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24.04.09

Botanik

So viel Medizin steckt in unseren Balkonpflanzen

Hinter unseren Zierpflanzen steckt viel mehr, als wir ahnen – ihre Ahnen stammen aus China, Südamerika, Australien und Afrika: Viele Balkonbewohner kamen ursprünglich nicht wegen ihrer Schönheit zu uns. Vor der Ästhetik stand die Gesundheit. Forscher verfeinern ihre Farben und gewinnen aus ihnen sogar Medizin.

© dpa
Rote Primeln in Freiburg

Ein Blütenmeer vorm eigenen Fenster? Im Frühling werden die Blumenkästen mit allem geschmückt, was duftet und farbenprächtig blüht. Die meisten Pflanzen haben schon eine Weltreise hinter sich, bevor sie europäische Balkone schmücken.


Die Primel beispielsweise ist keineswegs eine urdeutsche Blume. Wilde Primeln sind von Europa bis Ostasien verbreitet – etwa die Hälfte aller Arten kommt aus China. Zahlreiche dieser asiatischen Arten werden in Europa als Zierpflanzen kultiviert und verschönern dann die Balkonkästen. Und inzwischen gibt es nicht mehr nur die klassischen Wildarten, sondern auch seltene veredelte Sorten, häufig auch Hybride, Kreuzungen aus verschiedenen Arten.


In Deutschland begann das große Züchten von Zierpflanzen Mitte des 18.Jahrhunderts. Pflanzen mit großen Blüten wurden mit anderen Großblühern gekreuzt. Rot blühende mit gelben oder blauen. Seitdem entwickeln sich die Zierpflanzenmärkte ständig weiter. Die heute eingesetzten Zuchtmethoden reichen von der klassischen Auslese bis hin zu modernen biotechnologischen und gentechnischen Verfahren.


Aber wie wird aus einem zartgelben Primelchen eine großblütige Farbexplosion? In langwierigen Ausleseprozessen erreichen Züchter durch Neukombination der Gene besondere Pflanzeneigenschaften. So entstehen immer neue Blütenfarben und -formen und höhere Widerstandskraft gegenüber Kälte, Trockenheit oder zu viel Nässe, zu starke oder zu geringe Sonneneinstrahlung.


Die vorwiegend aus Südamerika stammenden Petunien etwa waren 1990 und 1991 Gegenstand der ersten Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland. Die Züchter brachten Petunien dazu, nicht mehr nur rot zu blühen. Sie schleusten mutierte Gene in die Pflanzen ein. Und plötzlich blühten die Nachzuchten lachsrot – sie bildeten den neuen Farbstoff Pelargonidin. Je nach Stärke der Sonneneinstrahlung bildete ein Teil der lachsroten Pflanzen noch einmal andersfarbige Blüten: schwach gefärbt oder rot-weiß gemustert.

Doch woher kommt die Farbenpracht? Wohl nicht zur Freude der Menschen. Bevor Biologen sich an die Entschlüsselung der Farbenpracht machten, versuchte der Volksglaube bereits, sie zu erklären. Die Schlüsselblume, Primula veris, etwa ist dem Namen nach eine Frühlingsbotin: "verum" heißt auf Lateinisch Frühling. Bekannt ist die Blume aber auch als Himmelsschlüssel. Und dieser poetische Name rührt daher, dass Petrus, der Wächter des Himmelsschlosses, einst einen Riesenschrecken erlitt. Er erfuhr, dass sich böse Buben einen Nachschlüssel organisiert hatten. Vor Schreck verlor er seinen Schlüsselbund. Die Schlüssel klirrten auf die Erde hinab und keimten dort zu den ersten Himmelsschlüsseln aus.


Der Poesie zum Trotz haben Wissenschaftler mittlerweile eine ganz andere Erklärung für das ungewöhnliche Blühverhalten der zarten Blumen: Sie sind perfekt an ihre jeweilige Umgebung angepasst. Blütenpflanzen nutzen zur Fortpflanzung meist einen Boten, und lassen sich von Insekten, Vögeln, Fledermäusen oder anderen Kleinsäugern bestäuben.

Und so ist es auch bei den Himmelsschlüsseln. Sie locken mit ihrer Blütenfarbe die landschaftstypischen Bestäuber an: Im Gebirge sind das Schmetterlinge, die gerne rosa, rotviolette und blaue Blüten ansteuern. Im Flachland hingegen müssen die Primeln Bienen statt Falter anlocken, um ihren Pollen zu anderen Blüten transportieren zu lassen. Und da Bienen sich eher von gelben Blüten angezogen fühlen, blühen Flachlandprimeln gelb.


Auch Fuchsien zeigen, wie wichtig der Bestäuber für die Entwicklung der Blütenfarbe war: Sie werden in ihrer mittel- und südamerikanischen Heimat von Kolibris bestäubt. Da Kolibris aber nahezu geruchsblind sind, verschwenden Fuchsien keine Energie auf den Duft. Ihre ganze Kraft fließt in die Farbe ihrer Blüten. Sowohl Kelch- als auch Kronblätter sind kräftig rosa bis leuchtend rot gefärbt. Rot lockt Kolibris ähnlich an wie Menschen. Und so wurden Fuchsien auch in Europa bald zur begehrten Zierpflanze.


Auf ihrem Weg von China, Südamerika, Australien und Afrika in Europas Blumentöpfe und Badewannen spielten früher die Botanischen Gärten eine große Rolle. Zum Beispiel galten und gelten die königlichen Kew Gardens im Südwesten Londons mit ihren riesigen Gewächshäusern zu den ältesten und wichtigsten botanischen Gärten der Welt. Dort wachsen Pflanzen, die es nirgends sonst in Europa oder gar auf der nördlichen Halbkugel gibt.

Viele Balkonbewohner kamen aber nicht nur wegen ihrer Schönheit aus fernen Ländern zu uns. Vor der Ästhetik stand die Gesundheit. Denn Primel, Veilchen und Co. helfen gegen so manche Krankheit. Die Wirkstoffe der Schlüsselblume machen sie zu einer wichtigen Heilpflanze: Primel-Arzneien werden vor allem bei Atemwegserkrankungen eingesetzt. Die Volksmedizin nutzt die Blüte auch als Mittel gegen Kopfschmerzen, Neuralgien und Rheuma.


Schon im Mittelalter war auch das Stiefmütterchen, aus der Artengruppe der Veilchen, eine der großen Arzneipflanzen. Veilchenöl kam bei fast allen äußerlichen Krankheiten und Verletzungen zum Einsatz. Das Kraut der Stiefmütterchen enthält ein natürlich vorkommendes Schmerzmittel, das Salicin. Es besitzt dieselbe Wirkung wie Acetylsalicylsäure, dem Wirkstoff von Aspirin. Ebenfalls schon im frühen Mittelalter wurden chinesische Chrysanthemen als Heilpflanzen verwendet. Die Hangbai-Chrysantheme nutzt man dort auch heute noch für die Herstellung von Arzneimitteln. Aus den Wurzeln der südafrikanischen Pelargonium sidoides, einer Verwandten unserer Geranie, wird heute das immunstärkende Mittel Umckaloabo hergestellt.


Aber nicht nur arzneiliche Eigenschaften machten Pflanzen aus aller Welt schon früh beliebt. Sie werden bis heute auch als Gewürz und in der Aromatherapie verwendet. So zum Beispiel die Tagetes: Verschiedene Arten dieser Blume werden in ihrer mittel- und südamerikanischen Heimat zu Gewürzen und Tee verarbeitet. Ihr Aroma erinnert an Anis. Tagetes-Öle nutzt man für Bade- und Körperöle oder als Grundstoff für die Parfümindustrie. Auch aus Duftgeraniensorten wie der Rosen- oder Zitronenpelargonie wird ätherisches Öl gewonnen.


Doch so hübsch und nützlich die Zierpflanzen auch sind, am Beispiel des Himmelsschlüssels zeigt sich auch das Problem der globalisierten Welt: Der WWF (World Wide Fund For Nature) warnt bereits davor, dass der hohe Bedarf an Primula veris für die medizinische Vermarktung ausnahmslos aus Wildsammlungen gedeckt wird. Ein einziger Händler importiere 10000 Kilogramm Schlüsselblumen pro Jahr, also etwa 30 Millionen Blüten. Die unkontrollierte Nutzung und der Verlust des natürlichen Lebensraumes sei eine wachsende Gefahr, stellt die Umweltschutzorganisation fest. In vielen Gegenden stehen Primeln bereits unter Naturschutz. Und so wird sich Petrus wohl noch ein weiteres Mal erschrecken müssen, damit die Schlüsselblumen nicht wieder von der Erde verschwinden.

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