06.07.12

Schmatz!

Die Evolution bescherte uns den romantischen Kuss

6,4 Kalorien verbraucht ein normaler Kuss pro Minute. Zuweilen schnellt dieser Wert in die Höhe – beispielsweise beim Abschied nach einem Sprint zum Flughafen-Gate. Warum strengen wir uns für einen Kuss so an?

Von Benno Müchler

Wieso Menschen küssen, beschäftigt die Wissenschaft seit über hundert Jahren. Sigmund Freund war davon überzeugt, dass uns das Küssen angeboren ist. Es sei ein Instinkt. Seinen Ursprung habe es in unserem Bedürfnis, als Neugeborenes von der Mutter an der Brust gestillt zu werden. Dieses Verlangen legen wir nie wieder ab.

Als Iwan Pawlow jedoch um 1900 seinen Hund per Glockenläuten auf Sabbern konditionierte, nahmen dies verschiedene Psychologen als Beweis dafür, dass das Verhalten – auch des Menschen – nicht auf Instinkten beruhe, sondern stattdessen erlernt sei. Der Mensch sei Herr über seine Instinkte. Der Kuss nur ein gewollter Ausdruck von Liebe.

Der Streit, ob der Wille oder die Natur das Verhalten des Menschen konditioniert, gilt heute als überholt. Der Mensch ist fähig, bestimmte seiner Verhaltensweisen zu ändern. Das Küssen gehört dazu. Es ist ein offener Instinkt. Das erklärt auch, warum rund 650 Millionen und damit zehn Prozent aller Menschen nicht küssen.

Ausdruck von Kannibalismus

Schon Charles Darwin bemerkte dies auf seinen Reisen, ebenso wie der französische Anthropologe Paul d'Enjoy 1897: Chinesen, so d'Enjoy, sei das Küssen von Mund zu Mund ein Gräuel, gar ein Ausdruck des Kannibalismus. Auch der dänische Wissenschaftler Kristoffer Nyrop beobachtete zu dieser Zeit bei einigen finnischen Volksstämmen, dass Paare zwar gerne miteinander badeten, sich aber nie küssten.

In der Mongolei riechen Väter noch heute als Zeichen der Zuneigung nur an den Köpfen ihrer Söhne. Da aber mit 90 Prozent nun aber wiederum die Mehrheit der Menschen küsst, gilt eines als sicher: Küssen ist ein Instinkt und liegt damit in unserer Natur. Bloß wo kommt es her?

Neben Freuds Hypothese vom Mutter-Säugling-Stillen wird bis heute auch eine zweite Hypothese diskutiert. So erklärte 1960 der britische Zoologe Desmond Morris, das Küssen komme von der Praxis der menschlichen Vorfahren, sich von Mund zu Mund zu füttern. Dies ist, so Morris, bei Schimpansen noch heute verbreitet. In Zeiten der Futterknappheit pressten die Affeneltern ihren Kindern die Lippen auf den Mund: als Zeichen der Beruhigung und Fürsorge.

Durchgesetzt in der Evolution

Dass auch Menschen sich von Mund zu Mund fütterten, wurde schon von den Griechen berichtet. Der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt dokumentierte dieses Verhalten sogar noch heute bei einigen afrikanischen Volksstämmen wie den Himbas im Norden Namibias. Ob Freud oder Morris recht hat, ist noch immer unklar.

Warum sich letztlich das Küssen gegen das Nicht-Küssen in der Evolution durchgesetzt hat, steht auf einem anderen Blatt. Eine Erklärung liefern Ergebnisse von Neurologen und Sexualforschern. Sie sehen das Küssen als biologisches Hilfsmittel bei der Partnerauswahl.

So hat die amerikanische Forscherin Sarah Woodley von der Universität von Duquesne in Pittsburgh, Bundesstaat Pennsylvania, verschiedene Studien ausgewertet, die Küssen als Kontrolle der Immunfähigkeit des Partners sehen.

Verschiedene Immunität

Denn gegen welche Krankheiten ein Mensch immun ist, ist von bestimmten Genen, den MHC-Genen, codiert. Und diese nehmen wir beim Küssen, so viel steht fest, über unseren Geruch und Geschmack wahr.

Je verschiedener die MHC-Gene unseres Gegenübers, desto eher nehmen wir ihn zur Wahl. Denn je verschiedener die Immunität, gegen desto mehr Krankheiten ist unser Nachkomme immun, desto höher ist seine Lebenserwartung.

Beweisen wollten die Wissenschaftler dieThese, indem sie Männer und Frauen an getragenen T-Shirts riechen ließen. Die meisten Probanden bevorzugten tatsächlich die T-Shirts anderer MHC-Immuntypen.

Hormoneller Klebstoff der Partnerschaft

Da dies jedoch nicht bei allen Probanden der Fall war, sieht Sarah Woodley im Ergebnis die Kuss-Kontrolle der MHC-Gene nicht als entscheidenden Faktor dafür, dass ein sich sympathisches Paar "vor dem Altar landet oder auch ohne Altar auf der Entbindungsstation". Dennoch helfe uns das Küssen per MHC-Check bei der Partnerauswahl, jedoch beeinflussten die Wahl noch andere Bio-Mechanismen, sagt die amerikanische Sexualforscherin Helen Fisher.

Ein anderes Rätsel gibt das Kuschelhormon Oxytocin den Forschern auf. Dieses Hormon hat, wenn es im Gehirn ausgeschüttet wird, auf den Menschen eine beruhigende und befriedigende Wirkung. Das durch Oxytocin bewirkte Gefühl gilt daher in zwischenmenschlichen Beziehungen als hormoneller Klebstoff der Partnerschaft. Verliebte Paare weisen einen erhöhten Oxytocin-Spiegel auf. So wurde bisher angenommen, dass der Oxytocin-Spiegel schon beim Küssen steigt.

Allerdings fanden die beiden amerikanischen Psychologinnen Wendy Hill und Carey Wilson vom Lafayette College in Easton/Pennsylvania vor zwei Jahren heraus, dass der Oxytocin-Gehalt beim Küssen nur bei Männern steigt. Bei den Frauen hingegen sank er.

Stress-Hormon sinkt

Hill und Wilson folgerten daraus, dass Frauen, anders als Männer, mehr als einen Kuss brauchen, um sich ihrem Partner verbunden zu fühlen. Hill und Wilson zeigten jedoch auch, dass der Wert von Cortisol bei Mann und Frau beim Küssen gleichermaßen stark nach unten sank.

Cortisol erzeugt das Gefühl von Stress. Küssen befreit demnach vom Stress, was somit in gewisser Weise auch dazu führt, dass wir unser geküsstes Gegenüber nicht mehr so schnell wieder verlassen.

Der Kuss wird noch länger Gegenstand der Forschung bleiben. Schon allein, weil seiner sozialen (R)Evolution keine Grenzen gesetzt sind, bedenkt man nur, wo überall geküsst wird. Nicht nur Paare küssen sich. Der Papst küsst den Boden des Landes, das er besucht. Der Kirchgänger den Ring des Bischofs, wenn er ihn trifft.

Der Küssende setzt sich durch

Honecker und Breschnew küssten einander zur Begrüßung auf den Mund. Franzosen sich stattdessen seit eh und je nur auf die Wange, wenn auch mit deutlichem Kussgeräusch.

So ist es durchaus möglich, dass die küssenden 90 Prozent der Menschen bald die kussfreien zehn Prozent erobern. Denn wir reisen und emigrieren heute mehr als je zuvor. So war es in England vor etwas mehr als 20 Jahren noch undenkbar, sich auf offener Straße zur Begrüßung auf die Wange zu küssen, wie die Journalistin Adrianne Blue berichtet, die 1992 ein Buch übers Küssen geschrieben hat.

Heute, sagt Blue, streite man sich in London nur noch darüber, ob zwei- oder dreimal angebracht sei. So glaubt sie fest an die Globalisierung des Kusses – der Küssende setzt sich eben durch.

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