04.10.12

Studie über Eunuchen

Kürzere Lebenserwartung könnte an Testosteron liegen

Deutsche Männer sterben fünf Jahre früher als Frauen. Vermutlich ist das auf risikoreiches Verhalten unter der Hormonwirkung zurückzuführen.

Von Shari Langemak
Foto: picture-alliance / Denkou Images

Testosteron sorgt dafür, dass Männer meist mehr Muskeln haben als Frauen. Aber sorgt es auch dafür, dass sie kürzer leben?
Testosteron sorgt dafür, dass Männer meist mehr Muskeln haben als Frauen. Aber sorgt es auch dafür, dass sie kürzer leben?

Breite muskulöse Schultern, voller Bartwuchs und eine sonore Bassstimme – das ist, was sich viele Männer wünschen. Pure, archaische Männlichkeit eben. All diese Merkmale prägt vor allem ein Hormon: das Testosteron. Es sorgt dafür, dass Männer einfach anders als Frauen sind – und zwar nicht nur äußerlich. Testosteron macht Männer risikobereiter und entfacht ihre Lust auf das andere Geschlecht. Es begünstigt aber auch Herzkreislauferkrankungen und schlechte Blutfettwerte, zumindest wenn der Hormonspiegel bestimmte Werte übersteigt. Insbesondere Leistungssportler, die mit Testosteron gedopt haben, müssen mit schlimmen Konsequenzen rechen.

Eine Überdosis des Hormons fördert chronische Krankheiten und verkürzt die Lebenszeit. Das ist unbestritten. Unter Experten heftig diskutiert wird hingegen, ob auch ein normaler, physiologischer Testosteronspiegel bereits negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Männern hat. Ist das Testosteron daran schuld, dass Männer im Schnitt fünf Jahre früher versterben als Frauen?

Eine aktuelle Studie aus Südkorea stützt jedenfalls diese These. Forscher der Inha-Universität in Incheon haben die Lebenserwartung von Kastraten mit der von normalen Männern verglichen. Ihre Erkenntnis: Ohne die baumelnde Männlichkeit lebt ein Mann länger – jedenfalls im Korea des 18. Jahrhunderts. Natürlich musste sich jetzt niemand im Dienste der Wissenschaft kastrieren lassen.

Chronische Krankheiten

Stattdessen griffen die Forscher auf Daten von Männern zurück, die sich einst aus ganz anderen Motiven von ihrer Männlichkeit getrennt hatten. Damals bot die Kastration Aussicht auf ein besseres Leben. Wer sich dafür entschied, durfte der Herrscherfamilie dienen und am Hofe leben. Akribisch verfasste Schriftstücke geben nicht nur über die Lebensumstände am Hofe, sondern auch über Gesundheit und Lebenserwartung der Bediensteten Auskunft.

Genau das machte sich das Team um Kyung-Jin Min zunutze. Die Auswertungen ergaben, dass Männer nach dem Schnitt im Durchschnitt 14 Jahre länger lebten als andere Koreaner, berichten die Forscher im Journal "Current Biology". Die 81 analysierten Eunuchen erreichten im Mittel ein Alter von 70 Jahren, drei wurden sogar älter als 100. Damit sei der Anteil an Hundertjährigen höher als im heutigen Japan und den USA. Die Forscher vermuten daher, dass Testosteron die Lebenserwartung senkt – damals wie heute. Ihr Studienergebnis passe zu der These, dass Androgene den Organismus im Allgemeinen und das Immunsystem im Besonderen schwächen und so der Gesundheit schadeten.

Leben Kastraten länger?

Ein endgültiger Beweis ist diese Studie aber keinesfalls. Gerade in den letzten Jahren häufen sich die Hinweise, dass Testosteron vielmehr ein Lebenselixier ist. Männer, die im Alter einen Mangel an Testosteron haben, erleiden häufiger Depressionen, Knochenbrüche, Muskelschwund und Diabetes. Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher der University of California im kalifornischen La Jolla.

Das Team um Gail Laughlin hatte knapp 800 Männer 18 Jahre lang beobachtet und dabei auch ihren Testosteronspiegel gemessen. Es stellte sich heraus, dass Probanden mit niedrigen Werten mehrfach benachteiligt waren: Gegenüber gesunden Testpersonen litten sie dreimal häufiger unter einem erhöhtem Bauchumfang und einem metabolischen Syndrom, darüber hinaus war ihre Sterberate um ein Drittel höher.

Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie der Universität Münster, warnt jedoch davor, solche Studienergebnisse eindimensional zu betrachten: "Der kranke Körper produziert in der Regel weniger Testosteron als der gesunde. Ob ein frühzeitiger Tod auf den niedrigen Testosteronspiegel – oder nicht eher auf die Grunderkrankung zurückzuführen ist – bleibt bei vielen Untersuchungen nach wie vor unklar", erklärt der Experte. Wenn es unklar bleibt, ob Testosteron gut oder schlecht für die Gesundheit ist, könnte man eine dritte These aufstellen: Das Hormon hat keinen Einfluss auf die Lebenserwartung von Männern. Es gibt tatsächlich eine Studie, die dies nahelegt. Eberhard Nieschlag, Schlatts Vorgänger am Centrum für Reproduktionsmedizin, hat bereits lange vor den Südkoreanern die Lebenserwartung von kastrierten Chorsängern untersucht. Für seine zahlreichen Beiträge zu Testosteronforschung ist er in diesem Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ausgezeichnet worden. Nieschlags Studie fand jedenfalls keinen Überlebensvorteil – weder für kastrierte noch für nicht kastrierte Sänger. Die Männer aus beiden Gruppen wurden etwa gleich alt. "Wir waren damals selbst überrascht, dass wir keine Unterschiede in der Lebenserwartung gefunden haben", sagt Nieschlag.

Zwei sehr ähnliche Studien liefern also völlig andere Ergebnisse. Wie kann das sein? Der Experte erklärt, dass die beiden Untersuchungen nur auf dem ersten Blick ähnlich seien. So seien die koreanischen Kastraten bereits vor dem großen Eingriff gesünder als die deutschen gewesen. "Die Koreaner wurden erst im Erwachsenenalter kastriert", so Nieschlag, "und nur fitte Männer überlebten eine derartig blutige Operation."

Darüber hinaus hätten sie einen weiteren Überlebensvorteil gegenüber der Vergleichsgruppe besessen: Die Eunuchen am Hof hätten einen hohen Lebensstandard genossen und seien nicht in kriegerische Aktivitäten verwickelt gewesen. "Ich halte es für falsch, ihre Lebenserwartung einfach mit jener der Allgemeinbevölkerung oder übriger Höflinge zu vergleichen, wie es die südkoreanischen Forscher getan haben."

Hormon steuert das Verhalten

Dagegen hatte Nieschlag zwei wirklich ähnliche Gruppen miteinander verglichen: Chorsänger mit und ohne Testosteron-produzierende Hoden. "Beide Studiengruppen hatten sehr ähnliche Lebensbedingungen, insbesondere den gleichen Beruf mit den selben Strapazen", erläutert der Forscher.

Auch wenn sich über die Aussagekraft der südkoreanischen Studie trefflich streiten lässt, so bleibt doch ein Fakt: Frauen leben länger als Männer. Wenn das Testosteron unschuldig sein sollte, wer ist dann der Übeltäter? Möglichweise der Mann selbst, zumindest wenn er seinem klassischen Rollenverständnis folgt. "Die Lebenserwartung ist nicht nur von inneren, sondern maßgeblich auch von äußeren Faktoren abhängig. Männer ziehen in den Krieg, Männer bringen sich öfter um und Männer sind risikobereiter", sagt Schlatt. All das führe eben dazu, dass Frauen im Mittel ein höheres Lebensalter als Männer erreichen.

Damit wäre das Testosteron aber doch nicht ganz unschuldig – schließlich scheint das Männlichkeitshormon riskantes Verhalten zu fördern. Doch hilflos seinem Hormonhaushalt ausgeliefert, ist der Mann auch nicht. Wer lange leben möchte, muss nicht auf seine Männlichkeit verzichten – sondern "nur" auf Alkohol, Zigaretten, gefährliche Mutproben und die Scheu vor Vorsorgeuntersuchungen.

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