27.07.12

Transplantation

"Lieber die Lunge eines Rauchers, als gar keine"

Empfänger von Raucherlungen gehen ein hohes Sterberisiko ein. Doch der Zigarettenkonsum des Spenders ist bei Transplantationen kein Ausschlusskriterium. Das sind eher Sucht oder Hepatitis.

Wer eine neue Lunge braucht, darf nicht wählerisch sein. Zu groß ist der Bedarf, zu wenige Organe stehen zur Verfügung. "Es gibt kaum ein 'ideales' Organ", sagt Norman Edelman vom Amerikanischen Lungenverband. Häufig gebe es Einschränkungen, sei es aufgrund des Alters, der Lebensweise, der Todesumstände oder einer Krankheit des Spenders. Dass ein Spender zu Lebzeiten geraucht hat, ist nur ein Punkt – und an sich kein Ausschlusskriterium für eine Transplantation.

"Rauchen beim Spender ist nur ein weiterer Faktor, der berücksichtigt werden muss", erklärt Edelman. "Ich würde lieber die Lunge eines Rauchers nehmen, als gar keine Lunge zu bekommen", bekräftigt auch James Neuberger vom Queen-Elizabeth-Krankenhaus in Birmingham, Autor einer kürzlich auf der Website des Fachmagazins "Lancet" veröffentlichten Studie über Lungen von rauchenden Spendern.

Die Forscher in Großbritannien analysierten Daten aus den Jahren 1999 bis 2010 von 2181 erwachsenen Briten, die auf eine Lungentransplantation warteten. Etwa 40 Prozent der schließlich verpflanzten Lungen kamen von Rauchern.

Sterbewahrscheinlichkeit deutlich höher

Innerhalb von drei Jahren nach der Transplantation lag die Sterbewahrscheinlichkeit für Empfänger von Raucherlungen um 46 Prozent höher als die von Patienten, die Lungen von Nichtrauchern erhalten hatten. Im Vergleich aber zu denjenigen, die weiter auf der Warteliste standen, war ihr Sterberisiko 21 Prozent geringer.

Den Ruf, Lungen von Rauchern als Transplantationsorgane auszuschließen, weisen Neuberger und Kollegen zurück. Damit würde zahlreichen Patienten die Chance auf Hilfe verwehrt bleiben, betont Neuberger.

Wie in Großbritannien und den USA gilt auch in Deutschland: Rauchen an sich bedeutet nicht, dass die Lunge eines Spenders nicht verpflanzt werden kann. "So lange es die Funktionstüchtigkeit nicht einschränkt, ist das kein grundsätzliches Ausschlusskriterium", erklärt Nadine Körner von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Drogenabhängigkeit spricht gegen Organspende

Wichtig ist natürlich, dass das Organ in Ordnung ist. "Die Frage ist unter anderem, wie sehr hat jemand geraucht. Und ob dies die Lunge geschädigt und in ihrer Funktion beeinträchtigt hat", sagt Körner. "Und das wird ja auch entsprechend abgeprüft und transparent weitergegeben."

Die Kriterien für die Organvermittlung ergeben sich zunächst aus den Vorgaben der Bundesärztekammer. Für jedes vermittlungspflichtige Organ gibt es entsprechende Richtlinien. Bei Lungentransplantationen werden als Gründe für eine eingeschränkte Vermittlungsfähigkeit unter anderem bösartige Tumore, Drogenabhängigkeit, Virushepatitis oder Meningitis genannt.

Rauchen an sich zählt damit nicht zu den Einschränkungskriterien - im Einzelfall wird aber natürlich geprüft, ob eine Spendenlunge aufgrund langjährigen Rauchens in ihrer Funktion beeinträchtigt ist.

Zahl der Zigaretten wird abgefragt

Zur allgemeinen Beurteilung der Organqualität kann nach DSO-Angaben das Gespräch mit den Angehörigen und mit den behandelnden Ärzten einen ersten Aufschluss geben. So wird abgefragt, ob und seit wann der Organspender geraucht hat und wie hoch der geschätzte Zigarettenkonsum war. Alle Daten werden an die in den Niederlanden ansässige Stiftung Eurotransplant und darüber an das Transplantationszentrum des infrage kommenden Empfängers weitergegeben.

In wieweit sich das Organ dann tatsächlich für eine Transplantation eignet, wird durch verschiedene Untersuchungen geklärt. Vorgegeben sind verschiedene Laboruntersuchungen, eine Infektionsdiagnostik sowie Untersuchungen per Bronchoskopie und Röntgenaufnahmen. Und erst anhand aller Angaben und Befunde zur Organqualität folgt eine Entscheidung, ob und für wen die Spenderlunge geeignet ist.

Quelle: dapd
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