche Komplikation. Die Weiterentwicklung der Leitlinien, so die Bertelsmann-Stiftung, könnte Ärzten mehr Sicherheit bieten und ein besseres Informationsangebot für Schwangere ermöglichen.

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