05.07.12

Gesundheit

Bluttest auf Down-Syndrom - Rasterfahndung bei Embryonen

Ein einfacher Bluttest erkennt Trisomie 21. Das neue Verfahren kommt jetzt auf den Markt und ist umstritten.

Foto: DPA
Mädchen mit Down-Syndrom
Eine Mutter hält ihr Kind mit Down-Syndrom bei einer Feier zum Welt-Down-Syndrom-Tag

Absehbar war der Test schon lange. Nun, kurz vor seiner Einführung, bricht durch ihn ein alter Streit erneut aus. Es geht wieder einmal um die moderne Medizin und den Konflikt zwischen Ethik einerseits und vorgeburtlicher Diagnostik sowie Selbstbestimmung von werdenden Eltern andererseits. Es ist diesmal sogar noch verzwickter: Der neue "Praena-Test" der Konstanzer Firma LifeCodexx könnte zu einem makabren Abwägen führen: Müssen die einen Babys sterben, damit die anderen leben können?

PraenaTest ist ein Schwangerschaftstest auf Trisomie 21 (Down-Syndrom). Er ermöglicht es, mit ein paar Tropfen Blut der Schwangeren die Chromosomenabweichung ab der zwölften Schwangerschaftswoche festzustellen. Damit erübrigt sich ein riskanter Test, der das Baby im Mutterleib gefährdet – ganz gleich, wie der Test ausfällt. Mit 230.000 Euro hatte der Bund die Testentwicklung gefördert, noch im Juli soll er in zunächst rund 20 Praxen und Pränatalzentren angeboten werden. Die Kosten von gut 1200 Euro müssen die Mütter selbst tragen.

Nun regt sich Widerstand vonseiten der Behindertenverbände und von Hubert Hüppe (CDU), dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung. Hüppe sprach am Donnerstag in Berlin von Selektion, Diskriminierung und vorgeburtlicher Rasterfahndung nach Menschen mit Behinderung. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten kommt sogar zu dem Schluss, dass der Test illegal sei.

Das Down-Syndrom beruht auf einem Zellteilungsfehler, das Chromosom 21 wird beim Embryo dreifach statt zweifach hergestellt. Die Träger des dreifachen Chromosoms sind in ihren kognitiven Leistungen beeinträchtigt und leiden häufig an verschiedenen Krankheiten. Etwa jedes 500. Kind in Deutschland kommt damit zur Welt, jährlich etwa 1200 Kinder.

Eine alter Streit wieder entfacht

Als vorgeburtliche Diagnostik gibt es schon lange die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) und die Chorionbiopsie. Dabei wird entweder Fruchtwasser oder Gewebe aus der Fruchtblase entnommen. Darin enthaltene Zellen des Fötus werden genetisch untersucht; neben der Trisomie 21 werden auch andere Genveränderungen erfasst. Doch es besteht ein gewisses Risiko, dass dabei die Gebärmutter verletzt oder infiziert wird. Unter Umständen kommt es dann zur Fehlgeburt – und zur paradoxen Situation, dass das Baby stirbt, obwohl es ohne Test gesund zur Welt gekommen wäre. Laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) geschieht das etwa in einem von 100 Fällen.

Ärzte raten davon ab, wenn nicht schon eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Gen- oder Chromosomenveränderung besteht. Im Falle des Down-Syndroms könnte die Abwägung nun entfallen. Ist der harmlose Piks also nicht ein Fortschritt? Er könnte jedenfalls dazu führen, dass sich mehr Frauen testen lassen – und ihr Down-Kind abtreiben. Andererseits besteht nicht das Risiko, ein gesundes Kind sterben zu lassen. Eine makabre Rechnung: Jedes Jahr könnten einige Hundert Kinder mit Down-Syndrom mehr abgetrieben werden, und einige Hundert gesunde Föten blieben am Leben.

Der PraenaTest kurbelt die alte Debatte über die Pränataldiagnostik wieder an. Die Kritiker warnen vor der Stigmatisierung von Behinderten. Hubert Hüppe fürchtet, dass der Druck auf Paare, abzutreiben, noch steigt. Der Test sei nicht nur "im hohen Maße diskriminierend", sondern diene einzig "der Selektion von Menschen mit Down-Syndrom". Er könne die "Rasterfahndung" nach Menschen mit Behinderung verstärken. Hüppe legte ein Gutachten des Bonner Rechtsprofessors Klaus Ferdinand Gärditz vor, wonach der Test laut Gendiagnostikgesetz unzulässig ist. Er "dient weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken". Damit erfülle er nicht die Voraussetzungen für eine legale vorgeburtliche Untersuchung. Aber gilt das nicht auch für die Amniozentese? Gärditz hält dagegen, dass diese nicht immer nur auf Gendefekte teste, sondern auch therapeutischen Zwecken diene. Bei Trisomie 21 sei das aber nicht so.

Auch die Bundesvereinigung Lebenshilfe und Down-Syndrom-Organisationen kritisieren, der Test stelle das Lebensrecht von Menschen mit Down-Syndrom infrage. Der Test leiste "der routinemäßigen Selektion menschlichen Lebens Vorschub", erklärten die stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden Ingrid Fischbach (CDU) und Johannes Singhammer (CSU). Sie forderten die zuständigen Landesbehörden auf, den Verkauf des Tests zu unterbinden. Das wäre theoretisch möglich, denn als Medizinprodukt könnten ihm die Länder die Genehmigung verweigern.

"Selektion des Lebens"

Es stehe zu befürchten, dass in Zukunft immer mehr Mütter, die ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt brächten, "in eine Rechtfertigungsschleife geraten, warum sie die Diagnostik nicht genutzt haben", sagte die Behindertenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Michalk. Ziel müsse eine Gesellschaft sein, die jedes Kind annehme, wie es sei.

Die Gynäkologen der Fachgesellschaft DGGG sehen in dem Test indes "keinen ethischen Dammbruch", auch sei keine sprunghafte Zunahme von Schwangerschaftskonflikten zu befürchten. Auch Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, befürwortet den Bluttest. Im Kern der Debatte geht es nach seiner Meinung auch nicht um den neuen Test, sondern vielmehr "um die Pränataldiagnostik und ihre Konsequenzen insgesamt". Mit den offenen Fragen rund um die Gendiagnostik befasst sich derzeit auch der Deutsche Ethikrat, der im Auftrag der Bundesregierung dazu eine Stellungnahme erarbeiten soll.

Hintergrund - Alter der Schwangeren

Risiko: Wachsende Bedeutung kommt der Trisomie 21 deshalb zu, weil in westlichen Ländern das durchschnittliche Alter der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder ansteigt. Das Risiko für das Down-Syndrom nimmt aber mit dem Alter der Schwangeren zu. Während unter den 25-jährigen Frauen die Wahrscheinlichkeit bei nur 0,1 Prozent liegt, beträgt sie bei den 40-jährigen ein Prozent und den 48-jährigen sogar neun Prozent. Zunehmend könnten folglich werdende Eltern die Notwendigkeit eines vorgeburtlichen Tests sehen, wenn sie kein Kind mit Down-Syndrom möchten und gegebenenfalls abtreiben wollen. Statistische Untersuchungen zeigen, dass die älteren Schwangeren tatsächlich häufiger testen lassen. Fällt der Pränataltest positiv aus, hat das Kind also tatsächlich das Down-Syndrom, lassen etwa 90 Prozent der Frauen die Schwangerschaft beenden.

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