Virus
Eine Herpesinfektion hat viele Gesichter
Herpesviren verursachen nicht nur Bläschen am Mund. Sie bedrohen das gesamte Immunsystem.
Geben Sie doch den alten Römern die Schuld. Hätten die sich ans Gesetz gehalten, müssten Sie jetzt nicht bei jedem Kuss um Herpes bangen. Schon vor 2000 Jahren hatte der Kaiser Tiberius erkannt, dass Küssen zu unappetitlichen Bläschen führen kann. Damals breitete sich der Virus – noch völlig unerkannt – rasant aus. Der Kaiser erließ kurzerhand ein Kussverbot für öffentliche Veranstaltungen. Gehalten hat sich daran vermutlich kaum jemand.
Während man im alten Rom nichts über die Verursacher wissen konnte, haben heutige Wissenschaftler die Herpesviren genauestens untersucht. Sie fanden heraus, dass die Viren die meiste Zeit ihres Daseins in einem inaktiven Stadium in unserem Körper weilen – ohne dass sie äußerlich sichtbar wären. Sind sie erst einmal über die Schleimhäute in den Körper eingedrungen, so wandern sie entlang von sensiblen Nervenbahnen zu den Knotenpunkten der Nerven, den "Ganglien". Dort können sie überdauern, solange ihr Wirt lebt.
Viele Menschen haben nach einer Infektion erst einmal Ruhe. Denn nur bei manchen treten die Viren aus diesem Ruhezustand wieder in ein aktives Stadium über – immer dann, wenn das Immunsystem gerade schwächelt. Stress, eine Erkältung oder auch nur die Regelblutung können dazu führen, dass die "wiedererwachten" Viren vom Ganglion zurück zur Schleimhaut wandern und dort die unschönen Bläschen hervorrufen.
Prinzipiell kann das Herpes-Simplex-Virus vom Typ 1 alle möglichen Zellen schädigen. Besonders häufig sind allerdings die Mundschleimhaut beziehungsweise der Lippenrand betroffen. Das liegt vor allem daran, dass dieser Virustyp vorzugsweise im "Ganglion trigeminale" überdauert. Dessen Nervenenden enden in der Mundregion. So wandern die Viren vom Mund zum Ganglion – und zurück.
Eine etwas andere Präferenz hat das Herpes-Simplex-Virus vom Typ 2. Es bevorzugt eher Knotenpunkte im Bereich der Lenden und des Kreuzbeins. Seine Reaktivierung verursacht unangenehme Bläschen in der Genitalregion. Beide Typen können auch ganz andere, oft schwerwiegende Erkrankungen auslösen. "In seltenen Fällen kann das Herpes-Simplex-Virus das Gehirn oder die Lunge befallen und schwere Entzündungen verursachen", sagt Elisabeth Märker-Hermann, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Bei dieser Art der Infektion gelangen die Erreger durch die Nase in den Körper und wandern entlang den Geruchsnerven zum Gehirn.
Manchmal ist die Lunge befallen
Schon bei Verdacht auf einen solchen lebensgefährlichen Verlauf sollten Ärzte alle Therapiemittel einsetzen. Immer dann, wenn die zumeist jungen Patienten besonders rasch Fieber entwickeln, unter einem steifen Nacken leiden und schwere neurologische Symptome wie Verhaltens- und Wahrnehmungsstörungen zeigen, ist eine antivirale Behandlung zu erwägen. Erstaunlicherweise ist aber Herpes nicht gleich Herpes. Zur Familie dieser Viren gehört auch das Varizella-Zoster-Virus. Wenn sich Kinder mit ihm infizieren, so bekommen sie die allseits bekannten Windpocken. Die sind zwar sehr unangenehm, aber meist ungefährlich. Mehr Beschwerden bereitet das Virus, wenn Erwachsene an ihm erkranken. Dann sprechen Ärzte von einer Gürtelrose. Denn ähnlich dem Herpes-Simplex-Virus kann auch das Varizella-Zoster-Virus lebenslang in Nervenzellen überdauern.
Immunschwäche als Auslöser
Wird es wieder aktiviert, führt das zu Bläschen an meist ganz anderen Stellen. Klassischerweise zeigt sich die Gürtelrose in einem roten Streifen am Rumpf – und bereitet starke Schmerzen. Effektive Schmerzmittel gehören daher zur Therapie, antivirale Mittel dagegen nicht immer. Diese sind vor allem notwendig, wenn das Virus empfindliche Nerven an Augen oder Ohren befällt. Ohne antivirale Wirkstoffe droht Hör- oder Sehverlust.
Meist ist nicht die Gürtelrose selbst die größte Gefahr, sondern deren Ursache: die Immunschwäche. "Die Gürtelrose ist immer ein Warnzeichen", sagt Märker-Hermann. Dann fahnden die Ärzte nach der Grunderkrankung. An eine solche müssen Mediziner auch denken, wenn das Zytomegalie-Virus bei Erwachsenen Probleme macht. Normalerweise ist diese Herpes-Variante nur für Ungeborene gefährlich. Infiziert sich eine Schwangere, wird er in 40 Prozent der Fälle auf den Fetus übertragen und bedroht diesen mit schweren Fehlbildungen oder einer Fehlgeburt. Infiziert sich dagegen ein gesunder Erwachsener, passiert meist gar nichts. Das Immunsystem sorgt dafür, dass das Virus keinen weiteren Schaden anrichtet.
Ist das Abwehrsystem des Körpers jedoch geschwächt – wie bei einer HIV-Infektion –, hat der Erreger freie Bahn. 15 Prozent der Aids-Patienten leiden an einer schweren Infektion der Netzhaut, die nicht selten zur Erblindung führt. Andere Risikopatienten sind Organtransplantierte. Sie erhalten Medikamente, die zwar die Abstoßung des neuen Organs oft verhindern, dabei aber auch die Abwehr gegen Erreger abschwächen. Wie bei anderen Immungeschwächten kann das Zytomegalie-Virus bei ihnen zu einer schweren Entzündung der Leber oder der Lunge führen. Dagegen tragen etwa 70 Prozent der Erwachsenen das Virus in sich, ohne dass irgendetwas passiert. Zumindest dachte man das bisher. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass das Zytomegalie-Virus das Immunsystem doch noch etwas mehr beschäftigen kann. Braunschweiger Forscher um Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung haben das Immunsystem von Mäusen erforscht – mit und ohne Zytomegalie-Infektion.
Dabei fanden sie, dass die allgemeine Abwehr der infizierten Mäuse mit dem Alter stärker abnahm als die von gesunden Nagern. Ob sich dies auf Menschen übertragen lässt, ist noch unklar. Einen bereits nachgewiesenen Einfluss auf die langfristige Gesundheit hat ein anderer Herpes-Vertreter: Das Epstein-Barr-Virus kann das Risiko für Lymphdrüsenkrebs (Lymphome) erhöhen. Infizieren sich Neugeborene mit dem Virus, haben sie ein höheres Risiko für das Burkitt-Lymphom, ein Tumor, der vor allem in Afrika und Lateinamerika verbreitet ist. Hierzulande ist das Lymphom aber recht selten, auch nach einer Infektion mit dem Erreger.
Tatsächlich infizieren sich mit diesem Herpesvirus auch bei uns vergleichsweise viele Menschen, die Folge ist dann aber das Pfeiffersche Drüsenfieber mit hohem Fieber, Blutbildveränderung und Schwellung der Milz. Dann denken Ärzte sogar oft (fälschlich) an Blutkrebs. Auch das Epstein-Barr-Virus wird durch Küsse übertragen. Ein erneutes Kussverbot ist indes nicht zu erwarten. Denn heute weiß man auch, dass Küssen positive Effekte hat: Es lindert Schmerzen und stärkt das Immunsystem. Wer also ohnehin schon mit den Viren infiziert ist, kann durch Küssen sogar einen erneuten Ausbruch verhindern – aber auch andere anstecken.















