21.08.12

Langzeitstudie

Blutgruppen haben Einfluss auf das Herzinfarkt-Risiko

Offenbar beeinflusst die Blutgruppe das Infarktrisiko. So ist bei Menschen mit AB das Risiko um 23 Prozent erhöht.

Foto: beyond/Junos
Herzinfarkt
Risikofaktor: Die Blutgruppe entscheidet mit darüber, wie groß die Gefahr für einen Menschen ist, an einem Herzinfarkt zu erkranken

Ob der Blutzuckerspiegel von heute Morgen, der Blutdruckwert der vergangenen Woche oder der Cholesterinspiegel im letzten Monat: Viele Patienten können ihre Blutwerte problemlos herunterrattern oder zumindest sehr schnell nachschlagen.

Wer gesund bleiben möchte, muss viele Parameter im Blick behalten, gerade im Alter. Doch während viele Patienten die ständig wechselnden Werte genau kennen, ist ihnen ein konstanter oft unbekannt: ihre Blutgruppe.

Ob nun 0 negativ oder AB positiv, das ist doch eh irgendwie egal, denken sie. Und das glaubten sogar die meisten Ärzte, zumindest bis jetzt. Denn ein Team von Wissenschaftlern der Harvard School of Public Health in Boston will nun herausgefunden haben, dass bestimmte Blutgruppen das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen.

In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Arteriosclerosis, Thrombosis and Vascular Biology" stellen sie eine Langzeitstudie vor, die einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen einer von 0 abweichenden Blutgruppe und dem Auftreten einer koronaren Herzerkrankung nachweisen konnte. Die Ergebnisse sind unter anderem deswegen so wertvoll, weil sie auf einem beeindruckenden Satz von Patientendaten beruhen.

Umfassendes Datenmaterial

Das Team um Studienleiter Lu Qi hat 20 Jahre lang mehr als 62.000 Frauen und mehr als 27.000 Männer untersucht. "Die Daten aus der US-amerikanischen Health-Studie und der Health-Professionals-Studie sind wahrscheinlich die besten, die es zurzeit zu dem Thema gibt", sagt Kardiologe Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. "Zu jedem einzelnen Teilnehmer gibt es ein detailliertes Profil, das über Jahre erhoben worden ist."

Dabei wurden neben der Blutgruppe und dem Auftreten einer koronaren Herzerkrankung auch noch viele weitere Daten erhoben, etwa zum Lebensstil und zur familiären Vorbelastung. Denn eine koronare Herzkrankheit ist immer ein sogenanntes multifaktorielles Geschehen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Verstopfung der kleinen Herzkranzgefäße meist aufgrund vieler Einzelfaktoren entsteht.

Verstopfte Koronargefäße

Ein hoher Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, Rauchen, aber auch das steigende Alter sorgen dafür, dass die Koronargefäße nach und nach immer enger werden und im schlimmsten Fall irgendwann ganz verstopfen. Die Betroffenen erleiden dann einen Herzinfarkt, der häufig tödlich endet.

Deshalb war es so wichtig, dass die US-Forscher die individuellen Risikofaktoren nicht nur notierten, sondern auch in ihre Erhebungen mit einberechneten. Ihre Auswertungen zeigen nun, ob auch die Blutgruppe allein das Risiko für eine koronare Herzerkrankung beeinflusst. Das Ergebnis war überraschend deutlich: Für alle Blutgruppen, die nicht 0 sind, gab es ein signifikant erhöhtes Risiko, allerdings mit unterschiedlichen Abstufungen.

Besonders gefährdet sind demnach Träger der Gruppe AB. Bei ihnen war das Risiko eines Verschlusses der Herzkranzgefäße gegenüber der Blutgruppe 0 um ganze 23 Prozent erhöht. Doch auch Träger der Blutgruppe A oder B allein sind gefährdeter. Sie hatten in der Studie ein um fünf beziehungsweise elf Prozent erhöhtes Risiko. Jetzt sucht die Forschungswelt nach Erklärungen.

Wie genau die Blutgruppe mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängt, das weiß man zwar noch längst nicht. Aber es kursieren schon Hypothesen. So gäbe es Hinweise, dass die Blutgruppe A mit einer Erhöhung des "schlechten" Cholesterins einhergehe, dem sogenannten LDL. Dass ein erhöhter LDL-Spiegel das Herzinfarktrisiko maßgeblich steigert, ist schon lange bekannt. Darüber hinaus seien die Entzündungszeichen bei den Blutgruppen A, B und AB erhöht, was zusätzlich zur Entstehung der Arteriosklerose beitragen könnte.

Eine letzte Hypothese zielt dagegen auf eine ganz bestimmte Eigenschaft ab, die man dem Blut der Gruppe 0 nachsagt. Es soll nämlich weniger vom sogenannten Von-Willebrand-Faktor enthalten – ein Protein, das zur Blutgerinnung beiträgt. Personen mit der Blutgruppe 0 würden deshalb weniger oft Blutgerinnsel entwickeln. "Absolut gesehen sind die Konzentrationsunterschiede aber nur minimal", sagt Gohlke. Bei Studien mit deutlich weniger Teilnehmern wären sie deshalb vielleicht nicht aufgefallen. Doch das sind bisher nur Vermutungen. Es werden noch viele Untersuchungen nötig sein, um die Ergebnisse aus Boston nicht nur zu bestätigen, sondern vor allem auch den biochemischen Hintergrund genau zu klären.

Erhöhte Gefahr erkennen

Die Forscher wollen damit in erster Linie die Prävention verbessern. "Ein Mensch kann seine Blutgruppe zwar nicht ändern, aber unsere Ergebnisse könnten dazu beitragen, dass wir in Zukunft besser verstehen, wer ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt hat", sagt Lu Qi. Und da die koronare Herzkrankheit eben aufgrund vieler Faktoren entsteht, könnten genau diese Risikopersonen dann gezielter einer Erkrankung vorbeugen – indem sie sich gesund ernähren und regelmäßig Sport treiben.

Schon deutlich schwieriger ist die Vorbeugung einer anderen Erkrankung, die wohl ebenso in einem Zusammenhang mit der Blutgruppe steht: der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), weiß von einer Studie zu berichten, die einen Zusammenhang zwischen dem Tumorleiden und der Blutgruppe nachweisen konnte.

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