13.11.06

Attraktivitätsforschung

Wer schön ist, kommt weiter

Die provokante These der Attraktivitätsforscher lautet: Die Bevorzugung von gut aussehenden Menschen ist nicht kulturell bedingt. Vielmehr gibt es von der Evolution festgeschriebene Kriterien, nach denen wir Schönheit bewerten. Eines bezieht sich auf die sexuelle Reife.

Foto: dpa
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Die Natur ist ungerecht: Schöne Menschen haben gegenüber weniger attraktiven viele Vorteile im Leben. Schönheit öffnet Tür und Tor und zwar von Geburt an. Schon hübsche Kinder entwickeln im Laufe ihrer Sozialisation ein höheres Selbstbewusstsein, da sie von klein auf mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit erfahren. Diese Bevorzugung setzt sich bis ins Erwachsenalter fort. Schöne Menschen haben nicht nur bessere Chancen beim anderen Geschlecht, sondern auch größere Erfolge auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden als intelligenter, erfolgreicher, zufriedener, sympathischer, kreativer und fleißiger eingeschätzt. Ein schöner Mensch ist also per se die personifizierte politische Inkorrektheit.

Sozialer Sprengstoff

Kurz: Die Diskussion über Schönheit birgt sozialen Sprengstoff. Und die Attraktivitätsforscher gießen zusätzlich Öl ins Feuer. Denn ihre einhellige These lautet: Die Bevorzugung von attraktiven Menschen ist biologisch bedingt und in Bezug auf die Evolution des Menschen sinnvoll. Individuen werden bei der Partnerwahl von ihren Instinkten geleitet, da sich in der Attraktivität eines Menschen seine Gen-Ausstattung widerspiegelt - treibende Kraft ist die Fortpflanzung und der Wunsch nach Kindern, urteilen die Forscher.

Ulrich Renz, Autor von "Schönheit. Eine Wissenschaft für sich", bringt die Forschungsergebnisse auf den Punkt: "Die Antwort der Wissenschaft lautet klipp und klar: Schönheit ist alles andere als relativ. Quer durch alle Schichten der Gesellschaft, durch alle Kulturen und Kontinente, unabhängig von Alter, Beruf oder Geschlecht – überall werden dieselben Gesichter als attraktiv wahrgenommen." Renz zufolge gibt es zwar geschmackliche Unterschiede bei unserem Attraktivitätsempfinden, diese unterliegen aber allgemeinen, kulturübergreifenden Grundschemas. Denn das Aussehen liefert einen schnellen und gut einschätzbaren Hinweis darauf, ob sich der andere als Partner für gemeinsame Kinder eignet.

Was gilt als schön?

Über die neueren Studienergebnisse zum Thema berichtet das Magazin "Spektrum der Wissenschaft" in seiner jüngsten Ausgabe. Die meisten Untersuchungen basieren auf Testserien mit Porträtfotos, die zuvor mit Hilfe des Computers manipuliert wurden. Für die Testreihen wurden Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen ausgewählt. Bei der Frage, welche der gezeigten Gesichter von den Probanden als attraktiv oder weniger attraktiv empfunden wurden, haben die Wissenschaftler überraschende Erkenntnisse gewonnen.

Symmetrische Gesichter haben eine große Bedeutung für die Beurteilung von Attraktivität. Stark asymmetrisch Gesichter werden eher als unattraktiv empfunden. Dies gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Eine Begründung liefert die Populationsgenetik: So soll ein symmetrisches Gesicht Hinweise auf vorteilhafte Gene geben. Stark asymmetrische Gesichter werden im Umkehrschluss mit einer durch Krankheit geprägten Entwicklung des Individuums assoziiert. Außerdem spricht Symmetrie für eine breit gefächerte genetische Ausstattung des Individuums - eine hohe Anzahl von Genvarianten weist auf eine gute Immunabwehr hin.

Durchschnittliche Frauentypen gefragt

Überraschend ist, dass Frauen, die eher durchschnittlich aussehen, von den Probanden als attraktiver empfunden werden. Testreihen mit am Computer manipulierten Durchschnittsgesichtern zeigen aber, dass sich die Attraktivität noch erhöhen lässt, wenn einzelne Züge künstlich verstärkt werden. Das Ideale Frauengesicht vereinigt zudem sowohl kindliche als auch Erwachsenenmerkmale. Glatte Haut und große klare Augen spielen ebenfalls eine Rolle.

Nach einer Untersuchung des Evolutionsbiologen David Buss wählen Männer indes nicht unbedingt jüngere Frauen als potenzielle Partner aus. Bei den Tests wurde vielmehr deutlich, dass Frauen, deren Gesichtszüge auf sexuelle Reife und den Erwachsenenstatus verwiesen, von den Männern sehr hohe Punktzahlen erhielten. Physiognomische Hinweise für sexuelle Reife sind schmale, leicht einfallende Wangen und hohe, etwas breitere Wangenknochen.

Wie bei den Frauen, so ist auch bei den Männergesichtern Symmetrie gefragt. Allerdings werden Männer im Unterschied zu den Frauen als attraktiver bewertet, wenn sich ihre Gesichtszüge vom Durchschnitt deutlich abheben. Hinzu kommen starke geschlechtsspezifische Merkmale. So wirkt ein breites, markantes Kinn auf Frauen anziehender als kindliches Aussehen.

Männergesichter, die eine stark maskuline Ausprägung aufweisen, werden von den Frauen jedoch nur während der empfängnisbereiten Tage ihres Zyklus bevorzugt. Denn Männer, die besagtes kräftiges Kinn vorweisen, versprechen nach Erkenntnissen von Evolutionsforschern auch besonders starke Nachkommen. Während der verbleibenden Zeit des Monatszyklus erhalten aber auch weichere Männer eine Chance. In der Evolution haben sich diese zyklusbedingten Unterschiede für die Frauen als nützlich erwiesen. Da stark maskuline Männertypen, was Treue und Familienbindung betrifft, nicht immer als die Verlässlichsten gelten. Auf Grund ihrer höheren Testosteronwerte wechseln sie nach der DNA-Weitergabe gerne ins nächste Revier.

So signalisiert den Evolutionsforschern zufolge ein markantes männliches Gesicht Immunkompetenz und gute Gene. Die Fähigkeit Krankheiten besonders gut abwehren zu können, zeichnet sich sozusagen im Gesicht ab. Kurz: Die Frauen haben durch ihre Partnerwahl beim anderen Geschlecht die Entwicklung von gut sichtbaren Merkmalen forciert, an denen sie diese Qualitäten relativ zuverlässig erkannten.

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