Meeresspiegelanstieg
Niederlande wappnet sich gegen gefräßige See
Mit Sorge hat man in dem am tiefsten liegenden Land Europas die jüngsten Ankündigungen der Klimaforscher zur Kenntnis genommen: Noch in diesem Jahrhundert werde der Meeresspiegel um einen Meter ansteigen – ein Schock, da halb Niederlande unterhalb der Meereshöhe liegt. Nun werden neue Wehre gebaut.
Von Anatol Johansen
Am 21. September 2005 bedeckte das Eis nur noch eine Fläche von 5,32 Millionen Quadratkilometern.
Zwar hatte Den Haag schon nach der verheerenden Sturmflut des Jahres 1953 – sie kostete 1800 Menschen das Leben – ein umfangreiches Küstenschutzprogramm verwirklicht. Die gewaltigen, in der Welt bislang einzigartigen Sperrwerke sind inzwischen längst zu einer Touristenattraktion geworden. Doch nachdem wegen drohender erneuter Überflutungen in den Jahren 1993 und 1995 etwa 200.000 Menschen und über eine Million Stück Vieh hatten evakuiert werden müssen, beauftragte die Regierung erneut ein Expertengremium, die Delta-Kommission, Vorschläge zu einer weiteren Verbesserung des Küstenschutzes auszuarbeiten.
Die Kommission kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass der Meeresspiegel sich bis zum Jahre 2100 um 0,65 Meter bis 1,3 Meter erhöht – das deckt sich mit der Prognose des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der niederländische Premierminister Jan Peter Balkenende erklärte anlässlich der Vorstellung des Programms, man sei nicht gewillt, das Land aufzugeben, das dem Meer abgerungen wurde.
Das Programm sieht unter anderem eine Vorverlagerung der Küstenlinie um 100 bis 1000 Meter durch Sandaufschüttungen vor und einen Um- und Ausbau von Sturmflutwehren. Das statistische Risiko einer katastrophalen Flut soll so von einmal pro 10.000 Jahre auf nahe null gesenkt werden.
Zudem sollen Grundwasserspeicher durch Frischwasserpuffer vor dem Versalzen geschützt werden. Der Klimawandel führt aber auch dazu, dass Rhein und Maas im Sommer deutlich weniger, im Winter dafür erheblich mehr Wasser führen als bisher. Bei Hochwasser gibt es zu wenige Auslaufflächen, weil die meisten Auffangbecken wie in Deutschland zugebaut wurden. Es kommt deshalb zu Überschwemmungen. Im Sommer wiederum fehlt das Wasser für Schifffahrt, Landwirtschaft und Kraftwerkskühlung.
Für die Verwirklichung des neuen Programms, das eine Vielzahl von Bau- und anderen Maßnahmen vorsieht und bis 2050 realisiert werden soll, werden zukünftige Regierungen allerdings tief in die Tasche der Steuerzahler greifen müssen. Jedenfalls dann, wenn das Programm 2009 die parlamentarischen Hürden nimmt. Etwa zwei Milliarden Euro, so die Spezialisten, müssten Jahr für Jahr bis 2050 für den verbesserten Schutz der holländischen Nordseeküsten und die Regulierungen von Maas und Rhein bereitgestellt werden.
Es gibt aber auch Kritik am neuen Delta-Programm. Die Niederländer seien zwar sehr gut im Erstellen von Untersuchungen, meint etwa Professor Hugo Priemus von der TU Delft, "aber wie man sie in die Praxis umsetzen kann, ist eine ganz andere Sache". Anderer Ansicht ist John de Ronde vom Institut für Küstenmanagement in Den Haag. "Es ist zwar ein enormer Betrag", räumt er ein, "aber wir haben im Küstenschutz auch schon eine etwa 2,5 Billionen Dollar kostende Infrastruktur stehen." Wenn man bei null beginnen und eine solche Infrastruktur erst aufbauen müsste, würde man wohl wirklich daran denken müssen, das Land an die See zurückzugeben. "Das ist die Lage, der sich Bangladesch, Süd-Louisiana und die Everglades in Florida bald ausgesetzt sehen könnten."
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