23.08.12

Vorsorge

Wie Sie Krebs erkennen und verhindern können

Wer regelmäßig zur Vorsorge geht, erhöht seine Chancen auf eine Heilung deutlich. Die Untersuchungen zahlt meist die Krankenkasse.

Von Shari Langemak
Foto: imago stock&people
Eine Brustkrebs-Vorsorge kann zusammen mit der Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs vorgenommen werden
Eine Brustkrebs-Vorsorge kann zusammen mit der Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs vorgenommen werden

Normalerweise sind Einladungen etwas durchweg Schönes - sogar, wenn es die Veranstaltung selbst nicht ist. Nicht jeder möchte sich über Provokationskunst des 21. Jahrhunderts auf der nächsten Vernissage austauschen, und nicht jeder hat Lust auf den mittlerweile elften Junggesellen-Abschied in diesem Jahr. Macht nichts, kann man ja immer noch absagen.

Das gilt allerdings nicht für jede Einladung. Die künftigen von Daniel Bahr schlägt man besser nicht aus, auch wenn sie keinen Spaß machen. Der Bundesgesundheitsminister möchte zur Früherkennung von Krebs einladen, und zwar im ganz großen Stil. Ab 2016 soll jeder einzelne Krankenversicherte daran erinnert werden, wann die nächste Untersuchung ansteht.

Krebs ist zwar kein schöner Anlass, aber ein notwendiger. Hierzulande stirbt jeder Vierte daran, trotz oder gerade wegen des medizinischen Fortschritts. Denn je älter wir werden, umso höher ist auch das Risiko, einen bösartigen Tumor zu bekommen. Während sich der Risikofaktor "Alter" kaum beeinflussen lässt, kann man zumindest auf anderem Weg etwas für seine Gesundheit tun.

Vorbeugung und Früherkennung

Die Krebsvorsorge umfasst zwei grundsätzliche Maßnahmen: Vorbeugung und Früherkennung. "Die beiden Begriffe werden oft verwechselt", sagt Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Dabei hätten beide Maßnahmen eigentlich ganz unterschiedliche Ziele.

"Mit der Vorbeugung soll eine Krebserkrankung bestenfalls verhindert werden. Sie umfasst zum Beispiel gesunde Ernährung und Rauchverzicht. Die Früherkennung dagegen soll eine bereits entstandene Krebserkrankung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt feststellen", erklärt Wörmann.

Doch nicht jeder Tumor eignet sich zur Früherkennung. Bisher wird nur für sechs Krebserkrankungen eine entsprechende Untersuchung empfohlen: Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, Hautkrebs, Darmkrebs, Prostatakrebs und Lungenkrebs.

Heilung in frühem Stadium möglich

Allen Tumorarten ist gemein, dass sie im frühen Stadium noch geheilt werden können. Bald darauf aber schon nicht mehr. Deshalb ist es wichtig, genau dann zur Früherkennung zu gehen, wenn es ärztlich empfohlen wird - und nicht erst ein paar Jahre später. Die vorgeschriebenen Untersuchungen nehmen zwar mit steigendem Alter zu, aber auch schon in jungen Jahren sind einige davon notwendig.

Am frühsten wird der Besuch beim Frauenarzt empfohlen. Ab dem 20. Lebensjahr sollten bei allen Frauen Abstriche vom Gebärmutterhals entnommen werden. Die empfindliche Übergangszone zwischen der Schleimhaut der Scheide und jener der Gebärmutter ist besonders für bösartige Zellveränderungen gefährdet. Kommt noch die Infektion mit dem weit verbreiteten HP-Virus hinzu, kann daraus eine bösartige Mutation entstehen. Möglicherweise mutierte Zellen werden mit dem Abstrich entnommen und unter dem Mikroskop sichtbar gemacht - bestenfalls noch bevor daraus ein Tumor entsteht.

Mammografie für 70-Jährige

Noch beim selben Arzttermin können Frauen gleich weiter vorsorgen. Auch die Tastuntersuchung der Brust und Achselhöhlen gehört ab 30 Jahren zum Programm. Sie ist nur einer von drei Pfeilern der Brustkrebsvorsorge. Die anderen beiden werden durch das selbstständige Abtasten zu Hause und die röntgenologische Untersuchung, die Mammografie, gebildet.

Im Gegensatz zu der Tastuntersuchung wird die Mammografie allerdings nur zwischen dem 50. und dem 69. Lebensjahr erstattet - eine Bestimmung, die von Experten teilweise sehr kritisch gesehen wird. "Warum soll die 71-Jährige, die oft noch 20 Jahre zu leben hat, die Mammografie nicht erstattet bekommen?", fragt auch Wörmann. Er plädiert dafür, die Grenze ins höhere Lebensalter zu verschieben.

Für die Hautkrebs-Früherkennung gibt es dagegen keine Altersgrenze. Ab dem 35. Lebensjahr bekommen Männer wie Frauen alle zwei Jahre eine gründliche Untersuchung der Muttermale erstattet. Zum Glück. Denn Neuerkrankungen an Hautkrebs nehmen leider immer weiter zu. 26.000 Deutsche erkranken jährlich neu am schwarzen Melanom, rund 3.000 versterben daran.

Tückischer Hauttumor

Grund ist oft unzureichender Sonnenschutz bei hoher UV-Belastung. Die UV-Strahlen schädigen das Erbgut von Hautzellen, die daraufhin entarten und tumorös wachsen können.

Hat sich erst einmal ein Hauttumor gebildet, bleibt meist nur wenig Zeit: Maligne Melanome neigen tückischerweise dazu, besonders früh zu metastasieren. Die Tumorzellen werden dann in alle möglichen Organe des Körpers verstreut, wo sie auch noch Jahre später Metastasen bilden können. Die frühzeitige Entdeckung eines Hauttumors ist daher besonders entscheidend: Je früher er festgestellt wird, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er bereits gestreut hat.

Das Risiko für Metastasen ist beim Prostatakrebs glücklicherweise deutlich geringer. In Sachen Früherkennung ist er dennoch sehr bedeutsam, denn der Prostatakrebs ist immer noch der häufigste bösartige Tumor des Mannes. 67.000 deutsche Männer erkranken jährlich daran.

Nicht immer ein Todesurteil

Ein Todesurteil ist das allerdings nicht immer. "Es gibt Patienten, bei denen der Prostatakrebs nur sehr langsam wächst. Gerade beim Erkrankungsbeginn im hohen Alter ist dann die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie an etwas anderem als dem Prostatatumor versterben", sagt Wörmann.

Doch nicht jeder Tumor wächst langsam. Auch beim Prostatakrebs gibt es aggressive Formen, die sehr viel schneller gefährlich werden können. Sie werden am besten mit Hilfe der rektalen Untersuchung erkannt. Sie wird für jeden Mann ab 45 Jahren von der Krankenkasse erstattet - im Gegensatz zum "PSA-Test".

Diese Blutuntersuchung testet auf das sogenannte Prostata-spezifische Antigen. Dieses Enzym wird verstärkt von Prostatatumoren produziert, aber auch von gesundem Prostatagewebe. Noch sind sich die Experten daher uneins, ob die Blutuntersuchung tatsächlich Sinn macht. Unstrittig wirksam hinsichtlich der Früherkennung ist bisher allein die rektale Untersuchung - auch wenn diese nur sehr ungern von Patienten wahrgenommen wird.

Geringe Akzeptanz der Untersuchung

Ebenso unbeliebt ist auch eine der wichtigsten Früherkennungsmaßnahmen überhaupt: die Darmkrebsvorsorge. Dabei können mit der Darmspiegelung nicht nur Tumore schon früh entdeckt werden. Die Untersuchung dient auch der Entfernung sogenannter Polypen. Hierbei handelt es sich um kleine Geschwulste der Darmschleimhaut, die zwar selbst noch nicht bösartig sind, aber zumindest nach einiger Zeit häufig entarten. Denn Dickdarmtumore entstehen oft über Jahre und werden erst spät zum Problem - dann allerdings zu einem lebensbedrohlichen.

Doch obwohl viele bereits um die Gefahr wissen, schrecken sie immer noch vor der zugegebenermaßen unangenehmen Untersuchung zurück. Und so kommt es, dass trotz guter Vorsorgemöglichkeiten Darmkrebs ist immer noch die zweithäufigste Krebs-Todesursache ist. "Die Akzeptanz der Untersuchung immer noch viel zu gering", warnt Wörmann.

Vorsorge für starke Raucher

Deutlich besser könnte eine Früherkennungsmaßnahme wahrgenommen werden, die vielleicht künftig auch auf dem Vorsorgeplan deutscher Kassen steht. Eine aktuelle Studie aus den Vereinigten Staaten zeigte, dass zumindest Risikopatienten von einer niedrig dosierten Computertomografie (CT) der Lunge profitieren könnten.

Risikopatienten waren in diesem Fall diejenigen, die 30 Jahre lang täglich eine Packung Zigaretten geraucht hatte. Sie erkrankten mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit am bösartigen Lungenkrebs. Wurde dieser jedoch frühzeitig erkannt und entfernt, verbesserte das ihre Überlebenschancen erheblich. Schon jetzt empfiehlt die American Society of Clinical Oncology starken und langjährigen Rauchern, ein niedrig dosiertes Lungen-CT machen zu lassen.

Neue Lösungen nötig

Eine entsprechende Untersuchung ist natürlich auch in Deutschland möglich. Bisher ist sie allerdings keine Kassenleistung "Wir finden, dass man Risikopatienten das niedrig dosierte Lungen-CT empfehlen sollte", sagt Wörmann. Ob man die Untersuchung aber zukünftig nicht nur empfehlen, sondern vor allem auch bezahlen sollte, darüber werden die Krankenkassen selbst noch diskutieren müssen.

Unstrittig ist, dass konsequenter gegen Krebs vorgegangen werden muss. Die steigende Lebenserwartung und die entsprechende Zunahme an Krebskranken erfordern neue Lösungen. Die Einladung zur Früherkennung mag vielleicht ein guter Anfang sein. Für ein gutes Ende muss Gesundheitsminister Bahr aber noch deutlich mehr tun.

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Vermeidbare Auslöser von Krebs
  • Angst vor Krebs

    Krebs führt die Rangliste der Krankheiten an, vor denen die Deutschen am meisten Angst haben. Von 3000 Befragten fürchteten sich 73 Prozent am meisten vor bösartigen Tumoren. Erst danach folgten Unfälle und Demenzerkrankungen. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK.  Dabei haben es viele selbst in der Hand, etwas gegen die Angst und den Krebs zu tun

  • Platz 1: Rauchen

    23 Prozent der Krebserkrankungen bei Männern und rund 16 Prozent bei Frauen sind auf Tabakgenuss zurückführen.

  • Platz 2: Falsche Ernährung

    9 Prozent aller Krebsfälle wären vermeidbar, wenn die Menschen auf die Ernährung achten würden.

  • Platz 3: Übergewicht

    Übergewicht und Fettleibigkeit sollen 5,5 Prozent aller Krebsarten ausmachen.

  • Weitere Auslöser

    Mangelnde Bewegung, Sonnenlicht, Infektionen und Berufsrisiken sind weitere Punkte, die das Risiko für eine Krebserkrankung begünstigen, jedoch zum Großteil beeinflussbar sind.

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