06.12.08

History

Als Hitlers Hakenkreuzfahne am Südpol wehte

Vor 70 Jahren startete die "Schwabenland" Richtung Antarktis, um das südlichste Gebiet der Erde zu besetzen. Die Expedition bietet bis heute Stoff für Legenden. Eine besagt gar, Hitler hätte dort nach dem Krieg Zuflucht gesucht. Oder: Mit "Reichsflugscheiben" hätte er sich auf den "sicheren Endsieg" vorbereitet.

Von Ulli Kulke

Kapitän Alfred Ritscher hatte vieles vor, als er vor fast genau 70 Jahren mit seinem Motorschiff "Schwabenland" und 82 Mann Besatzung vom Hamburger Hafen ablegte, Richtung Südpol. Eine wissenschaftliche Expedition sollte es werden, er hatte den Befehl, die Position der deutschen Walfangflotte vor der Antarktis zu stärken sowie einen Teil von ihr mit Hakenkreuzfahnen für das Reich zu annektieren. Auch sollte er strategische Erkundungen anstellen über Inseln im Südatlantik, ob sie als Stützpunkte dienen könnten für deutsche U-Boote. Es war Ende 1938, Deutschland lag auf Kriegskurs und Ritscher war im Auftrag von Hitlers Beauftragtem für den Vierjahresplan, Hermann Göring, unterwegs.

Eines aber konnten Ritscher und seine Männer nicht ahnen: Dass die Expedition der "Schwabenland" nach dem Krieg, als Deutschland in Trümmern lag, Kulisse werden sollte für die bizarrsten Legenden, Gerüchte, Gespenstergeschichten aus jener Zeit, die sich noch viele Jahrzehnte halten sollten: Dass Hitler noch lebe, dass er sich mit einer Truppe ausgewählter Elite-Nazis in der Antarktis auf den sicheren Endsieg vorbereite. Mit "Reichsflugscheiben" (Ufos) zum Beispiel. Aber auch mit Gewehren, die um die Ecke schießen konnten. Martin Bormann soll dabei gewesen sein, klar, er galt ja als vermisst und war Hitlers Privatsekretär. Auch Eva Braun, die Ehefrau, war mit von der Partie. In einem Versteck in weit verzweigten Tunnelsystemen im antarktischen "Neuschwabenland", geschützt durch das ewige Eis.

21 Seiten langer Aufsatz

Abwegig, damals wie heute, keine Frage. Doch noch in unseren Tagen erhält, wer die Internet-Suchmaschine Google mit der Kombination "Hitler" und "Antarktis" füttert, je nach genauer Wortwahl Hunderttausende bis über eine Million Hinweise auf Texte, Chats und Blogs. Vielfach mehr auf Englisch als auf Deutsch. Auch in Berlin etwa trifft sich laut Zeitungsberichten alle zwei Wochen ein "Neuschwabenland"-Kreis, in dem gegen die Hochfinanz gewettert, und die Hoffnung wachgehalten wird, dass Reichsflugscheiben und wackere Landsleute am Südpol schon alles richten würden.

Wie virulent und verbreitet vor allem im angelsächsischen Raum die Geisterdebatte noch immer ist, mag man daran ablesen, dass erst vor einem Jahr in der angesehenen Wissenschaftszeitschrift "Polar Record" aus dem englischen Cambridge ein mit 21 Seiten außergewöhnlich langer wissenschaftlicher Aufsatz erschien ("Hitler's Antarctic base: the myth and the reality"), dessen Autor, der Meeresforscher Colin Summerhayes, es für angebracht hielt, die Legenden Stück für Stück zu zerpflücken.

Dass in dem englischen Titel nicht nur von Mythos, sondern auch von Realität die Rede ist, mutet zunächst befremdlich an. Und doch gibt es Tatbestände, an denen all die Buchautoren aus der rechten bis zur neo- und kryptonazistischen Szene, ihre Leser abholen, um sie in ihr Spukhaus zu locken.

Dazu zählt Ritschers Antarktisfahrt. Am 17. Dezember stach die "Schwabenland" in See. Nach außen hin versah man sie mit dem Etikett der Dritten deutschen Forschungsexpedition. Die Vorläufer wie Eduard Dallmann, der im Jahre 1866 als erste auf Wrangel-Land gelandet war, sowie Wilhelm Filchner, der 1911/12 – dem Jahr, als Amundsen als erster den Pol erreichte – weite Strecken des antarktischen Festlandes kartografierte, zählten in den großen Jahrzehnten der deutschen Wissenschaft zu den Pionieren in dieser Weltengegend.

1938 sorgte sich Auftraggeber Göring indes weniger um die deutsche Grundlagenforschung als um die Rohstoffversorgung im Kriegsfall. Dabei spielte der Walfang eine nicht unbedeutende Rolle. Immerhin fünfzig Fangschiffe gingen damals für Führer und Reich auf Jagd im Südmeer. Öl, Schmierstoffe, Margarine und nicht zuletzt Glyzerin zur Herstellung von Sprengstoff hatten sie beizubringen für die grundstoffarme Heimat. Dafür sollte Ritscher Land gewinnen in der noch herrenlosen Antarktis, damit der Walfang quasi vor deutschem Grund und Boden stattfinden könnte und nicht – wie im Gebiet der vielen britischen Inseln des Südatlantiks – hohe Gebühren an London zu entrichten wären.

Flugboote per Katapult hochgeschossen

Bald schon nach ihrer Ankunft Ende Januar 1939 rammte die Besatzung an der Küste Pfähle mit Hakenkreuzfahnen in den eisharten Boden wie einst Kolumbus in der Karibik – mit dem Unterschied, dass in der Antarktis allenfalls Pinguine zusahen. Noch bizarrer gestalteten sich die Manöver, mit denen die Besitzrechte im Hinterland reklamiert werden sollten. Dazu hatte man eigens zwei große Flugboote – Dornier "Wal" – an Deck verzurrt, die mit Katapulten in den Himmel geschossen werden konnten. Mit an Bord bei ihren Erkundungsflügen über Tausende von Kilometern waren stets kleine Fähnchen, die die Besatzung an markanten Stellen weit im Inland abwarf.

War das eine Landnahme, mit gültigen völkerrechtlichen Ansprüchen? Noch gab es keinen Antarktisvertrag wie heute, der solche Ambitionen grundsätzlich ausschloss. Die Debatte über die Konsequenzen der eingepflanzten oder abgeworfenen Reichsflaggen wurde noch in den 50er-Jahren geführt. Im Bundesanzeiger reklamierte der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Walter Hallstein, 1952 zwar die Gültigkeit von knapp 100 Namensgebungen von Berg und Tal, Inseln und Halbinseln nach deutschen Polarforschern, die die Besatzung der "Schwabenland" damals in dem noch anonymen Teil des Südkontinents vorgenommen hatte. Darunter auch das gesamte Territorium als "Neuschwabenland". Von Ansprüchen an das Gebiet war nicht die Rede.

Ehrfurcht vor Hermann Göring

Im Jahr 2004 erklärte das Außenministerium auf Anfrage des Buchautors Heinz Schön: "Das frühere Deutsche Reich hat Gebietsansprüche in der Antarktis nicht erhoben". Schön schildert in seinem Bildband "Mythos Neuschwabenland" die Expedition zwar minutiös. Allerdings riecht es bei ihm zwischen den Zeilen stark nach Ehrfurcht vor Figuren wie Hermann Göring. Das einzige, was für ihn spricht, ist, dass er der Theorie "Hitler lebt am Südpol" wenig abgewinnen kann, und er sein Buch nicht dem Führer gewidmet hat.

Warum Hitlers Regierung seinerzeit keine Ansprüche auf den regelrechten Besitz von Neuschwabenland erhob, ist nie mit Sicherheit geklärt worden. Vor Abreise der "Schwabenland" war dies noch die Agenda. Offensichtlich hatten norwegische Walfänger vor Ort die Ankunft der "Schwabenland" nach Oslo gemeldet, woraufhin die dortige Regierung sofort, noch vor der Ankunft der Deutschen, ihrerseits auf dasselbe Gebiet Hoheitsrechte geltend machte. Dagegen protestierte man in Berlin zwar, verzichtete aber fortan selbst auf formale Inbesitznahme. Möglicherweise aus taktischer Rücksichtnahme gegenüber Norwegen vor dem Krieg.

Nur etwa drei Wochen lag die "Schwabenland" vor Antarktika, mit ihrem Hauch von Nazi-Pest an Bord. Keine Zeit, in der die Besatzung größere infrastrukturelle Maßnahmen auf oder unter dem Festland hätte vornehmen können für die Geschichten, die dem Kontinent später angedichtet wurde.

Wunderwaffen im Petto

Angefangen hatte all das mit zwei deutschen U-Booten, die erst Monate nach Kriegsende, im Juli und sogar August 1945 einzeln im argentinischen Hafen Mar del Plata eingelaufen waren, wo sich deren Wehrmachts-Besatzungen den Behörden ergaben. Wo aber waren die Boote in der Zwischenzeit?

Schnell tauchte in Südamerika, wo in der Zeit viele Größen des untergegangenen Reichs eintrafen, das Gerücht auf, die Tauchboote hätten gleich nach der Kapitulation am 8. Mai große, geheime Konvois von noch geheimeren Nordseehäfen in die Antarktis begleitet, wären vor dem Packeis auf Tauchfahrt gegangen, bis zum Festland, wo die Nazigrößen mit ihren Stäben an Land gegangen und sich sogleich in jenen Tunneln eingerichtet hätten, die die "Schwabenland"-Besatzung zuvor gegraben hätte.

Das nächste Puzzlesteinchen kam 1947 hinzu, als in den USA die ersten Flugzeug-Piloten anfingen, von Ufo-Sichtungen zu berichten. Hatten die Nazis nicht noch Wunderwaffen in petto gehabt? Raketen, Jets? – Ufos? Die unmittelbare Nachkriegszeit war wie geschaffen für derlei Gerüchte. Technisch hatte der Krieg Ungeahntes geschaffen. War nicht gerade erst die neuartige Atombombe gefallen?

Andererseits war man längst gewohnt, dass alles und noch viel mehr geheim war. Und wenn dann der Begriff "Reichsflugscheibe" auftauchte, klang der nur allzu logisch, so dass er schnell von einem zum anderen Buch abgeschrieben wurde, insbesondere in den USA. Übrigens leistete auch die Sowjetunion solchen Gerüchten Vorschub, betonte man doch dort ein ums andere Mal, dass man sich keinesfalls sicher sei, den wirklichen Hitler als Leiche vor dem Führerbunker gefunden zu haben. Frei erfundene Zitate machten plötzlich die Runde durch mehrere Neuerscheinungen: Wenn wir uns hier nicht mehr verteidigen könnten, soll Hitler kurz vor Schluss gesagt haben, dann eben aus dem Ausland. Den Ursprung der Quelle fand man nie, doch waren die U-Boote und die Ufos, überhaupt die Antarktis nicht Beweis genug?

Militärmanöver in der Antarktis

Dann wurde es ernst: Die Amerikaner starteten 1946/47 ihre "Operation Highjump" – Militärmanöver in der Antarktis, um ihr US-Kriegsgerät in extremer Kälte zu testen, gerade hatte der Kalte Krieg begonnen. Doch das waren für die immer umfangreicher werdende Verschwörungsgemeinde nur vorgeschobene Gründe. Für sie ging Highjump gegen Hitler und Neuschwabenland. Als die US-Army abzog, konnte es nur heißen: "Hitler lebt weiter".

1958 explodierten drei Atombomben 1760 Kilometer südwestlich von Südafrika. Es waren die einzigen geheimen unter den Atomtests, die je in der Atmosphäre durchgeführt wurden – und deshalb ein leichtes für die Neuschwabenland-"Solidarität" in aller Welt, die Explosionen auf der Landkarte Tausende Kilometer weit über die Nazi-Stellungen zu verschieben. Natürlich konnten für sie auch die Massenvernichtungswaffen dem Führerbunker im Eis nichts anhaben. Für sie rundete sich das Bild ab mit jeder Nachricht, die es eigentlich unweigerlich verblassen ließ.

Eines zeigt die Angelegenheit Neuschwabenland und ihre Verbreitung im Internet: Nationalsozialistische Gedanken wirken weit über die politischen und gesellschaftlichen Positionen der Rechtsextremen hinaus. Im Blick zurück verschwimmen – auch bei angeblich ungefährdeten Gemütern – bisweilen die Grenzen zur Verschwörung. Es sind ja nur Gedankenspiele. Schaurig, aber faszinierend. Und gefährlich.

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