11.11.12

Gesundheit

Krankheiten, vor denen Männer gewappnet sind

Männer sterben hierzulande zwar sechs Jahre früher als Frauen – doch dafür sind sie mit sich zufrieden und reagieren robuster bei Stress. Dank Testosteron geht so manche Krankheit an ihnen vorbei.

Foto: dpa Themendienst

Viele Männer scheuen den Gang zu Vorsorgeuntersuchungen und beschäftigen sich auch sonst nicht allzu viel mit ihrer Gesundheit
Viele Männer scheuen den Gang zu Vorsorgeuntersuchungen und beschäftigen sich auch sonst nicht allzu viel mit ihrer Gesundheit

Der Berliner Tag der Männergesundheit am 24. Oktober brachte es wieder auf den Punkt: Das angeblich starke Geschlecht schwächelt. Zu risikofreudig, zu dick, zu anfällig für Drogen und Selbstmorde, zu ignorant und träge, wenn es um Arztbesuche geht. All das verkürzt das Leben – der Mann stirbt hierzulande etwa sechs Jahre früher als die Frau.

Höchste Zeit also, so die Forderung der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG), sich von ärztlicher Seite mehr um die Vorsorge der Y-Chromosomen-Träger zu kümmern. So ganz uneigennützig sind diese Forderungen allerdings nicht, denn sie haben neue Marktchancen für Pharma-Industrie und Medizinerschaft im Visier.

Die "Ärztezeitung" titelte unlängst: "Gesunde Männer – ein lohnendes Ziel auch für Hausärzte." Bei der DGMG können sie sich in ein männerspezifisches Vorsorgeprogramm namens "Care 50 Plus" einweisen lassen, die Kosten liegen zwischen 300 und 1200 Euro. Dies sei, so Uwe Höller, der das Konzept mitentwickelt hat, eine lohnende Investition. "Wenn eine Maßnahme dem Patienten klar ist, dann bezahlt er auch dafür."

Die Brandherde der männlichen Gesundheit

Und diesen Prozess könne man bei Männern vor allem durch Grafiken und Tabellen anstoßen. Die wissenschaftlichen Daten zeigen nicht nur die spezifischen Brandherde der männlichen Gesundheit, wie etwa Prostata, Leiste und sexuelle Potenz, sondern auch ein deutlich erhöhtes Risiko für Parkinson und Herzinfarkte sowie für Darm- und Lungenkrebs.

Andererseits liefern sie aber auch Belege dafür, dass der Mann vor vielen Krankheiten verschont wird. Wie etwa vor Blaseninfektionen: Von 50 betroffenen Erwachsenen ist nur einer ein Mann, weil seine Harnwege länger sind als die der Frau. Dadurch müssen Keime eine viel weitere Strecke zurücklegen, bis sie endlich in der Harnblase sind.

Essstörungen wie Bulimie und Magersucht kommen bei Frauen ebenfalls häufiger vor, nämlich fünf Mal so oft. Einen der Gründe für diesen Unterschied ermittelte unlängst die Kooperative Gesundheitsforschung in Augsburg: Männer sind generell zufriedener mit ihrem Körpergewicht. Vor allem dann, wenn sie über wenig Bildung und Einkommen verfügen. Von diesen Männern leidet nicht einmal jeder Zweite unter seinen Fettdepots, während bei den Frauen – unabhängig vom Sozialstatus – fast 80 Prozent besser heute als morgen abspecken wollen.

Ehe bringt acht zusätzliche Lebensjahre

Noch besser als mit ihren Fettpolstern kommen Männer mit ihrer Ehe zu Recht. Sie bringt ihnen, zumindest in westlichen Industrienationen, acht zusätzliche Lebensjahre. Und im Folgejahr eines Herzinfarkts haben Ehemänner eine doppelt so hohe Überlebenschance wie ihre ledigen Geschlechtsgenossen.

Frauen hingegen versinken nach ihrer Hochzeit oft in Alkoholsucht und Schwermut. "In unglücklichen Ehen werden sie drei Mal so oft depressiv wie die unglücklich verheirateten Männer", warnt Lori Greene von der American Psychological Association.

Wobei das natürlich nicht nur daran liegen könnte, dass Männer eine Ehe besser ertragen, sondern auch daran, dass sie ihre Ehefrau öfter krank machen, als es umgekehrt der Fall ist. Insgesamt aber muss man Männern schon, so zeigt es eine aktuelle Studie der Universität Freiburg, eine ziemliche Robustheit im Umgang mit Stress bescheinigen.

Davon, dass sie unter Druck besonders schnell aggressiv werden, könne keine Rede sein, wie Studienleiter Markus Heinrichs betont. "Auch sie zeigen soziales Annäherungsverhalten als unmittelbare Konsequenz von Stress". Also Schmusekurs und Friedensangebote anstatt Gewalt und Drohgebärden. Ob der Mann dieses Reaktionsmuster schon seit der Steinzeit besitzt oder aber erst durch die Zivilisation erworben hat, ist offen.

Die Mär von der Aggressivität als Stressantwort des Mannes

In jedem Fall aber ist die Aggressivität als typische Stressantwort des Mannes nichts als eine Legende. Keine Legende ist dafür sein dickeres Fell: Er leidet nur halb so oft an Nesselsucht und atopischen Ekzemen wie die Frau. Die Ursachen dafür sind unklar. Sicher ist nur, dass der Schutzeffekt nicht vom Testosteron kommt. Denn sofern Männer an der Haut erkranken, dann sind es meistens ausgerechnet diejenigen, in denen besonders große Mengen des androgenen Hormons kursieren.

Doch bei anderen Krankheiten bietet Testosteron sehr wohl einen wirksamen Schutz, zum Beispiel beim Knochenschwund der Osteoporose, von dem Frauen etwa fünf Mal so häufig heimgesucht werden. Außerdem hemmt es, wie Pharmazeuten der Universität Jena herausgefunden haben, die Aktivität von entzündungsfördernden Enzymen.

"An Krankheiten wie rheumatoider Arthritis, Psoriasis oder Asthma leiden mehrheitlich Frauen", sagt Studienleiter Oliver Werz. Und mit der entzündungshemmenden Wirkung von Testosteron hätte man nun eine gute Erklärung dafür.

Gicht trifft Männer zehn Mal so häufig wie Frauen

Bei einer anderen Erkrankung des rheumatischen Formenkreises verhält es sich jedoch umgekehrt: Die Gicht trifft Männer zehn Mal so häufig wie Frauen. Dies liegt aber nicht am Testosteron, sondern daran, dass Männern die Östrogene fehlen. Dadurch fehlt ihnen ein natürlicher Puffer für die Harnsäurewerte, den sie nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Fleischkonsums dringend nötig hätten. Nach den Wechseljahren geht freilich auch den Frauen der Östrogenschutz verloren – und dann ist ihr Gichtrisiko ähnlich hoch wie beim Mann.

Übrigens unterscheiden sich Männer und Frauen auch als Ärzte: Eine Studie des Berliner Universitätsklinikums Benjamin Franklin zeigt, dass Ärztinnen gegenüber Patienten positiver sind, mehr Fragen stellen und mehr Informationen geben. Außerdem verordnen sie weniger Schmerzmittel und Psychopharmaka als ihre männlichen Kollegen. Bei denen ist die Chance auf ein Medikament tatsächlich ungefähr ein Drittel höher.

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