17.10.12

"Das perfekte Model"

Warum Model Jennifer Scherman unerwartet starb

Entzündungen des Herzmuskels bleiben oft lange unbemerkt – das macht sie so gefährlich. Jetzt erlag die 20-Jährige ihrem Leiden.

Foto: dpa

Bildhübsch: Jennifer Scherman, bekannt aus der Castingshow „Das perfekte Model“, starb im Alter von 20 Jahren an einer Herzmuskelentzündung
Bildhübsch: Jennifer Scherman, bekannt aus der Castingshow "Das perfekte Model", starb im Alter von 20 Jahren an einer Herzmuskelentzündung

Völlig überraschend reißt er Menschen aus dem Leben: der plötzliche Herztod. Aus scheinbar vollkommener Gesundheit heraus versagt das Herz dabei auf einmal seinen Dienst, nicht selten kommt jede Hilfe zu spät. Bei älteren Menschen ist der Herztod meist Folge eines Herzinfarkts mit schweren Rhythmusstörungen.

Doch auch bei Jugendlichen und Kindern kann der Herzschlag unerwartet außer Kontrolle geraten. Wenn eine Infektionskrankheit auf den Herzmuskel übergreift, kann Kammerflimmern die Folge sein. Diese besonders schwere Herzrhythmusstörung führt innerhalb kürzester Zeit zum Kreislaufstillstand und damit zum Tod. Dieses tragische Schicksal hat jetzt auch Model Jennifer Scherman ereilt.

Die durch die Vox-Castingshow "Das perfekte Model" bekannt gewordene junge Frau verstarb am vergangenen Wochenende in Argentinien an einer durch eine Virus-Infektion hervorgerufene Herzmuskelentzündung, teilte ihr Bruder den Medien mit.

Die junge Frau war erst 20 Jahre alt

Scherman war gerade zu Besuch in der Heimat ihres Vaters. Bei der Vox-Show war die Münsteranerin bis ins Finale gekommen. 2009 hatte sie den Titel "Miss Internet" gewonnen. Bei der Wahl zur "Miss Germany 2010" belegte sie den vierten Platz. Als Vertreterin Argentiniens wurde sie anlässlich der Fußball-WM in Südafrika zudem zur "Miss WM 2010" gekürt. Zum Zeitpunkt ihres Todes war das Modell erst 20 Jahre alt.

So überraschend ihr Tod war – es handelt sich dabei nicht um einen Einzelfall. Eine Herzmuskelentzündung, auch Myokarditis genannt, ist zwar selten, doch wenn man an ihr erkrankt, wird sie häufig zu spät diagnostiziert. Bei knapp einem Fünftel aller Kinder, die einen plötzlichen, unerklärlichen Tod erleiden, wird erst in der Autopsie der Befund "Herzmuskelentzündung" gestellt.

Luftnot, Brustschmerzen, Herzstolpern

Die Tücke der Krankheit liegt in ihren Symptomen – oder eher: in der mangelnden Spezifität ihrer Symptome. "Die virusbedingte Myokarditis ist nicht einfach zu diagnostizieren", sagt Carsten Tschöpe, stellvertretender Direktor der Abteilung für Kardiologie und Pulmologie an der Charité in Berlin. Häufig würden sich die Patienten nicht ausreichend belastbar fühlen und über allgemeine Schwäche klagen. Auch Luftnot beim Treppensteigen, Schmerzen in der Brust und ein spürbares Herzstolpern seien mögliche Schmerzen.

"Das sind Warnhinweise, die im Verlauf dringend weiter abgeklärt werden müssen", sagt Tschöpe. Zu den wichtigsten Untersuchungen gehören hierbei der Herz-Ultraschall und das Elektrokardiogramm, die zumindest eine gestörte Herzfunktion bestätigen können. Eine definitive Diagnose kann jedoch nur mit einer Probenentnahme aus dem Herzmuskel getroffen werden.

Da verminderte Belastbarkeit und allgemeine Schwäche allerdings auf viele Ursachen hindeuten können, müssen oft auch viele weitere Krankheiten abgeklärt werden. Es gibt jedoch einen weiteren Hinweis, der die Diagnose etwas weiter einschränkt: Der Herzmuskelentzündung geht in der Regel eine Infektionskrankheit voraus. Denkbar sind alle möglichen Erreger von Bakterien bis hin zu Parasiten und Pilzen.

Ungünstige Prognose bei 20 Prozent der Patienten

In Deutschland überwiegen jedoch virusbedingte Entzündungen des Herzens. Besonders häufig greifen sogenannte Coxsackie-Viren vom Blut auf den Herzmuskel über. Dieser Übergriff ist aber keine unausweichliche Krankheitsfolge. In den meisten Fällen führen Coxsackie-Viren nämlich nur zu einem einfachen grippalen Infekt mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Und selbst wenn die Erreger bis zum Herzmuskel durchdringen sollten, heilen nach Expertenschätzungen wohl bis zu 80 Prozent der Myokarditiden wieder von selbst aus, ohne dass der Betroffene etwas davon weiß.

Bei den übrigen 20 Prozent ist die Prognose jedoch weniger günstig: "In diesen Fällen kann das Immunsystem die Entzündungsreaktion des Herzens nicht mehr stoppen", sagt Tschöpe. "Das Herz wird dann im weiteren Verlauf immer mehr geschädigt." Da die Patienten oft erst weit nach Abklingen der grippalen Symptome und damit einer schon lange bestehenden Myokarditis zum Arzt gehen würden, sei der Schaden oft zu groß, um ihn wieder ganz beseitigen zu können. "Leider gelingt es nicht immer, die normale Herzfunktion wieder vollständig herzustellen", so Tschöpe.

Völliges Pumpversagen

Tatsächlich ist dies aber noch nicht die schlimmste Folge der Erkrankung, denn die Myokarditis kann auch sehr viel dramatischer verlaufen. Werden große Teile des Herzmuskels auf einmal infiziert, drohen ein völliges Pumpversagen und schwere Herzrhythmusstörungen – ein kardiologischer Notfall. Ist es erst einmal so weit gekommen, kann meist nur noch eine umgehende Intensivtherapie die Patienten retten.

Derartig ernste Verläufe werden allerdings nicht nur mithilfe eines rechtzeitigen Arztbesuchs verhindert. Gegen die rasante Ausbreitung von Erregern im Herzmuskelgewebe hilft vor allem eins: körperliche Schonung. Sport während eines grippalen Infekts ist der maßgebliche Risikofaktor für den schweren Verlauf einer Myokarditis. Deshalb ist jegliche körperliche Belastung während eines Infekts tabu. Wer sich daran hält, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine bleibenden Herzschäden erleiden.

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