19.05.12

Mediziner warnen

Schönheits-OPs – ein gefährlicher Körperkult

Schönheitsoperationen boomen. Doch nicht immer sind die Chirurgen für dieses Spezialgebiet gut genug ausgebildet – häufig sind sie fachfremd. Auch eine angemessene Beratung fehlt.

Von Christiane Löll
Foto: getty
Auch Männer wollen schöner sein: Die Nachfrage von Schönheitsoperationen bei männlichen Patienten nimmt zu
Auch Männer wollen schöner sein: Die Nachfrage von Schönheitsoperationen bei männlichen Patienten nimmt zu

Zuletzt waren es der Tod von "Sexy Cora" nach einer missglückten Busenoperation sowie der Skandal um minderwertige Brustimplantate, die die Branche mal wieder in Verruf brachten. Politik, Verbraucherschützer und Ärzte wollen nun die Risiken von Schönheitsoperationen minimieren.

Doch trotz aller Skandale werden Jahr für Jahr mehr als eine halbe Million Schönheitsoperationen in Deutschland durchgeführt. Tendenz steigend, glaubt man den Schätzungen von Experten. Am häufigsten sind Fettabsaugungen, Brustvergrößerungen, Lid- und Nasenkorrekturen sowie die Bauchdeckenstraffung.

Nicht mitgezählt sind unzählige kosmetische Eingriffe wie das Aufspritzen der Lippen oder Botox gegen Falten. Frauen legen sich nach wie vor häufiger für die Schönheit unters Messer, die Männer holen jedoch auf. Ein Riesengeschäft.

Auch fachfremde Ärzte machen Brustvergrößerungen

"Genaue Zahlen wie in den USA haben wir nicht", sagt Klaus Müller, Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in der Asklepios Klinik Wandsbek, jetzt auf einer Podiumsdiskussion. Im Gegensatz zu den USA operierten in Deutschland viele Chirurgen "fachfremd", sagt Müller.

Das heißt: Auch Kieferchirurgen oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte machen in Privatkliniken Brustvergrößerungen oder saugen Fett ab. Die Begriffe "Schönheitschirurg" sowie "Klinik" sind nicht geschützt. Kritiker Müller sieht darin ein Kernproblem der Branche.

Die meisten Interessenten suchen im Internet nach einem Arzt und lassen sich nicht selten blenden von "beeindruckender Villa in bester Lage", in denen operiert wird. "Die Qualifikation der behandelnden Ärzte und die Qualität ihrer Arbeit bleiben dabei jedoch meist im Dunkeln", sagte Müller. Und konkrete Nachfragen stellen die Wenigsten. Zu weiteren Risiken zählt er eine schlechte Betreuung nach der Operation und zu wenig Personal in den Einrichtungen selbst – oft aus Kostengründen.

Pornodarstellerin "Sexy Cora" starb bei Schönheits-OP

Auch die Pornodarstellerin "Sexy Cora" wollte sich in einer Hamburger Privatklinik den Busen zum wiederholten Mal vergrößern lassen. Während des Eingriffs kam es zum Herzstillstand, die 23-Jährige starb nach einigen Tagen im Januar 2011. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen die verantwortliche Narkoseärztin beim Landgericht.

Seit 2005 ist der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie ein anerkannter Facharzttitel. Die Weiterbildung dauert mindestens sechs Jahre und beinhaltet Schönheitsoperationen. Zum Geschäft dieser Chirurgen gehören aber auch das Wiederherstellen des Gewebes nach Verbrennungen und Unfällen oder aber Hautstraffungen bei ehemals Fettleibigen, Fachausdruck Adipositas.

Verbraucherschützer kritisieren allerdings, dass viele Chirurgen nicht genügend über Folgen von Schönheitsoperationen aufklären. Das ist besonders heikel, weil es sich in vielen Fällen um medizinisch nicht notwendige Eingriffe handelt. "Leider melden sich bei uns keine Menschen, die sich operieren lassen wollen, sondern zumeist nur jene, bei denen es bereits schiefgegangen ist", sagt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Junge Frau testete 26 plastische Chirurgen

Um sich einen Überblick über diesen Teil der Ärzteschaft und ihre Behandlungsmethoden zu verschaffen, schickte die Verbraucherzentrale vor einiger Zeit eine junge Frau quer durch Deutschland, die 26 plastische Chirurgen in sieben Großstädten aus drei relevanten Fachgesellschaften testete.

Die Frau gab vor, sie wolle sich die Brüste vergrößern lassen. Dabei sollte sie besonders darauf achten, ob die aufgesuchten Mediziner eine zuvor ausgearbeitete Liste von Kriterien abfragten und auch erklärten. Das Ergebnis bestätigte den schlechten Ruf der Branche. Lediglich fünf Ärzte erzielten ein gutes Ergebnis,

21 Ärzte dagegen bekamen eine schlechte Beurteilung. Die Note "sehr gut" erhielt niemand. Nur etwa ein Viertel der Ärzte hatte ausdrücklich erwähnt, dass eine Brustvergrößerung eine Folge-Operation nach sich ziehen könne und die Kassen die Kosten dafür wahrscheinlich nicht übernehmen.

Vier von 29 Ärzten fragten nach der Motivation der OP

Nur vier Ärzte erkundigten sich eingehender nach der Motivation für die gewünschte Brustvergrößerung. "Sie wollen groß? Sie kriegen groß!" hatte sogar ein Chirurg gesagt. Doch gerade die Motivation sollte nicht außer Acht gelassen werden, so das Fazit der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion.

Vor allem, da die Medien oft irreale Schönheitsideale zeigten. "Etwa fünf bis 15 Prozent der Menschen, die zum Schönheitschirurgen gehen, haben eine Körperdysmorphophobie", sagt Aglaja Stirn, Chefärztin für Psychosomatische Medizin im Asklepios Westklinikum Hamburg. Gemeint ist eine gestörte Wahrnehmung des Körperbildes. Diesen Menschen könne mit einer Schönheitsoperation nicht geholfen werden, sagt auch Chirurg Müller.

Derzeit erstellt die Hamburger Ärztekammer Standards, die ein Mindestmaß an Qualität sicherstellen soll. Auf dem Gebiet der Schönheitschirurgie tätige Ärzte sollen künftig Auskunft über ihre Fallzahlen, Fachkompetenz und Behandlungsverfahren geben.

"Eine Art Positiv-Liste soll anschließend ins Internet gestellt werden", sagte Annemarie Jungbluth von der Ärztekammer. Außerdem sollen Operierte ein Feedback geben können, ob ihre praktischen Erfahrungen mit der Selbstauskunft des Arztes übereinstimmen.

An welchen Stellschrauben Politik und Ärzteschaft drehen werden, um das Angebot der Schönheitsoperationen seriöser zu machen, ist allerdings noch offen. Angedacht werden unabhängige Beratungen vor einer Schönheitsoperation, ein Verbot solcher Eingriffe für Minderjährige aber auch rechtliche Konsequenzen für Ärzte, die außerhalb ihres Fachgebiets tätig sind.

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